Wie lässt sich der Holocaust erzählen, wenn die Zeitzeug*innen verschwinden und welche Formen des Erinnerns können an ihre Stelle treten?Fünf Schicksale aus Siegen stehen im Mittelpunkt der Graphic Novel „Bin Mensch nicht auch ich?“. Es sind Verfolgungsgeschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Entstanden aus lokaler Erinnerung und mit wissenschaftlicher Begleitung eröffnet das Buch neue Zugänge zur Vergangenheit, besonders für junge Menschen.
Die Zeit der Zeitzeug*innen geht zu Ende. Es braucht neue Formen, um vom Holocaust zu erzählen. Erinnerungen, die Wissen vermitteln und trotzdem berühren. Die Graphic Novel-Anthologie „Bin Mensch nicht auch ich? Erinnern, Erzählen, Erleben“, entstanden in Zusammenarbeit der Universität Siegen und des Aktiven Museums Südwestfalen, versucht genau das und nutzt dafür die Form des Comics.
Das Buch, herausgegeben von Dr. Jana Mikota, Prof. Dr. Daniel Stein und Dr. Jens Aspelmeier, versammelt Lebensgeschichten von Menschen aus Siegen und Umgebung, deren Schicksale während der NS-Zeit beispielhaft für Verfolgung, Entrechtung und Gewalt stehen. Doch statt diese Geschichten in klassischer Textform zu erzählen, werden sie von den Künstlerinnen Marion Goedelt, Inbal Leitner, Stephanie Lunkewitz, Lisa Rock und Bianca Schaalburg in Bilder übersetzt. So entsteht ein Zugang, der besonders junge Menschen anspricht. An manchen Bildern bleibt man lange hängen. Nicht alles muss in Sprache erklärt werden. Das, was gezeichnet ist und auch die Leerstellen, was Farben und Striche nur andeuten, entfalten Wirkung.
Eine dieser Geschichten ist die von Inge Frank. Sie war ein junges Mädchen aus Siegen, dessen Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung brutal beendet wurde. Deportiert und ermordet steht ihr Name heute stellvertretend für viele, deren Biografien ausgelöscht werden sollten. In der von Marion Goedelt inszenierten grafischen Kurzgeschichte wird ihr Leben nicht nur rekonstruiert, sondern als berührende Geschichte erzählt.
Neben ihr begegnen Leser*innen weiteren Schicksalen aus Siegen. Dem jüdischen Mädchen Betty Hochmann, dem 1938 die Flucht nach Palästina gelang und von deren Erfahrungen Inbal Leitner erzählt. Der jungen Zina, die als Kind zur Zwangsarbeit nach Siegen verschleppt wurde und von Bianca Schaalburg porträtiert wird. Otto Päulgen aus Niederschelderhütte, dessen Erlebnisse als Opfer der NS-„Euthanasie“-Politik von Lisa Rock gestaltet wurde, und der Geschichte der Siegener Synagoge, die für das ausgelöschte jüdische Leben der Stadt steht und die Bearbeitung von Stephanie Lunkewitz prägt.
Ein zentrales Element des Projekts ist die Zusammenarbeit mit Menschen aus Siegen, die als Partner und „Zweitzeug*innen“ die Geschichten weitertragen. Zu ihnen zählen Traute Fries und Rüdiger Fries, deren Familie einst gemeinsam mit der Familie Frank in einem Haus lebte. Rüdiger Fries hat außerdem das Schicksal von Otto Päulgen recherchiert und damit die Basis für die künstlerische Umsetzung gegeben. Peer Ball kannte die Geschichte der verschleppten Zwangsarbeiterin Zina sehr gut. Sie kam später noch einmal nach Siegen zu Besuch, und in ihrer Heimat konnte er ein Interview mit ihr führen. Vieles, was das Aktive Museum Südwestfalen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit der Geschichte vor Ort geleistet haben, ist in das Buch eingeflossen.
Wissenschaftler*innen und Studierende der Universität Siegen, Menschen, die sich vor Ort im und für das Museum engagieren und die Künstlerinnen arbeiteten hier Hand in Hand. Aus Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekten, die seit 2024 mit Unterstützung des Zukunftsfonds gegen Antisemitismus (Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW) durchgeführt wurden, entstanden eine Ausstellung zur Erinnerungskultur in Graphic Novels sowie Kontakte zu internationalen Künstler*innen und Autor*innen. Dr. Jana Mikota (Germanistik) brachte ihre besondere Expertise zu Kinder- und Jugendliteratur ein, Prof. Dr. Daniel Stein (Amerikanistik) sein Wissen aus der Comicforschung. Dr. Jens Aspelmeier vom Vorstand des Aktiven Museums ist Leiter des Zentrums für schulpraktische Lehrkräfteausbildung und weiß, wie wichtig die Thematisierung des Holocaust an Schulen ist und dass neue Wege der Erinnerungskultur gefunden werden müssen.
Didaktisch aufbereitet eröffnet das Buch Lehrkräften neue Möglichkeiten, Geschichte zu vermitteln und Diskussionen anzustoßen. Gleichzeitig richtet es sich auch an alle, die sich für Geschichte und vor allem die Stadtgeschichte interessieren. Siegen steht dabei beispielhaft für viele andere Städte, die im historischen Weltgeschehen sonst nicht markiert sind.
Erscheinen wird die Graphic-Anthologie im Ariella Verlag in Berlin, einem Verlag, der sich auf moderne jüdische Literatur sowie Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert hat. Finanziell unterstützt wurde die Publikation von der Landeszentrale für politische Bildung, dem Aktiven Museum Südwestfalen und der Universität Siegen.
Dr. Jana Mikota
Email: mikota@germanistik.uni-siegen.de
Tel.: 0271 740-2099
Prof. Dr. Daniel Stein
Email: stein@anglistik.uni-siegen.de
Tel.: 0271 740-4040
Dr. Jens Aspelmeier
Email: jens.aspelmeier@zfsl.nrw.de
Die Geschichte des jüdischen Mädchens Inge Frank aus Siegen wurde von Marion Goedelt illustriert.
Copyright: Universität Siegen
Präsentierten das Buch „Bin Mensch nicht auch ich?“ (von links): Prof. Dr. Daniel Stein, Rüdiger Fri ...
Copyright: Universität Siegen
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
Art / design, Cultural sciences, History / archaeology, Language / literature, Philosophy / ethics
transregional, national
Schools and science, Transfer of Science or Research
German

Die Geschichte des jüdischen Mädchens Inge Frank aus Siegen wurde von Marion Goedelt illustriert.
Copyright: Universität Siegen
Präsentierten das Buch „Bin Mensch nicht auch ich?“ (von links): Prof. Dr. Daniel Stein, Rüdiger Fri ...
Copyright: Universität Siegen
You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.
You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).
Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.
You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).
If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).