Institut für Gesundheits- und Life-Sciences-Recht der Technischen Hochschule Mannheim leitet bundesweit einzigartiges Reformprojekt. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses fördert das VERINET-Projekt zur Verbesserung der Notfallversorgung.
Wer in Deutschland den Notruf 112 wählt, wird mit einer Leitstelle verbunden, die für schwerwiegende oder lebensbedrohliche Notfälle zuständig ist. Doch ein solcher Notfall liegt häufig nicht vor. Trotzdem wird mangels Alternativen häufig ein Rettungswagen entsandt. Millionen Patienten landen daher jährlich in überlasteten Notaufnahmen, obwohl ihnen anderswo schneller und besser geholfen werden könnte. Genau hier setzt das VERINET-Projekt an, das der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) jetzt mit knapp 7 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds fördert.
Das Problem: Patienten im Niemandsland zwischen Rettungsdienst, Notaufnahme und Hausarzt
Die Notfallversorgung in Deutschland steht vor einem strukturellen Problem: Wer die 112 anruft, bekommt häufig einen Rettungswagen – auch dann, wenn eigentlich ein Arztbesuch am nächsten Tag ausreichen würde. Wer die 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes wählt, hat Kontakt mit dem „Hausarzt“, obwohl vielleicht ein pflegerisches Problem vorliegt. Viele Menschen begeben sich daher aus Unsicherheit in die nächste Notaufnahme, die aber eigentlich nur der Zugang zur stationären Krankenhausbehandlung sein sollte. Zwischen den vielen Welten der Notfallversorgung gibt es bislang keine verlässliche Brücke. Die Folge: Es kommt zu Fehlsteuerung. Rettungswagen fahren vermeidbare Einsätze, Notaufnahmen sind überfüllt und Patienten erhalten nicht immer die Versorgung, die ihrer Situation tatsächlich entspricht.
Die Lösung: Eine Leitstelle, die wirklich steuert
VERINET steht für „Vernetzte und Integrierte Notfallversorgungs- und Einsatzsteuerung“. Im Kern geht es darum, Hilfesuchende künftig nicht einfach nur an den Rettungsdienst weiterzuleiten, sondern aktiv in die jeweils passende Versorgung zu steuern. Zusätzlich besonders geschulte medizinische Fachkräfte (Case-Manager) in den Leitstellen nehmen bei Bedarf dafür eine qualifizierte Einschätzung vor – unterstützt durch digitale Werkzeuge – und vermitteln die Betroffenen gezielt dorthin, wo ihnen am besten geholfen wird: zum Hausarzt, in eine Videosprechstunde, zum pflegerischen Notdienst, zur Palliativversorgung oder – bei Bedarf – natürlich weiterhin in die Notaufnahme. Dabei gilt der Grundsatz: die richtige Versorgung, am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt, durch die richtige Fachkraft.
Stadt und Land: Zwei Modellregionen, ein Konzept
Das Projekt wird an zwei Standorten erprobt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: im urbanen Umfeld Mannheims und im ländlichen Raum der Region Ems-Vechte in Niedersachsen. So wird sichergestellt, dass das Konzept nicht nur in Ballungsräumen funktioniert, sondern auch dort, wo Versorgungsstrukturen dünn gesät sind. Als zentrales Element bauen die Integrierte Leitstelle Mannheim gGmbH und die Leitstelle Ems-Vechte AöR jeweils regionale Akutversorgungsnetzwerke auf, in denen alle Leistungserbringer der Notfallversorgung, wie Ärzte, Pflegekräfte, sozialpsychiatrische Dienste, Apotheken oder Krankenhäuser, verbindlich zusammenarbeiten sollen, sodass eine zielgerichtete Patientensteuerung erfolgen kann.
Wissenschaftlich begleitet, politisch gewollt
Das Institut für Gesundheits- und Life-Sciences-Recht der Technischen Hochschule Mannheim leitet das Projekt und verantwortet die gesundheitsrechtliche Begleitung, während die Universität Maastricht mit ihrem Care and Public Health Research Institute die versorgungswissenschaftliche Begleitung übernimmt. Die wissenschaftliche Evaluation wird durch das Wiesbaden Institute for Healthcare Economics and Patient Safety (WiHelP) der Hochschule RheinMain durchgeführt. Vonseiten der Krankenkassen wird das Projekt vom Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) begleitet. Das Vorhaben folgt den Empfehlungen der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Auch der Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege schätzt das mit VERINET verfolgte Ziel als Ansatz mit „besonders hohem Potenzial“ ein. Ebenso greift der aktuelle Referentenentwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Reform der Notfallversorgung das Grundkonzept von VERINET auf. Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren.
Prof. Dr. Andreas Pitz, Professor an der Fakultät für Sozialwesen der TH Mannheim und Projektleiter VERINET: „Die Notfallversorgung bedarf einer grundlegenden Reform, da sind sich alle Experten einig. Wir sind sehr stolz, uns aber zugleich auch der Verantwortung bewusst, die Reformideen in die Praxis umsetzen zu dürfen.“
Prof. Dr. Angelika Altmann-Dieses, Rektorin der TH Mannheim: „Dass wir gemeinsam mit unseren Partnern in Mannheim an konkreten Lösungen für die Notfallversorgung arbeiten, freut mich persönlich besonders. Die enge Vernetzung zwischen Hochschule und Stadt ist eine große Stärke unseres Standorts – und dieses Projekt bietet die Chance, diese Zusammenarbeit weiter auszubauen und nachhaltig zu stärken.”
Prof. Dr. Mathias Hafner, Prorektor für Forschung, Technologietransfer und Internationalisierung der TH Mannheim: „Als Hochschule für angewandte Wissenschaften verstehen wir Forschung als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Mit diesem bundesweit einzigartigen Reformprojekt setzen wir einen Meilenstein in der Notfallversorgung und leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitssystems in Deutschland.“
Hintergrund
Der Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) fördert neue Versorgungsformen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen und das Potenzial haben, die Versorgung von Patienten nachhaltig zu verbessern.
Prof. Dr. Andreas Pitz
7 Millionen Euro für bessere Notfallversorgung
Source: Cordula Boll
Copyright: TH Mannheim
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
Medicine, Nutrition / healthcare / nursing, Politics
transregional, national
Research projects, Transfer of Science or Research
German

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