Städte können das Klima schützen, indem sie Bewohnerparken teurer machen, Schnellbuslinien einführen oder kostenloses Parken für Elektroautos ermöglichen. Im Auftrag des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg hat das Fraunhofer ISI die Klimawirkungen verschiedener Maßnahmen für den Klimaschutz berechnet und ausgewertet. Untersucht wurden Fallbeispiele aus Stuttgart, Tübingen, Freiburg und Landau in Rheinland-Pfalz.
Baden-Württemberg will den Verkehr im Land bis 2040 klimaneutral machen. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen aus dem Verkehr um 55 Prozent gegenüber 1990 sinken. Welche Maßnahmen sind geeignet und nötig, um diese Ziele zu erreichen? Im Auftrag des baden-württembergischen Verkehrsministeriums haben Wissenschaftler:innen des Fraunhofer ISI für ein Working Paper die Auswirkungen von drei Maßnahmen mit besonderem Forschungsbedarf analysiert. Mittels ex-post-Analysen haben sie die tatsächlichen Auswirkungen auf klimaschädliche Treibhausgasemissionen nach Einführung der Maßnahmen untersucht.
Neue Schnellbuslinie in Freiburg
In Freiburg wurde im Dezember 2022 die neue Schnellbuslinie 37 eingeführt, die an Wochentagen morgens und nachmittags mehrere Umlandgemeinden mit der Kernstadt und dem Bahnnetz verbindet. Fahrzeiten und Umstiege für Pendler:innen wurden dadurch reduziert. Die Forschenden haben untersucht, ob steigende Fahrgastzahlen der Buslinie mit weniger Pkw-Fahrten und dadurch mit sinkenden CO2-Emissionen einhergehen.
Ein Drittel der befragten Fahrgäste hätte einen Pkw zur Verfügung, nutzt aber aus Bequemlichkeitsgründen lieber den Bus. Dadurch spart die Buslinie jährlich 157 Tonnen CO2 durch Verlagerung aus dem Individualverkehr ein. Da die eingesetzten Dieselbusse ungefähr 103 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr verursachen, beläuft sich die Gesamtersparnis auf 54 Tonnen oder 8,1 Kilogramm pro Einwohner:in im Einzugsgebiet. Der Einsatz von Elektrobussen würde die Wirkungen verdreifachen.
Kostenloses Parken für Elektrofahrzeuge in Stuttgart
Wenn Städte das Parken für Elektroautos kostenlos oder günstiger machen, werden Besitz und Nutzung elektrischer Fahrzeuge attraktiver. Die sinkenden Kosten verstärken den Anreiz für den Wechsel vom Verbrenner zum Elektrofahrzeug, wodurch der Elektro-Anteil im Fahrzeugbestand steigt und die örtlichen Treibhausgasemissionen im Verkehr sinken. Die Forschenden haben die Auswirkungen dieser Maßnahme am Beispiel der Stadt Stuttgart untersucht, welche 2012 das kostenfreie Parken für E-Fahrzeuge eingeführt hatte. Wegen der starken Zunahme des Elektroauto-Bestands in der Region ließ die Stadt die Regelung zum Ende des Jahres 2022 auslaufen. Zu diesem Zeitpunkt lag der Anteil von Elektroautos in Stuttgart bei acht Prozent und damit fast doppelt so hoch wie im landesweiten Durchschnitt (4,5 Prozent). Auch in den angrenzenden Landkreisen, von wo viele Menschen für Arbeit oder Freizeit in die Stuttgarter Innenstadt pendeln, lag der Anteil an Elektrofahrzeugen zum Teil deutlich oberhalb des Landesdurchschnitts.
Die Forschenden haben ermittelt, dass in Stuttgart von 2018 bis 2022 schätzungsweise bis zu 15.460 rein elektrische Fahrzeuge und 10.160 Plug-in-Hybride aufgrund des kostenlosen Parkens anstelle von Benzinern und Diesel-Pkw zusätzlich in den Fahrzeugbestand gekommen sind. Rund ein Drittel aller rein elektrischen Fahrzeuge konnten dem kostenlosen Parken zugerechnet werden. In diesem Zeitraum ergibt sich durch die Maßnahme eine Einsparung von rund 63.000 Tonnen CO2. Das entspricht einer jährlichen Reduktion um 5,8 Kilogramm je Einwohner:in.
Bewohnerparken in Tübingen und Dauerparken in Landau (Rheinland-Pfalz)
Seit Juli 2021 können die Kommunen in Baden-Württemberg eigene Gebühren für das Bewohnerparken festlegen. Seitdem haben viele Städte und Gemeinden die Gebühren im Vergleich zur zuvor bundesweit geltenden Obergrenze von 30,70 Euro pro Jahr deutlich erhöht. Die Forschenden haben untersucht, wie sich dies auf den Pkw-Bestand in Städten und damit auf die verkehrsbedingten CO2-Emissionen auswirkt.
Als Fallbeispiel wählten sie Tübingen aus, wo ein Bewohnerparkausweis im Untersuchungszeitraum je nach Antriebsart, Fahrzeuggewicht und Einkommen im Schnitt 126 Euro kostete. Für einen Vergleich analysierten sie auch die Regelungen der Stadt Landau in Rheinland-Pfalz, wo anstelle von Bewohnerparkausweisen neue Gebühren für das Dauerparken auch durch Gewerbetreibende oder auswärtige Pendler:innen eingeführt wurden.
Die höheren Preise bewirkten in Tübingen eine Reduktion der Fahrzeugflotte um 2,6 Prozent bzw. 275 Fahrzeuge im Untersuchungsgebiet und in Landau eine Reduktion um 2,2 Prozent bzw. 148 Fahrzeuge. In der Folge reduzierten sich die CO2-Emmissionen durch eine Verlagerung vom Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel, Zu-Fuß-Gehen und Radfahren. Pro Einwohner wurden von 2022 bis 2024 in Tübingen jährlich 12,4 und in Landau jährlich 18,4 Kilogramm CO2 eingespart.
Kosten, Akzeptanz und Fazit
Alle untersuchten Maßnahmen zeigten nachweisbare Potenziale zur Einsparung von Treibhausgasemissionen und zum Schutz des Klimas. Die Freiburger Schnellbuslinie ersetzt etliche Autofahrten und erfreut sich großer Beliebtheit bei den Fahrgästen. Die Klimawirkungen könnten stärker sein, wenn ein größerer Teil der Busflotte emissionsarm betrieben würde, beispielsweise durch den Einsatz von Elektrobussen.
Das kostenlose Parken für E-Autos in Stuttgart hat für die Stadt weder Einnahmen noch Kosten generiert, aber tausende zusätzliche Elektrofahrzeuge auf die Straßen gebracht.
Tübingen und Landau konnten ihren Fahrzeugbestand durch Parkgebühren spürbar reduzieren und erzielten erhebliche kommunale Einnahmen. Anwohner:innen befürworten das Bewohnerparken aufgrund des verringerten Parkdrucks. »Die Maßnahmen tragen nicht nur messbar zum Klimaschutz bei, sondern erzielen auch erhebliche Einnahmen für die Kommunen«, schlussfolgert Dr. Niklas Sieber, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geschäftsfeld Mobilität am Fraunhofer ISI. »Ideal ist eine Kombination aus mehreren Maßnahmen.«
Hintergrund
Das Working Paper ist der Endbericht des Forschungsprojektes »Ex-post-Untersuchung der Klimawirkungen von ausgewählten verkehrlichen Maßnahmen in Baden-Württemberg«. Der Bericht baut auf einer Literaturstudie (Sieber et al 2024) auf, deren Ziel es war, die vorhandenen Erkenntnisse zu den Wirkungen von Klimaschutzmaßnahmen im Verkehr zusammenzutragen und zu bewerten.
Methodik
Die Fraunhofer-Forschenden verwendeten unterschiedliche wissenschaftliche Methoden, um die Auswirkungen der Verkehrsmaßnahmen abzuschätzen – darunter den Differenz-von-Differenz-Ansatz mit Kontrollgruppen, der die Wirkungen einer Maßnahme isoliert von den Veränderungen, die auch ohne die Maßnahme stattfinden. Für die Berechnung der CO2-Emissionen wurden unter anderem die Fahrleistungen der verschiedenen Verkehrsmittel, deren Energiebedarf und die Personenkilometer berücksichtigt. Die verwendeten Methodiken einer Ex-Post-Bewertung sind grundsätzlich mit Unsicherheiten verbunden. Auch der kurze Untersuchungszeitraum kann die Verlässlichkeit der Ergebnisse einschränken.
Medienkontakt:
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Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert Entstehung und Auswirkungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der fundierten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.
Dr. Niklas Sieber
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Abteilung Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme
Telefon +49 721 6809-592
E-Mail: niklas.sieber@isi.fraunhofer.de
https://www.isi.fraunhofer.de/content/dam/isi/dokumente/sustainability-innovatio...
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Criteria of this press release:
Journalists
Environment / ecology, Oceanology / climate, Politics, Traffic / transport
transregional, national
Research results
German

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