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04/01/2026 11:39

Mit Hightech gegen den Schmerz? – Neuromodulative Therapie für Schmerzpatienten

Anja Baer Pressebüro - B2 talk @ tv producation
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.

    Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jan Vesper, Neurochirurg, President elect der International Neuromodulation Society (INS) und Past president der Deutschen Gesellschaft für Neuromodulation (DGNM) über „Schmerzschrittmacher“, die Kooperation von DGS, DGNM und INS – und was das für schwer chronisch Schmerzkranke bedeutet.

    Frankfurt/Main am 30.3.2026: „Wir wollen Menschen erreichen, die sich längst aufgegeben haben“ sagt Prof. Dr. Jan Vesper bei den Schmerz- und Palliativtagen 2026 in Frankfurt am Main. Dafür wollen DGS, DGNM und INS zukünftig enger zusammenarbeiten und die Neuromodulation stärker in der Versorgung chronischer Schmerzpatienten verankern. Beim Kongress stand dafür die Frage im Mittelpunkt, wie moderne neuromodulative Verfahren Menschen helfen können, bei denen andere Therapien nicht mehr ausreichen.

    Herr Professor Vesper, Sie sind mit DGS und DGNM eine neue Allianz eingegangen. Warum ist diese für die Versorgung von Schmerzpatienten so wichtig?

    Vesper: Weil wir gemeinsam die Menschen mit schwersten, seit Jahren bestehenden Schmerzen versorgen wollen, bei denen fast alles andere bereits versucht wurde. Schmerzmediziner, Neurologen und Neurochirurgen schauen traditionell aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf dieselben Patienten. Dieses Wissen bringen wir jetzt bewusst zusammen. Wir wollen klare Regeln schaffen, wer wann von Neuromodulation profitieren kann, und sicher stellen, dass Betroffene schneller im richtigen Zentrum landen statt jahrelang von Tür zu Tür geschickt zu werden.

    Viele können mit dem Begriff „Neuromodulation“ wenig anfangen. Was ist das?

    Vesper: Neuromodulation ist im Prinzip Veränderung verloren gegangerener oder gestörter Nervenfunktion durch elektrischen Strom, z.B. in Form eines „Schrittmachers gegen Schmerzen“. Wir implantieren sehr feine Elektroden in die Nähe von Nerven oder des Rückenmarks und verbinden sie mit einem kleinen Stimulator unter der Haut. Dieses Gerät sendet schwache elektrische Impulse aus, die die Schmerzsignale im Nervensystem herunterregeln. Im Unterschied zu einer großen Operation wird kein Gewebe weggenommen oder zerstört. Wenn die Therapie während der Testphase nicht den gewünschten Effekt hat, können wir das System in der Regel auch wieder entfernen.

    Bei welchen Patienten denken Sie überhaupt an so einen „Schrittmacher gegen Schmerzen“ – und bei wem eher nicht?

    Vesper: Neuromodulation ist kein erster Schritt, sondern kommt erst ins Spiel, wenn bewährte Behandlungen wie Medikamente, Physiotherapie, Psychotherapie, Nervenblockaden, manchmal auch Operationen und eine interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie ausgeschöpft sind. Typische Kandidaten sind Menschen mit chronischen Rücken und Beinschmerzen nach mehreren Wirbelsäulenoperationen, mit schweren nervenbedingten, sogenannten neuropathischen Schmerzen nach Nervenverletzungen oder Bandscheibenschäden, mit bestimmten Gefäßerkrankungen oder Tumorschmerzen. Nicht geeignet ist die Methode, wenn die Ursache des Schmerzes völlig unklar ist, wenn eine schwere unbehandelte psychische Erkrankung im Vordergrund steht oder wenn jemand nicht bereit ist, aktiv mitzuwirken und das System im Alltag mitzutragen.

    Wie verändert sich der Alltag derjenigen, bei denen die Neuromodulation gut wirkt?

    Vesper: Die meisten Patienten berichten von einem spürbaren, oft drastischen Unterschied im Alltag. Wenn jemand von einer Schmerzstärke 9 auf 3 oder 4 kommt, kann er plötzlich wieder laufen, besser schlafen, sein Enkelkind hochheben oder ein paar Stunden arbeiten gehen. Er kann Dinge, die vorher undenkbar waren. Wichtig ist, wir ersetzen keine andere Therapie, wir ergänzen sie. Wer weniger Schmerzen hat, nimmt eher an Bewegungstherapie teil, schafft einen Entzug von starken Schmerzmitteln und gewinnt Stück für Stück seine Lebensqualität zurück.

    Eine Operation am Nervensystem klingt bedrohlich. Was genau passiert bei so einem Eingriff und wie groß ist das Risiko?

    Vesper: In den meisten Fällen handelt es sich um einen minimalinvasiven Eingriff, der unter Narkose oder Regionalanästhesie durchgeführt wird. Wir platzieren über kleine Hautschnitte dünne Elektroden im Rückenmarkskanal, außerhalb der Nervenhaut, die das Rückenmark umschließt, oder an einem Zielnerv und implantieren anschließend den Stimulator. Das Gerät ist kleiner als eine Streichholzschachtel und wird meist seitlich am Rumpf oder im Gesäßbereich eingesetzt. Wie bei jedem Eingriff gibt es Risiken wie Wundinfektionen, Blutergüsse oder ein Verrutschen, in seltenen Fällen auch mechanische Probleme. Insgesamt ist die Komplikationsrate im Vergleich zu großen Wirbelsäulenoperationen jedoch deutlich niedriger, und die Systeme sind grundsätzlich reversibel, d.h. alles ist wieder umkehrbar.

    Wie ist das Vorgehen insgesamt, von der ersten Vorstellung bis zur endgültigen Entscheidung und schließlich zur Implantation?

    Vesper: Am Anfang steht immer eine sehr gründliche Diagnostik. Wir klären, welche Art Schmerz vorliegt, welche Therapien bisher versucht wurden und ob es Alternativen gibt, zum Beispiel eine nervenchirurgische Behandlung statt eines Stimulators. Dann werden die Fälle interdisziplinär diskutiert – mit Schmerzmedizin, Neurologie, Neurochirurgie, Psychologen, manchmal auch mit Gefäß oder Tumormedizin, je nach Ursache. Wenn wir gemeinsam sagen: „Neuromodulation ist eine realistische Option“, folgt in der Regel eine Testphase, bei der nur die Elektrode gelegt und der Stimulator zunächst außen getragen wird. Erst wenn der Patient eine deutliche Besserung erlebt, implantieren wir das System dauerhaft.

    Sie arbeiten gemeinsam an einer neuen medizinischen Leitlinie zur Neuromodulation. Was beinhaltet diese und was bringt sie den Betroffenen ganz konkret?

    Vesper: Leitlinien sind im Grunde der gemeinsame Fahrplan der Fachwelt. Die neue S3 Leitlinie „Invasive Neuromodulation zur Therapie chronischer Schmerzen“ wird festlegen, bei welchen Diagnosen, in welchem Stadium und unter welchen Sicherheitsvorkehrungen welche Verfahren eingesetzt werden sollen: von der Rückenmarksstimulation über die Ganglienstimulation bis zur peripheren Nervenstimulation. Für Betroffene bedeutet das weniger Zufall und mehr Verlässlichkeit. Egal wo sie sich vorstellen, die Grundprinzipien der Behandlung sollten immer gleich sein.

    Auf dem Kongress wurden auch auch neue, „intelligente“ Systeme und digitale Nachsorge, eine Art „Virtual Clinic“, vorgestellt. Was bedeutet das für Patienten im Alltag?

    Vesper: Moderne Stimulatoren, sogenannte „Closed Loop Systeme“ können heute Rückmeldesignale des Nervensystems messen und die Stimulation automatisch anpassen. Das hilft insbesondere, wenn sich Schmerzen je nach Körperhaltung oder Aktivität stark verändern. Das System „merkt“ diese Veränderungen und reagiert darauf. Die „Virtual Clinic“ geht noch einen Schritt weiter: Hier können wir über digitale Plattformen, quasi per Videotelefonie, Daten auslesen, Einstellungen überprüfen und Patienten beraten, ohne dass sie jedes Mal eine lange Anreise in Kauf nehmen müssen. Das ist ein großer Vorteil für Ältere, Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder weiten Wegen.

    Was braucht es, damit mehr schwer Schmerzpatienten von diesen Möglichkeiten profitieren?

    Vesper: Zum einen brauchen wir ausreichend spezialisierte Zentren, in denen interdisziplinär entschieden wird und die das gesamte Spektrum der Neuromodulation anbieten. Zum anderen brauchen wir klare, transparente Regelungen bei der Kostenübernahme. Wenn wir uns an Leitlinien halten und qualitätsgesichert arbeiten, sollten Patienten nicht monatelang auf Genehmigungen warten müssen. Und schließlich sollten Politik und Kostenträger die Kooperation von DGS, DGNM und INS als Chance begreifen: Wir stehen bereit, um gemeinsam Versorgungsstrukturen, Register und Forschungsprojekte aufzubauen, die diesen schwer belasteten Menschen wirklich zugutekommen.

    Vielen Dank für das Gespräch

    >>> International Neuromodulation Society (INS) <<<
    Prof. Dr. Jan Vesper ist President elect der INS, eine gemeinnützige Gruppe von mehr als 3.500 Ärzten, Wissenschaftlern und Ingenieuren weltweit, die sich der wissenschaftlichen Entwicklung und dem Bewusstsein für Neuromodulation widmet. Gegründet 1989 mit Sitz in San Francisco, fördert sie das Fachgebiet durch internationale Kongresse, die Fachzeitschrift Neuromodulation und regionale Gruppen wie die europäische Sektion eINS.
    Weitere Informationen auf: www.neuromodulation.com

    >>> Deutsche Gesellschaft für Neuromodulation e.V. (DGNM) <<<
    Die DGNM ist eine Vereinigung von Ärzte und Wissenschaftlern, die auf dem Gebiet der Neuromodulation tätig sind oder daran daran Interesse haben. Ihr Ziel ist die Förderung von Wissenschaft, Forschung und praktischer Anwendung auf diesem Gebiet durch Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse, Fortbildungen, Kongresse und Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Fachgesellschaften. Die DGNM vertritt die Interessen der Neuromodulation in Ausbildung, Weiterbildung und Forschung und sichert den fachlichen Standard.
    Weitere Informationen auf: www.dgnm-online.de

    >>> Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) <<<
    Die DGS ist mit 4.035 Mitgliedern, 16 Landes- und 123 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität von Schmerzpatienten – durch eine bessere Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie. Mit praxisnahen Fortbildungen, Curricula, innovativen Versorgungsmodellen sowie Kongressen wie dem Innovationsforum und den Schmerz- und Palliativtagen fördert die DGS den interdisziplinären Austausch und die Weiterentwicklung der Schmerz- und Palliativmedizin.
    Weitere Informationen auf: www.dgschmerzmedizin.de


    More information:

    https://www.dgschmerzmedizin.de


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    Criteria of this press release:
    Journalists
    Medicine
    transregional, national
    Miscellaneous scientific news/publications, Transfer of Science or Research
    German


     

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