In Zeiten von Sprachnachrichten und Videos gerät Schrift leicht in Vergessenheit. Dabei ist sie seit Jahrtausenden zentrales Medium unseres kulturellen Gedächtnisses: Sie speichert Wissen und erzählt Geschichten. Aus einfachen Zeichen entstehen im Kopf ganze Welten – fast wie Kino ohne Popcorn. Gemalt oder in Stein geritzt hält sie erstaunlich lange. Ohne sie wüssten wir wenig über die Vergangenheit. Schon bevor der Mensch lesen konnte, deutete er Zeichen: Er las Tierspuren, orientierte sich an Sternen und erkannte die Tageszeit am Sonnenstand. Den langen Weg zur Schrift beschreibt der Ägyptologe Prof. Ludwig Morenz von der Universität Bonn in seinem neuen Buch.
Die Anfänge der Schrift reichen auf die Zeit vor über fünf Jahrtausenden zurück. Schriftzeichen entstanden mehr oder weniger parallel im Niltal und im Zweistromland. „Dabei verstehe ich die Schriftentwicklung nicht als ein punktuelles Ereignis, sondern als einen Prozess, der sich über ein halbes Jahrtausend hinzog und an dem entsprechend viele, für uns namenlos bleibende Akteure beteiligt waren“, sagt der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn. Deswegen auch der Titel seines neuen Buchs „Vom langen Weg zur Schrift“.
Kein gerader Weg
Die Schriftentwicklung folgte demnach keinem geraden Weg, sondern einfachen Schritten. Sie dienten zunächst einem konkreten Problemlösen – etwa der lautlich genauen Erfassung von Eigennamen. Allmählich entfalteten sie jedoch ein Potential, das von verschiedenen konkreten Einzellösungen zum „System Schrift“ führte. Häufig wird in der Forschung nach einem Grund der Schriftentstehung gesucht. „Tatsächlich aber sehen wir verschiedene und miteinander verwobene sozio-kulturelle Motoren der Schriftentstehung“, sagt Morenz. Dazu zählten sowohl Herrschaftsinszenierung als Verwaltung als auch Kommunikation über, mit und für die Götter und die Toten.
Das Buch bietet den Versuch einer umfassenden Kulturgeschichte der ägyptischen Schrift, in der medienarchäologische Fragen konkret an Fundstücken erläutert und kulturhistorisch eingeordnet werden. „Dabei (re-)konstruiere ich `folgenreiche kleine Schritte´ einer Entwicklungslinie, die von Ab-Bild und Sinn-Bild zu Wort-Bild sowie schließlich auch zu Laut-Bild führt“, sagt der Wissenschaftler, der auch Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Present Pasts“ und im Exzellenzcluster „Bonn Center for Dependency and Slavery Studies“ der Universität Bonn ist.
Wachtelruf als Vorbild
Trotz jahrzehntelanger Forschung gab es für Prof. Morenz noch Überraschungen: „Für mich war die Erkenntnis verblüffend, dass einige in ihrem Ursprung von der bisherigen Forschung noch nicht erklärten Einkonsonantenzeichen als lautmalerische Nachahmung von Tier-Lauten erklärt werden können.“ So steht etwa der Wachtelruf „wi-wi-wi“ über die Vogelhierogylphe WACHTEL für den Laut „w“. Auch Eule („m“) und Schmutzgeier („alef“) sind häufig gebrauchte Einkonsonantenzeichen. Weil diese Vogelbilder so auffällig sind, wurde die ägyptische Schrift von außen, etwa im Arabischen, sogar als „Vogelschrift“ bezeichnet.
Einkonsonantenzeichen sind für den Wissenschaftler der Universität Bonn gleichsam der Schlussstein im langen Prozess der Phonetisierung des Bildes. „Sie verkörpern das phono-graphische Prinzip ein Lautwert – ein Konsonant. Damit bringen sie eine elementar lautsprachliche Dimension in die Bild-Zeichen.“ Dies habe zunächst sehr vereinzelt und im Sinne des Problemlösens begonnen. Das vollständige Inventar aller phonologisch relevanten Konsonanten habe dann ein Verständnis des lautlichen Baus der Sprache vorausgesetzt. „Dies war erst etwa 300 Jahre nach ersten Anfängen lautlicher Markierung - etwa 2950 v. Chr. - als ein `System´ herausgebildet.“
Weg vom Zentrum, hin zur Peripherie
Für den Autor hat sich durch die Arbeiten verschiedener archäologischer Missionen und auch seine eigene Forschung sowohl nördlich von Assuan als auch im Südwesten der Sinai-Halbinsel ein Perspektivwechsel ergeben: Neben den großen Zentren wie Abydos oder Hierakonpolis, aus denen die zentralen Monumente früher Schriftlichkeit stammen, richtet der Ägyptologe den Blick zunehmend auch auf die sozio-kulturelle Peripherie und hebt die relativ große Bedeutung des Umlandes für die Entwicklung der Schrift hervor.
Als ein fernes Forschungsziel sieht Morenz eine langfristige Schrift-Geschichte von den Anfängen der ägyptischen Hieroglyphenschrift (als gemischter Bilder-Laut-Schrift) und die Alphabetschrift (als weitgehender Lautschrift) über die Rückkehr der Bildlichkeit in den Bilder-Schriften seit der Renaissance bis in unsere Gegenwart zwischen Digits, Emojis und Piktogrammen. Morenz: „Den Anfängen einer bis heute so zentralen Kommunikationstechnologie wie dem Schreiben auf den Grund zu kommen, finde ich schon sensationell.“
Prof. Dr. Ludwig D. Morenz
Universität Bonn
Abteilung für Ägyptologie
Tel. 0228/735733
E-Mail: lmorenz@uni-bonn.de
Ludwig D. Morenz: Vom langen Weg zur Schrift – Über Abstraktion und Sedimentierung im Niltal des Vierten Jahrtausends. Thot. Beiträge zur historischen Epistemologie und Medienarchäologie, EB-Verlag, 176. S, 38,00 Euro
https://www.dependency.uni-bonn.de/en/about-us/people/principal-investigators/lu...
Bildausschnitt von einem königlichen Felstableau in Wadi el Malik (4. Jt. v. Chr.): Stiere als Bilde ...
Copyright: Umzeichnung: Johann Thiele
Niltal 4. Jtsd. - göttliche Symbole ersetzen Verben: Ein Seth-Tier (l.u.) reicht dem Horus-König (r. ...
Copyright: Abbildung: Ludwig Morenz/David Sabel
Criteria of this press release:
Journalists, all interested persons
Cultural sciences, History / archaeology, Language / literature, Media and communication sciences
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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