Eine Studie aus Trier und Hamburg zeigt den Einfluss biografischer Gemeinsamkeiten politischer Anführer auf das Verhängen von Sanktionen.
Internationale Sanktionen werden seltener verhängt, wenn sich die verantwortlichen politischen Spitzenakteure in ihren Lebensläufen ähneln. Das zeigt eine neue Studie von Jerg Gutmann (Universität Hamburg), Pascal Langer und Matthias Neuenkirch (beide Universität Trier). Basierend auf über 150 Staaten und für den Zeitraum 1970 bis 2004 wird untersucht, ob und wann Sanktionen verhängt wurden – und ob diese Entscheidungen mit biografischen Gemeinsamkeiten der beteiligten Regierungschefs statistisch zusammenhängen.
Für ihre Analyse verbinden die Forscher Informationen zu mehreren Jahrzehnten internationaler Sanktionspolitik mit einem Datensatz, der die beruflichen und persönlichen Lebensläufe führender Regierungsvertreter weltweit erfasst. Dazu zählen dutzende Merkmale wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, berufliche Stationen, Militärdienst und politische Karrierewege von Staats- und Regierungschefs. Gemessen wird für jedes Paar politischer Anführer, wie weit ihre Merkmale und Lebenserfahrungen übereinstimmen.
„Wir sehen mit diesem Ansatz beispielsweise eine große Ähnlichkeit zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin“, veranschaulicht Matthias Neuenkirch die gewonnenen Daten. „Dieses Bild bleibt überraschend stabil, auch wenn wir alternative statistische Methoden verwenden und unterschiedliche biographische Merkmale berücksichtigen.“
Biografische Ähnlichkeit als Einflussfaktor
Die statistische Analyse zeigt: Je stärker sich politische Anführer zweier Staaten in ihren biografischen Profilen ähneln, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Staaten Sanktionen gegeneinander verhängen. Sehr unterschiedliche Paare von Anführern verhängen im Vergleich mit sich sehr ähnlichen Paaren von Anführern mehr als dreimal so häufig Sanktionen. Besonders deutlich tritt dieser Zusammenhang dort zutage, wo Regierungen autonom über Sanktionsmaßnahmen entscheiden können, ohne an gemeinsame Entscheidungsverfahren inter- und supranationaler Organisationen gebunden zu sein, wie etwa in den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union.
Ein ausgeprägter Effekt findet sich zudem bei Sanktionen, die mit Demokratie- oder Menschenrechtszielen begründet werden. Mit anderen Worten, hier verfügen Politiker scheinbar über deutlich mehr Ermessensspielraum. In sicherheits- oder konfliktbezogenen Kontexten spielt die Ähnlichkeit der politischen Führung dagegen eine geringere Rolle.
Persönliche Nähe erleichtert Verständigung
„Wir knüpfen hier an psychologische Forschung zu Homophilie und In Group-Dynamiken an“ erklärt Matthias Neuenkirch. „Menschen mit ähnlichen Hintergründen kommunizieren häufig leichter miteinander, entwickeln eher Vertrauen und greifen eher zu diplomatischen Mitteln, bevor sie Konflikte eskalieren lassen.“ Auf die Außenpolitik übertragen bedeutet dies, dass biografische Ähnlichkeit zwischen Regierungschefs die Wahrscheinlichkeit erhöht, Konflikte auf dem Verhandlungsweg zu lösen statt durch Zwangsmaßnahmen.
Politische Implikationen
Die Ergebnisse legen nahe, dass internationale Sanktionspolitik stärker personenbezogen geprägt ist, als der Blick auf institutionelle Verfahren vermuten lässt. Für das Verständnis außenpolitischer Entscheidungen bedeutet dies, dass auch die biografische Zusammensetzung politischer Eliten berücksichtigt werden sollte. Die Studie zeigt insgesamt, dass außenpolitische Sanktionsentscheidungen nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch durch persönliche Prägungen politischer Führung beeinflusst werden. Wer Sanktionspolitik wirksam und nachvollziehbar gestalten will, sollte diese Dimension ausreichend berücksichtigen.
Die Forschergruppe arbeitet nun daran, die verwendete Messmethode künftig auch auf die jüngere internationale Politik anzuwenden, und sammelt hierfür die biographischen Informationen zu politischen Anführern über das letzte bisher abgedeckte Jahr 2004 hinaus.
Die Studie “Leader similarity and international sanctions” ist im Journal of Conflict Resolution erschienen.
Zum Preprint: https://doi.org/10.31124/advance.175630058.83191639/v1
Prof. Dr. Matthias Neuenkirch
VWL
Mail: neuenkirch@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4195
Criteria of this press release:
Business and commerce, Scientists and scholars
Economics / business administration, Politics
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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