Am Forschungszentrum „Der Simulierte Mensch“ sucht die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Alexander Scheffold nach innovativen Therapien für Allergien, Diabetes und Co.
Allergien, Diabetes, Rheuma: Wenn das Immunsystem aus dem Ruder läuft, kann das zu ernsthaften Krankheiten führen. Vor allem in industrialisierten Ländern nehmen solche Gesundheitsprobleme immer weiter zu. Was aber lässt sich dagegen tun? Gibt es Möglichkeiten, die Ursachen statt wie bisher nur die Symptome zu bekämpfen? Am neuen Forschungszentrum „Der Simulierte Mensch“ (Si-M) wird sich die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Alexander Scheffold mit genau diesen Fragen beschäftigen. Die Forschenden haben dabei eine spezielle Form von Immunzellen im Visier: Die regulatorischen T-Zellen, kurz T reg s genannt.
„Unser Immunsystem arbeitet normalerweise sehr selektiv“, sagt Alexander Scheffold. Zu verdanken ist das einer großen Gruppe von weißen Blutkörperchen, die sich auf die Fahndung nach Krankheitserregern spezialisiert haben. Zu diesen gehören die mit speziellen Rezeptoren ausgerüsteten T-Helferzellen, die auf bestimmte Strukturen an der Oberfläche der unerwünschten Eindringlinge reagieren. Sobald sie diese Antigene entdeckt haben, schlagen sie Alarm und lösen so die passende Abwehrreaktion aus. Sicherheitshalber sind im Körper sehr viele dieser winzigen Spürhunde unterwegs, die jeweils unterschiedliche Gegner erkennen. Manche reagieren zum Beispiel auf das Corona-Virus SARS-CoV-2, andere auf bestimmte Bakterien oder Pilze.
Einige besitzen allerdings auch Rezeptoren für völlig harmlose Eindringlinge wie Pflanzenpollen. Oder für Zellen und Strukturen, die zum eigenen Körper gehören. „Dagegen soll eigentlich keine Immunreaktion ausgelöst werden“, erklärt Alexander Scheffold. „Sonst kommt es im ersten Fall zu Allergien und im zweiten zu Autoimmunkrankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Multipler Sklerose.“
Das Immunsystem wieder in die Spur bringen
An dieser Stelle kommen die regulatorischen T-Zellen ins Spiel, die andere Immunzellen überwachen und fälschlicherweise gestartete Angriffe unterbinden. Bei gesunden Menschen bauen sie so eine Art Schutzwall gegen Allergien und selbstzerstörerische Prozesse auf. Für diese Erkenntnis wurden drei Forschende aus Japan und den USA mit dem Medizin-Nobelpreis des Jahres 2025 ausgezeichnet. Wieso aber bekommt dieser Schutzwall manchmal Löcher? Warum kann die körpereigene Abwehr in solchen Fällen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden? Wer das versteht, kann möglicherweise gezielt in das Immunsystem von Betroffenen eingreifen, um es wieder in die Spur zu bringen.
Bisher sind die genauen Ursachen des Problems allerdings unklar. Sie variieren nicht nur von Krankheit zu Krankheit, sondern möglicherweise sogar von Mensch zu Mensch. „Wir wissen, dass dabei ein Gen namens FoxP3 eine Rolle spielt“, sagt Alexander Scheffold. Eine Mutation darin führt zu einer seltenen Erbkrankheit, dem sogenannten IPEX-Syndrom. Wer damit geboren wird, hat überhaupt keine funktionierenden Tregs. „Diese Kinder sind gegen alles Mögliche allergisch und haben mehrere Autoimmunkrankheiten gleichzeitig“, erklärt der Experte. „Sie brauchen dann eine Stammzell-Transplantation um die regulatorischen T-Zellen doch noch bilden zu können. Sonst ist das tödlich.“
Unterschiedliche Wachposten für Krankheiten
Viel häufiger aber kommt es vor, dass Menschen nur an einer einzigen Autoimmunkrankheit leiden. Der Schutzwall fehlt also nicht komplett, sondern hat an bestimmten Stellen Löcher. „Wir wollen wissen, wie die zustande kommen“, erklärt der Forscher. Schon an seinen früheren beruflichen Stationen an der Universität Kiel und an der Charité, beim Biotechnologie-Unternehmen Miltenyi Biotech und beim Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin hat er sich mit den Geheimnissen der regulatorischen T-Zellen beschäftigt. Nun will er herausfinden, wie selektiv diese arbeiten und worauf genau sie reagieren.
Er hat in dieser Hinsicht auch schon einen Verdacht. Möglicherweise gibt es für die unterschiedlichen Allergien und Autoimmunkrankheiten auch unterschiedliche Wachposten. Wenn dann zum Beispiel die für den Schutz von Bauchspeicheldrüsen-Gewebe zuständige Gruppe von T reg s ausfällt, könnte das zu dessen Zerstörung und damit zu Diabetes führen. Am Si-M will Alexander Scheffold diese Theorie zusammen mit einer zehn- bis zwanzigköpfigen internationalen Arbeitsgruppe weiter verfolgen.
Maßgeschneiderte Therapien entwickeln
Für solche Fragestellungen verfügt das Team über genau den richtigen Werkzeugkasten. „Unsere Spezialität ist eine Methode, mit der man Zellen sehr spezifisch nachweisen kann“, sagt der Wissenschaftler. Exemplare, die auf eine bestimmte Oberflächenstruktur reagieren, werden dazu mit winzigen magnetischen Partikeln markiert. Mithilfe eines Magneten lassen sie sich dann vom Rest der Zellen trennen. Dabei kann eine Blutprobe unter 100.000 oder sogar einer Million Zellen nur eine einzige mit den gewünschten Eigenschaften enthalten. Ist diese gefunden, können die Forschenden sie weiter untersuchen.
Ziel ist es dabei, die entstandenen Löcher im Schutzwall gezielt zu schließen. Bisher lassen sich Autoimmunkrankheiten nur aufhalten, wenn man mit Medikamenten gleich das gesamte Immunsystem unterdrückt - was massive Nebenwirkungen hat. „Wenn man dagegen weiß, was genau die zuständigen regulatorischen T-Zellen erkennen, kann man maßgeschneiderte Therapien entwickeln“, erklärt der Forscher. Man könnte den Betroffenen dann zum Beispiel die Tregs spritzen, die ihnen fehlen. Oder man könnte den Körper durch eine Impfung dazu anregen, diese selbst zu bilden. In beiden Fällen könnten die Wächter des Schutzwalls ihren Dienst wieder versehen und die fehlgeleitete Immunreaktion unterbinden. „Das wäre ein vielversprechender neuer Therapieansatz“, sagt Alexander Scheffold. „Denn er würde endlich die Ursachen solcher Krankheiten angehen und nicht nur die Symptome.“
Das Forschungszentrum Der Simulierte Mensch (Si-M)
Am 22. April 2026 öffnen sich, vier Jahre nach Grundsteinlegung, die Türen des fünfstöckigen Forschungsgebäudes „Der Simulierte Mensch“. Auf dem Campus in Berlin-Wedding wollen künftig Mediziner*innen, Natur- und Ingenieurwissenschaftler*innen aus vielen Disziplinen der TU Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin eng zusammenarbeiten, um neue therapeutische und diagnostische Ansätze für Krankheiten zu entwickeln. Bioanalytik, Organoidtechnologien und Methoden zur Zellvermessung sind dabei, Einzelzellgenetik, Bioinformatik, Automatisierungs- und Medizintechnologie, vielfach verwoben mit weiteren Fachgebieten und Exzellenzclustern. Künstliche Mini-Organe aus menschlichen Zellen, die auf einen Chip passen, sollen Tierversuche ersetzen; durch das Zusammenkleben von miteinander wechselwirkenden Proteinen sollen bisher unbekannte Vorgänge in Zellen sichtbar werden.
Schon architektonisch sind im Si-M-Gebäude die integrative Arbeitsatmosphäre und der geplante Dialog mit der Öffentlichkeit angelegt: Im lichtdurchfluteten zentralen Atrium mit Café und rundem Vortragssaal schraubt sich imposant ein offenes Treppenhaus in die Höhe. Es führt zu den großzügigen Laboratorien voller Großtechnologie wie Massenspektrometrie, Bioprinting, Laserscanning-Mikroskopie und anderen. (pp)
Weitere Informationen:
Die Fachgebiete Medizinische Biotechnologie, Bioverfahrenstechnik sowie Bioanalytik werden künftig ebenfalls am neuen Berliner Forschungszentrum „Der Simulierte Mensch“ vertreten sein. Lesen Sie, worum es in der Forschung von Prof. Dr. Sina Bartfeld (https://www.tu.berlin/go277297/n86137/), von Prof. Dr. Peter Neubauer (https://www.tu.berlin/go277297/n86266/) und von Prof. Dr. Juri Rappsilber (https://www.tu.berlin/go277297/n86455/) geht.
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Alexander Scheffold
Fachgebiet Technische Immunologie
Tel.: 030 / 314- 77492
E-Mail: scheffold@tu-berlin.de
Criteria of this press release:
Journalists
Biology, Medicine
transregional, national
Research projects
German

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