Zwischen Hörsaal und Warteliste: Wenn Medizinstudierende ihre eigene Transplantationsgeschichte lehren
Es war in doppelter Hinsicht eine außergewöhnliche Vorlesung: Zum einen stehen Organspende und Transplantation nicht als eigenes Modul auf dem Lehrplan im Medizinstudium, weil beide Themen in den verschiedenen Fachgebieten thematisiert werden; zum anderen gab es bisher kein ähnliches Angebot, bei dem betroffene Studierende ihre persönliche Geschichte erzählen. Die beiden Medizinstudentinnen India Heilmann und Lina Rosenboom ermöglichten damit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen, ihr anatomisches Grundlagenwissen aus dem Anatomie-Kursus mit persönlichen Erfahrungen und der klinischen Perspektive zu verbinden. Dazu stellten sie sich in einer Podiumsdiskussion mit dem MHH-Vizepräsidenten und transplantationserfahrenen Mediziner Prof. Dr. Frank Lammert den Fragen zu ihrem Leben auf der Warteliste für ein Organ und nach einer Transplantation. Mit dabei war auch Malte Storsberg, der sich als Medizinstudent im dritten Studienjahr in einer Projektgruppe für Aufklärung zur Organspende engagiert. MHH-Studiendekan Prof. Dr. Christian Mühlfeld hatte zu dieser neuen Vorlesung im Anatomie-Modul eingeladen und moderierte.
Freiwilliges Angebot findet großen Anklang
Das neue Vorlesungsangebot kam bei vielen Studierenden gut an. „Ich bin gerührt, dass so viele Kommilitoninnen und Kommilitonen erschienen sind“, sagte India Heilmann in der Vorstellungsrunde. Die 24-Jährige studiert im zweiten Studienjahr Humanmedizin und wartet seit fünf Jahren auf eine Spenderlunge. „Ich habe das COPA-Syndrom, eine seltene genetische Erkrankung, die meine Lunge vernarben lässt. Dadurch bekomme ich immer schlechter Luft und bin deshalb durchgehend auf Flüssigsauerstoff angewiesen. Für unterwegs nutze ich einen mobilen Sauerstofftank.“ Heilmann engagiert sich schon lange für das Thema. „Mir ist Aufklärung wichtig, denn die Organspende-Zahlen sind leider immer noch zu niedrig.“ Als sie im vergangenen Jahr bei Professor Mühlfeld in der Anatomie-Vorlesung und im „Präpkurs“ (Präparierkursus) war, kam sie mit ihm ins Gespräch und wünschte sich, das Thema auch den Studierenden in ihrem Jahrgang näher zu bringen. „Viele haben sich gewundert, warum ich mit einem E-Scooter von einer Vorlesung zur nächsten fahre. Aber ohne Unterstützung würde ich die Wege nicht schaffen. Je nach Tagesform und Situation bin ich entweder mit dem Roller oder mit dem Rollstuhl auf dem Hochschulgelände unterwegs.“ Im großen Hörsaal wurde es still, als sie das erzählt; der Perspektivwechsel schafft Verständnis, darum ging es India Heilmann vor allem.
Wertvoller Perspektivwechsel
Das war auch Lina Rosenboom wichtig. „Gerade diese Verbindung von anatomischem Grundlagenwissen mit persönlichen Erfahrungen und klinischer Perspektive halte ich für ausgesprochen wertvoll und nachhaltig.“ Die 26-Jährige studiert Medizin im vierten Studienjahr. Sie hat bereits zweimal in der MHH eine neue Leber bekommen, das erste Mal mit drei Jahren. Damals wurde ihr ein Teilorgan transplantiert, doch das machte 2012 Probleme. Die Anschlüsse waren auf Spannung, Keime kamen aus dem Darm in die Leber, sie litt unter immer wiederkehrenden Gallengangentzündungen, die sich zu Bauchfellentzündungen ausweiteten. „Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, das war nichts dagegen.“ Sie wurde auf die sogenannte Hochdringlichkeitslistung gesetzt und bekam 2013 innerhalb weniger Tage in der MHH eine neue Leber. „Jetzt ist so weit alles in Ordnung, mir geht es gut damit, aber ein normales Leben ist das nicht.“ Seit vielen Jahren engagiert sie sich für das Thema Organspende, unter anderem im Verein Transplant-Kids e.V.
Ebenfalls mit auf dem Podium saß MHH-Student Malte Storsberg. „Ich habe vor zwei Jahren einen Nebenjob bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation angenommen. In Gesprächen mit Freunden und meiner Familie habe ich gemerkt, wie wichtig Aufklärung zu dem Thema ist.“ Seitdem besucht er mit der studentischen Projektgruppe „Aufklärung Organspende“ Schulen und Unternehmen und spricht über das unbequeme Thema Organspende und Tod, denn: „Es kann jeden treffen, sowohl als Spender als auch als Empfänger. Daher sollte sich jeder mit dem Thema auseinandersetzen.“ Diesem Appell schloss sich auch Rosenboom an: „Sprecht mit euren Angehörigen über Organspende und stellt einen Organspendeausweis aus, in dem ihr euren Willen festlegt – egal wie.“
Einblick in die Transplantationsmedizin
„Jeder Fall ist anders, so komplex ist es in der Transplantationsmedizin“, erklärte Professor Lammert in seinem Vortrag. Er ging auch auf die Patientengeschichte von Lina Rosenboom ein: „Sie sind Expertin und wissen, dass Bakterien für eine Transplantierte Risiken bergen und Organe anfällig machen. Das genau ist unsere Herausforderung, weshalb wir immer weiter forschen.“ Er gab den Studierenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen der Transplantationsmedizin und begrüßte die Idee der Vorlesung, das Wissen aus dem Anatomieunterricht mit dem Wissen aus der Klinik zu verknüpfen. Schließlich appellierte Professor Lammert an alle Studierenden, sich in das seit zwei Jahren verfügbare Online-Register Organspende einzutragen: „Werden Sie zu Botschafterinnen und Botschaftern für die digitale Registrierung!“
Weitere Informationen: https://organspende-register.de/erklaerendenportal/
Podiumsdiskussion über Organspende und Transplantationsmedizin: (v. l.) Malte Storsberg, India Heilm ...
Copyright: Bettina Dunker/MHH
Ihre persönliche Geschichte erzählten die beiden Medizinstudierenden India Heilmann und Lina Rosenbo ...
Copyright: Bettina Dunker/MHH
Criteria of this press release:
Journalists
Medicine
transregional, national
Studies and teaching
German

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