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04/29/2026 10:25

Warum der Eurovision Song Contest immer spannend bleibt

Franziska Schmid Hochschulkommunikation
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

    Forschende der ETH Zürich analysierten fast 1800 Songs aus rund 70 Jahren Eurovision Song Contest. Die Studie kombiniert Songdaten, Texte, KI-Modelle und Abstimmungsergebnisse über Jahrzehnte. Pop, Englisch und Tanzbarkeit setzten sich durch, verloren aber ihren ursprünglichen Vorteil.

    Seit seiner Premiere 1956 begeistert der Eurovision Song Contest (ESC) jedes Jahr ein Millionenpublikum. Gleichzeitig ist er ein einzigartiges Forschungsobjekt. Kaum ein anderes kulturelles Grossereignis ist über einen so langen Zeitraum derart gut dokumentiert. Daten zu Liedern, Abstimmungen und Regeländerungen sind frei zugänglich. Für die computergestützte Sozialwissenschaft ist der ESC damit ein ideales Beispiel für ein datenbasiertes Kultursystem.

    Ein Forschungsteam um Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science der ETH Zürich, hat untersucht, wie teilnehmende Länder und Veranstalter im Lauf der Jahrzehnte voneinander lernten und wie sich dieses kollektive Lernen im Wettbewerb niederschlug. Das Projekt begann, als der Komplexitätsforscher Luis Amaral, Professor an der Northwestern University, während einem der ESC-Wettbewerbe die Gruppe von Helbing besuchte.

    Zusammen mit Arthur Capozzi, einem Mitglied von Helbings Team, analysierten die Forschenden fast 1800 Songs aus 70 Jahren ESC-Geschichte. Sie kombinierten klassische Datenerhebung mit Spotify-Analysen, Liedtextauswertungen sowie KI-Modellen und Sprachdaten. Pro Song flossen über 35 Merkmale in die Auswertung ein, darunter Tanzbarkeit, Akustik, Emotionalität, Sprache, Genre und thematische Schwerpunkte. «Alles, was Daten produziert, kann heute wissenschaftlich untersucht werden – auch Kultur», sagt Helbing. Die Forschenden veröffentlichten ihre Studie im Journal of the Royal Society Open Science.

    Alle lernen und werden sich ähnlicher

    Über mehr als sieben Jahrzehnte identifizierten die Forschenden drei Entwicklungsphasen des Eurovision Song Contest. In der «Entstehungsphase» von 1958 bis 1974 war der Wettbewerb von grosser Vielfalt geprägt. Die Länder sangen fast ausschliesslich in ihren Landessprachen, die Musikstile unterschieden sich stark, und klare Erfolgsstrategien existierten noch nicht. Im Vordergrund stand die kulturelle Selbstdarstellung, weniger der strategische Wettbewerb um den Sieg.

    In der anschliessenden «Konsolidierungsphase» bis 2003 begannen die teilnehmenden Länder, systematisch voneinander zu lernen. Bestimmte Merkmale wie eingängige Melodien oder international verständliche Lieder erwiesen sich als erfolgreicher und wurden zunehmend übernommen. Gleichzeitig stabilisierten sich die Regeln. Der Wettbewerb wurde berechenbarer.

    Ab 2004 sprechen die Forschenden von einer «Expansionsphase». Die Organisatoren reagieren seither gezielt auf die zunehmende Angleichung der Beiträge: Neue Länder kamen hinzu, das Abstimmungssystem wurde mehrfach angepasst, und die Erfolgschancen wurden weniger vorhersehbar. Ziel der Veranstalter war es, den Wettbewerb spannend, vielfältig und offen für Überraschungen zu halten.

    Aus Sicht von Helbing zeigt der ESC somit ein typisches Muster ko-evolutionärer, lernender Systeme, also von Systemen, derer Akteure sich gegenseitig beeinflussen. Sobald sich erfolgreiche Strategien verfestigen, passen die Organisatoren die Regeln an oder brechen sie auf. So bleibt der Wettbewerb interessant und entwickelt sich ständig weiter.

    Von Landessprachen zu globalem Pop

    Die Analyse der Songdaten über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigt deutliche Trends: «Die Beiträge wurden im Lauf der Zeit poppiger und tanzbarer, und heute sind fast alle Texte auf Englisch», sagt Capozzi. Diese Merkmale hätten sich durchgesetzt, weil sie über längere Zeit hinweg besonders erfolgreich gewesen seien.

    Inzwischen haben jedoch fast alle teilnehmenden Länder diese Strategien übernommen. Was einst ein Wettbewerbsvorteil war, ist heute eine grundlegende Erwartung.
    Die Forschenden bezeichnen diese Dynamik in Anlehnung an das Kinderbuch «Alice im Wunderland» als «Red-Queen-Effekt». «Was früher ein Wettbewerbsvorteil war, ist heute Standard», sagt Capozzi. «Englischsprachige Pop-Songs mit tanzbarem Beat sind längst eine Grundvoraussetzung.» Wer also den ESC gewinnen wolle, müsse zusätzlich etwas Besonderes bieten. Etwas, das sich vom Durchschnitt abhebt.

    Auffällig sind Länder wie Frankreich, Italien, Portugal oder Spanien, die bewusst vom dominierenden Trend abweichen. «Sie sind Ausreisser, weil sie weiterhin in ihrer eigenen Sprache singen, auch wenn dies nicht den etablierten Erfolgsfaktoren entspricht», sagt Capozzi. Die Forschenden interpretieren dies so, dass diese Länder ihre kulturelle Identität bewusst als Strategie nutzen, um sich abzuheben.

    Wenn Regeln lernen

    Nicht nur die teilnehmenden Länder passen ihre Strategien an, auch die Organisatoren des ESC lernen mit. «Weder für die teilnehmenden Länder noch für den Veranstalter gibt es eine Erfolgsformel, die immer funktioniert», sagt Helbing. Aus diesem Grund durchläuft die Institution gezielte Veränderungen, um das Interesse an dem Wettbewerb aufrechtzuerhalten.

    Ein Beispiel dafür ist die Einführung der Halbfinals: Mit der wachsenden Zahl teilnehmender Länder wurde 2004 erstmals ein Halbfinal eingeführt. Seit 2008 gibt es deren zwei – eine strukturelle Anpassung an die Expansion des Wettbewerbs.

    Auch das Abstimmungssystem wurde mehrfach verändert. Nach der Einführung des Televotings Ende der 1990er-Jahre und zunehmender Kritik an taktischem Abstimmen reagierte die ESC-Organisation mit der Wiedereinführung von Jurys und weiteren Anpassungen. Ziel war es, Popularität und musikalische Bewertung neu auszubalancieren und die Vorhersehbarkeit der Resultate zu reduzieren.

    Für die Forschenden ist auch dies Teil eines ko-evolutionären Prozesses: Sobald Regeln unerwünschte Effekte erzeugen, werden sie angepasst. Der Wettbewerb lernt – auch auf institutioneller Ebene.

    Was der ESC über andere Systeme verrät

    Die Ergebnisse der Studie sind auch über die Popkultur hinaus relevant. Die beobachteten Dynamiken von Anpassung, Angleichung und dem anschliessenden Verlust von Wettbewerbsvorteilen finden sich in vielen komplexen Systemen wieder. Auch wissenschaftliche Forschungsfelder neigen dazu, sich zu homogenisieren, sobald erfolgreiche Ansätze breit übernommen werden. Um neue Impulse in einem Bereich zu erhalten, müssen etablierte Trends hinterfragt werden.

    Ähnliche Muster zeigen sich in Organisationen und Unternehmen. Probleme lassen sich dort nicht immer innerhalb bestehender Denk- und Handlungslogiken lösen. Mitunter braucht es bewusste Abweichung von etablierten Strategien. Helbing hat diese Erfahrung selbst in der Praxis gemacht, als er ein Unternehmen beriet: «Die Firma hatte hoch qualifizierte Ingenieure, die das Problem aber aus ihrer erlernten Perspektive nicht lösen konnten. Die Firma brauchte jemanden, der mit einem neuen Blick auf die Situation schaute.»

    Aus Sicht der Forschenden verweist dieses Wechselspiel von Anpassung und Mutation auf ein zentrales Prinzip der Ko-Evolution: Akteure lernen voneinander, reagieren auf Veränderungen und verändern dabei gleichzeitig das System, in dem sie handeln.

    Der ESC bleibt dennoch überraschend

    Obwohl der Stimmenanteil der Gewinner seit 1974 weitgehend stabil blieb, veränderte sich das Abstimmungsverhalten im Wettbewerb deutlich. In den frühen Jahren schnitten einzelne Länder über längere Zeit hinweg systematisch erfolgreicher ab. Diese Konzentration der Siege nahm jedoch im Lauf der Zeit ab.

    Mit den institutionellen Anpassungen, insbesondere in der Expansionsphase, verteilten sich die Erfolge zunehmend gleichmässig. Der anfängliche Vorsprung einzelner Länder schwand, die Gewinner wechselten häufiger. Die Analyse legt nahe, dass Regeländerungen dazu beitrugen, Wettbewerbsvorteile auszugleichen und die Vorhersehbarkeit der Resultate zu verringern.
    Auch in Zukunft dürfte sich der Wettbewerb weiter verändern. «Das muss so sein, damit es interessant bleibt», sagt Helbing. Für kommende Ausgaben werde bereits an einer Überarbeitung der Regeln gearbeitet, weiss er.

    So bleibt der ESC trotz umfassender Datenanalyse und den vorliegenden Ergebnissen unberechenbar, es sei denn, der Geschmack oder die Abstimmungen werden manipuliert. «Wir haben keine Formel gefunden, mit der sich ein Sieg garantieren lässt», sagt Helbing. Der Eurovision Song Contest werde weiterhin überraschen – und genau das ist seine Stärke.


    Contact for scientific information:

    Dr. Arthur Thomas Edward Capozzi Lupi, ETH Zürich, arthur.capozzi(at)gess.ethz.ch
    Prof. Dr. Dirk Helbing, ETH Zürich, dirk.helbing@gess.ethz.ch


    Original publication:

    Nunes Amaral LA, Capozzi A, Helbing D. Breaking the code: Multi-level learning in the Eurovision Song Contest. Journal of the Royal Society Interface, April 2026, DOI: 10.1098/rsos.251727


    More information:

    https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/04/warum-der-euro...


    Images

    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
    Cultural sciences, Information technology, Social studies
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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