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05/06/2026 10:04

Fische haben komplexe Schlafarchitektur

Sophia Jahns Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

    • Verschiedene Ruhephasen bei Fischen erstmals über den gesamten zirkadianen Zyklus hinweg beobachtet
    • Vier Schlafarten identifiziert – drei mit, eine ohne Augenbewegungen
    • Ergebnisse dank Tracking-Mikroskop, das frei schwimmende Fischlarven aufnimmt

    Menschen und andere Säugetiere durchlaufen verschiedene, klar unterscheidbare Schlafphasen. Eine davon ist leicht an den schnellen Augenbewegungen hinter geschlossenen Lidern zu erkennen, die ihr ihren Namen geben: REM-Schlaf (Rapid Eye Movement). In diesem Zustand erleben wir unsere lebhaftesten und intensivsten Träume.
    Ob auch andere Tiere als Säugetiere ähnliche Schlafphasen haben, insbesondere einen durch Augenbewegungen gekennzeichneten Schlaf, wird in der Forschung seit Langem diskutiert. Forschende am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen haben nun erstmals eine komplexe Schlafarchitektur bei Fischen nachgewiesen. Bereits bekannt war, dass die meisten Knochenfische, darunter auch der Modellorganismus Zebrabärbling (Danio rerio), mehrminütige inaktive Phasen durchlaufen, in denen sie weniger auf Reize reagieren. Die neue Studie, die nun in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen ist, zeigt, dass sich diese Ruhephasen voneinander unterscheiden: Die Wissenschaftler*innen identifizierten drei Schlafarten mit jeweils charakteristischen Augenbewegungen sowie eine vierte Art ohne jegliche Augenbewegungen.

    Schlaftracking bei frei schwimmenden Fischen

    Frühere Studien hatten gelegentliche Augenbewegungen bei Fischen während kurzer Ruhephasen bemerkt, aber bislang fehlte eine systematische Untersuchung dieser während des natürlichen, unbeeinflussten Schlafs. „Ich war verblüfft, als ich zum ersten Mal sah, wie sich die Augen der Fische auf so charakteristische Weise bewegten“, sagt Vikash Choudhary, der zusammen mit Charles Heller Erstautor der Studie ist. Der Erfolg ist einem neuen experimentellen Aufbau zu verdanken, erklärt Choudhary: „Besonders an unserem Ansatz, ist, dass wir als erste gleichzeitig Augen- und Körperbewegungen über einen vollen 24-Stunden-Zeitraum bei frei schwimmenden Fischen aufgezeichnet haben.“ Dies wurde durch ein spezielles Tracking-Mikroskop ermöglicht, das die Larven von Zebrafischen verfolgt, während sie sich ungehindert bewegen. Da die Gehirne von Zebrafischlarven transparent sind, kann das Mikroskop zusätzlich die gesamte Gehirnaktivität in Echtzeit erfassen.
    Mittels dieser Methodenkombination stellt das Team fest, dass jeder Ruhezustand einem eigenen Tagesrhythmus folgt: Schlaf ohne sichtbare Augenaktivität tritt überwiegend in der Nacht auf. Von den drei Ruhezuständen mit Augenbewegung (quiescence with eye movement, abgekürzt QEM) kommt einer hauptsächlich nachts vor, während ein anderer in den frühen Morgenstunden gehäuft zu beobachten ist. Bemerkenswerterweise tritt QEM-1, der häufigste der QEM-Zustände, fast ausschließlich tagsüber auf. Dies ist umso überraschender, als Fische in QEM-1 nur schwer zu wecken sind, was sie zu einer leichten Beute für Fressfeinde macht.

    Artenübergreifende Schlafarchitektur

    Während dieses Tagschlafs ist die Gehirnaktivität großflächig reduziert, wie das Team weiter beobachtete. Zusammen mit anderen typischen Schlafmerkmalen in Verhalten und neuronaler Aktivität bestätigt dies, dass QEM-1 tatsächlich ein Schlafzustand ist, am ehesten vergleichbar mit einem Nickerchen. Zudem folgt Gehirnaktivität festgelegten Mustern, anhand derer man vorhersagen kann, wie lange ein Fisch bereits geschlafen hatte und wann er aufwachen wird. Zusätzliche Experimente unter verschiedenen Lichtbedingungen zeigten, dass die Schlafarchitektur durch das Zusammenspiel der inneren biologischen Uhr und der Lichteinwirkung gesteuert wird. Bemerkenswerterweise konnten alle vier Schlafzustände und ihre Architektur auch bei zwei verwandten Danio-Arten beobachtet werden. Dies deutet darauf hin, dass diese Schlafarchitektur evolutionär schon recht früh entstanden sein könnte.
    Die Ergebnisse werfen zahlreiche weitere Fragen auf. Beispielsweise ist unklar, ob die Augenbewegungen eine Funktion erfüllen oder lediglich ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität sind. „Uns interessiert nun besonders, welche Rollen die verschiedenen Schlafphasen spielen”, sagt Jennifer M. Li, die gemeinsam mit Drew Robson das Labor leitet, in dem die Studie durchgeführt wurde. „Schlaf ist für viele Prozesse wichtig, von der Reaktivierung von Erinnerungen bis zur Entsorgung von Abfallprodukten, aber wir verstehen noch nicht vollständig das Warum und den zeitlichen Ablauf. Zebrafische mit ihren transparenten Gehirnen bieten uns ausgezeichnete Möglichkeiten, dies zu erforschen.” Die Wissenschaftler*innen untersuchen nun die neuronale Aktivität während des Nachtschlafs genauer, um die Mechanismen und Funktionen der unterschiedlichen Schlafphasen besser zu verstehen.


    Contact for scientific information:

    Dr. Jennifer Mengbo Li
    jennifer.li@tuebingen.mpg.de


    Original publication:

    Choudhary, V., Heller, C.R., Aimon, S. et al. Eye movement kinematics reveal novel circadian organization of sleep substates. Nat Commun 17, 4068 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-72222-0


    Images

    Ein Trackingmikroskop der Forschungsgruppe Systems Neuroscience & Neuroengineering am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik
    Ein Trackingmikroskop der Forschungsgruppe Systems Neuroscience & Neuroengineering am Max-Planck-Ins ...
    Source: Jörg Abendroth
    Copyright: Jörg Abendroth / MPI für biologische Kybernetik

    Freischwimmende Zebrafischlarven
    Freischwimmende Zebrafischlarven
    Source: Jörg Abendroth
    Copyright: Jörg Abendroth / MPI für biologische Kybernetik


    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
    Biology
    transregional, national
    Research results
    German


     

    Ein Trackingmikroskop der Forschungsgruppe Systems Neuroscience & Neuroengineering am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik


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