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05/11/2026 11:25

Bittere Kräuterextrakte stimulieren Magenzellen

Dr. Gisela Olias Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie

    Bittere Kräuterextrakte gelten seit Langem als verdauungsförderlich. Doch welche molekularen Mechanismen liegen dieser Wirkung zugrunde? Eine Studie des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München liefert nun neue Erkenntnisse. Ihre Untersuchungen an einem zellulären Modellsystem ergaben: Insbesondere in Kombination können Kräuterextrakte menschliche Magenzellen zur Säureproduktion anregen. Besonders wirksam sind dabei Extrakte mit einem hohen Gehalt an Polyphenolen. Zudem zeigt die Studie, dass drei der etwa 25 verschiedenen menschlichen Bitterrezeptortypen an diesem Prozess beteiligt sind.

    Im Fokus der aktuellen Studie stand ein handelsübliches pflanzliches Kombinationspräparat zur Linderung von Verdauungsbeschwerden. Es enthält Extrakte aus neun Pflanzen, deren Mischung deutlich bitter schmeckt. Daraus entstand die Hypothese, dass die enthaltenen Bitterstoffe, zu denen auch Polyphenole gehören, nicht nur Geschmacksrezeptoren in der Mundhöhle aktivieren, sondern auch über extraorale Bitterrezeptoren im Magen die Magensäureproduktion anregen können.

    Vier Kräuterextrakte besonders wirksam

    Um diese Hypothese zu überprüfen, untersuchte das Forschungsteam um Erstautor Phil Richter und Studienleiterin Veronika Somoza sowohl die Wirkung von einzelnen Extrakten als auch drei verschiedenen Extraktmischungen mithilfe eines zellbasierten Testsystems. Dabei zeigte sich: Einige Pflanzenextrakte, insbesondere aus Meisterwurz, Wacholder, Salbei und Schafgarbe, steigerten die Säureproduktion der menschlichen Magenzellen (HGT-1-Zellen) besonders stark. Andere, zum Bespiel aus Löwenzahn und Enzian, zeigten im getesteten Konzentrationsbereich (bis 300 Mikrogramm pro Milliliter) keine bedeutsame Wirkung.

    Ein weiterer Befund der Studie ist, dass die stärksten Effekte bei Extrakten mit einem hohen Polyphenolgehalt auftraten. Diese sekundären Pflanzenstoffe könnten laut dem Forschungsteam eine zentrale Rolle bei der Stimulation der Säuresekretion der Magenzellen spielen. Molekularbiologische Experimente legen zudem nahe, dass insbesondere die drei Bitterrezeptortypen TAS2R4, TAS2R5 und TAS2R39 an der gesteigerten Säureproduktion beteiligt sind.

    Die Mischung macht‘s

    „Auch der Vergleich verschiedener Mischungen war interessant“, sagt der promovierte Wissenschaftler Phil Richter. So stimulierte die kombinierte Mischung aller neun Extrakte die Säurebildung am stärksten. Die Mischung aus den vier wirksamsten Einzelextrakten zeigte jedoch einen deutlich schwächeren Effekt, während die Mischung aus den fünf am wenigsten wirksamen Extrakten die Säuresekretion nur sehr wenig stimulierte.

    Der Forscher erläutert: „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die volle Wirkung erst durch das Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe entsteht, die sich gegenseitig verstärken. Dies geschieht vermutlich durch die gleichzeitige Aktivierung mehrerer Bitterrezeptortypen". Veronika Somoza ergänzt: "Neben den Polyphenolen spielen sicher auch noch weitere Inhaltsstoffe eine Rolle.“

    Die Studie liefert damit eine mögliche Erklärung für die verdauungsfördernde Wirkung bitterer Kräuter: Sie könnten über Bitterrezeptoren direkt die Magensäurebildung anregen und so die Verdauung unterstützen. Gleichzeitig zeigt sie, dass komplexe Pflanzenmischungen dabei wirksamer sein können als einzelne Extrakte.

    Allerdings betont Veronika Somoza, die am Leibniz-Institut die Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals leitet, dass es sich um Ergebnisse aus Zellkultur-Experimenten handelt. Ob sich die beobachteten Effekte auch im menschlichen Körper in gleichem Maße zeigen, müssten zukünftige klinische Studien klären. Dennoch können die neuen Erkenntnisse schon heute dazu beitragen, pflanzliche Präparate gezielter zu entwickeln, so die Wissenschaftlerin.

    Publikation: Richter, P., Piqué-Borràs, M.-R., Künstle, G., Somoza, V. (2026). A Digestive Herbal Mixture Preparation Stimulates Proton Secretion in Human Parietal Cells through Phenolic Compounds Targeting Bitter Taste Receptors. Mol. Nutr. Food Res. 70, 6. https://doi.org/10.1002/mnfr.70443.

    Finanzierung: Die Autoren erklären, dass diese Studie von der Weleda AG finanziell unterstützt wurde. Der Geldgeber war weder an der Studienkonzeption noch an der Datenerhebung, -analyse und -auswertung, dem Verfassen dieses Artikels oder der Entscheidung über dessen Einreichung zur Veröffentlichung beteiligt.

    Zwei der Coautoren geben folgende finanzielle Interessenkonflikte an: M.-R. Piqué-Borràs und G. Künstle sind bei der Weleda AG in Arlesheim/Schweiz beschäftigt.

    Hintergrundinformation:

    Studiengrundlage bildeten Extrakte aus neun Pflanzen: Gemeiner Wermut, Echter Salbei, Gemeine Schafgarbe, Echtes Tausendgüldenkraut, Gemeine Wegwarte, Gelber Enzian, Gemeiner Wacholder, Meisterwurz und Gewöhnlicher Löwenzahn.

    Phenolische Verbindungen, auch als Polyphenole bezeichnet, zählen zu den wichtigsten sekundären Pflanzenstoffen. Ihnen werden vielfältige gesundheitsfördernde Effekte zugeschrieben, darunter immunmodulierende und entzündungshemmende Wirkungen. Neuere Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass Polyphenole gezielt auf sogenannte Bitterrezeptoren (TAS2Rs) einwirken können.

    Bitterrezeptoren sind im menschlichen Körper weit verbreitet. Insgesamt sind etwa 25 verschiedene Typen bekannt. Ursprünglich wurden sie vor allem mit der Wahrnehmung bitterer Geschmacksstoffe in der Mundhöhle in Verbindung gebracht. Inzwischen ist bekannt, dass diese Rezeptoren auch außerhalb des Mundes vorkommen, beispielsweise auf Blutzellen sowie auf Zellen von Organen wie dem Gehirn, dem Herzen und dem Magen-Darm-Trakt. Bislang ist noch nicht vollständig geklärt, welche Funktionen sie dort erfüllen und welche Substanzen die sogenannten extraoralen Bitterrezeptoren aktivieren. Diese offenen Fragen stehen im Mittelpunkt aktueller Forschung, auch am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München.

    Kontakte:
    Experten-Kontakte:

    Prof. Dr. Veronika Somoza
    Leiterin der Sektion II und der Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals am
    Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie
    an der Technischen Universität München (Leibniz-LSB@TUM)
    Lise-Meitner-Str. 34
    85354 Freising
    E-Mail: v.somoza.leibniz-lsb@tum.de

    Dr. Phil Richter
    Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals
    Tel.: +49 8161 71-2932
    E-Mail: p.richter.leibniz-lsb@tum.de

    Pressekontakt am Leibniz-LSB@TUM:

    Dr. Gisela Olias
    Wissenstransfer, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Tel.: +49 8161 71-2980
    E-Mail: g.olias.leibniz-lsb@tum.de
    https://www.leibniz-lsb.de

    Informationen zum Institut:

    Das Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München besitzt ein einzigartiges Forschungsprofil an der Schnittstelle zwischen Lebensmittelchemie & Biologie, Chemosensoren & Technologie sowie Bioinformatik & Maschinellem Lernen. Weit über die bisherige Kerndisziplin der klassischen Lebensmittelchemie hinausgewachsen, leitet das Institut die Entwicklung einer Systembiologie der Lebensmittel ein. Sein Ziel ist es, neue Ansätze für die nachhaltige Produktion ausreichender Mengen an Lebensmitteln zu entwickeln, deren Inhaltsstoff- und Funktionsprofile an den gesundheitlichen und nutritiven Bedürfnissen, aber auch den Präferenzen der Verbraucherinnen und Verbraucher ausgerichtet sind. Hierzu erforscht es die komplexen Netzwerke sensorisch relevanter Lebensmittelinhaltsstoffe entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit dem Fokus, deren physiologische Wirkungen systemisch verständlich und langfristig vorhersagbar zu machen.

    Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft

    Das Leibniz-Institut ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (https://www.leibniz-gemeinschaft.de/), die 96 selbständige Forschungseinrichtungen verbindet. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

    Leibniz-Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen - in Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Die Leibniz-Institute unterliegen einem transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 21.400 Personen, darunter 12.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Finanzvolumen liegt bei gut 2,3 Milliarden Euro.

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    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Veronika Somoza
    Leiterin der Sektion II und der Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals am
    Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie
    an der Technischen Universität München (Leibniz-LSB@TUM)
    Lise-Meitner-Str. 34
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    E-Mail: v.somoza.leibniz-lsb@tum.de

    Dr. Phil Richter
    Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals
    Tel.: +49 8161 71-2932
    E-Mail: p.richter.leibniz-lsb@tum.de


    Original publication:

    Richter, P., Piqué-Borràs, M.-R., Künstle, G., Somoza, V. (2026). A Digestive Herbal Mixture Preparation Stimulates Proton Secretion in Human Parietal Cells through Phenolic Compounds Targeting Bitter Taste Receptors. Mol. Nutr. Food Res. 70, 6. https://doi.org/10.1002/mnfr.70443.


    More information:

    https://www.leibniz-lsb.de/institut/mitarbeiterinnen/kurzprofil-dr-phil-richter Kurzprofil Dr. Phil Richter
    https://www.leibniz-lsb.de/institut/mitarbeiterinnen/kurzprofil-prof-dr-veronika... Kurzprofil Prof. Dr. Veronika Somoza


    Images

    Dr. Phil Richter im Labor
    Dr. Phil Richter im Labor
    Source: Dr. Gisela Olias
    Copyright: Leibniz-LSB@TUM / Dr. Gisela Olias


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
    Biology, Chemistry, Medicine, Nutrition / healthcare / nursing, Zoology / agricultural and forest sciences
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

    Dr. Phil Richter im Labor


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