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06/10/2026 11:01

WM-Simulationen zeigen Vorteile früherer Kolonialmächte im Fussball

Nathalie Huber Kommunikation
Universität Zürich

    Koloniale Verbindungen prägen den internationalen Fussball bis heute. Ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Zürich zeigt anhand von rund 1'500 Simulationen der Fussball-WM 2026, dass ehemalige Kolonialmächte von einem grösseren Talentpool profitieren, während ehemals kolonisierte Staaten dadurch an Erfolgschancen verlieren.

    Über Jahrhunderte hinweg profitierten europäische Kolonialmächte von den Ressourcen ihrer Kolonien. Bis heute wirken koloniale Strukturen in vielen Bereichen nach. In einer neuen Studie, die derzeit als Vorabveröffentlichung verfügbar ist, haben Forscher der Universität Zürich (UZH) und der Universität Konstanz nun untersucht, ob sich diese Folgen kolonialer Verbindungen auch im internationalen Fussball nachweisen lassen.
     
    Ein möglicher Vorteil ergibt sich daraus, dass viele Spieler, die familiäre Wurzeln in ehemaligen Kolonien haben, für die Nationalmannschaften der ehemaligen Kolonialmächte spielen. Die acht bedeutendsten ehemaligen Kolonialmächte Europas – England, Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Italien – stellen einige der erfolgreichsten Nationalmannschaften der Welt. Zu diesem Erfolg haben vielfach Spieler mit familiären Wurzeln in ehemaligen Kolonien beigetragen. Beispiele hierfür sind Kylian Mbappé (Frankreich/Kamerun), Lamine Yamal (Spanien/Äquatorialguinea), Marcus Rashford (England/Jamaika) oder Matheus Nunes (Portugal/Brasilien).

    1'500 realistische Simulationen der WM
    Um zu untersuchen, ob ehemalige Kolonialmächte weiterhin von diesen historischen Verbindungen profitieren, hat das Forschungsteam die Fussball-WM 2026 mit dem Videospiel «Football Manager 2026» simuliert. Dazu erstellte das Team einen einzigartigen Datensatz, um fast 1'500 realistische Simulationen der Fussball-WM 2026 durchzuführen. Die Simulationen basieren auf detaillierten Spieler- und Teamdaten sowie zahlreichen realen Leistungsindikatoren. Untersucht wurden 49 Spieler mit familiären Wurzeln in ehemaligen Kolonien, die heute für die Nationalteams von England, Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden spielen.
     
    Die Forschenden verglichen dabei drei Szenarien: Die Spieler treten für ihre heutigen Nationalteams an, sie werden aus den Teams entfernt oder sie spielen für die Herkunftsländer ihrer Familien. So vertritt beispielsweise Kylian Mbappé in einem der Szenarien Kamerun statt Frankreich. Anschliessend analysierten die Forschenden, wie sich diese unterschiedlichen Teamzusammensetzungen auf den Verlauf der Weltmeisterschaft auswirken.

    Ehemalige Kolonien würden häufiger gewinnen
    Die Ergebnisse zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen kolonialen Verbindungen und sportlichem Erfolg. «Würden Spieler mit familiären Wurzeln in ehemaligen Kolonien für die Herkunftsländer ihrer Familien antreten, wären diese deutlich erfolgreicher. Die Erfolgschancen der europäischen Kolonialmächte würden dagegen sinken», sagt Erstautor Lucas da Silva vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der UZH.
     
    In der Vorrunde verbessert sich die Tordifferenz früherer Kolonialmächte im Durchschnitt um 0,76 Tore, wenn Spieler mit familiären Wurzeln in ehemaligen Kolonien für sie antreten. Bei ehemals kolonisierten Ländern beträgt der Effekt sogar 1,27 Tore, wenn diese Spieler stattdessen für die Herkunftsländer ihrer Familien spielen. Frankreich erreicht zudem durchschnittlich eine um 0,58 Stufen höhere Runde im Turnierverlauf (von insgesamt fünf möglichen), wenn diese Spieler für Frankreich antreten.
     
    Frankreich hat die grössten Titelchancen
    Die Simulationen zeigen zudem, dass Frankreich unter den heutigen Bedingungen die grössten Chancen auf den WM-Titel hat und in 34,5 Prozent der Simulationen den Titel gewinnt. Werden die betreffenden Spieler jedoch den Herkunftsländern ihrer Familien zugeordnet, sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf knapp die Hälfte. Gleichzeitig verdoppeln sich die Titelchancen Brasiliens nahezu. Insgesamt gewinnen ehemals kolonisierte Länder die Weltmeisterschaft fast doppelt so häufig (35,2 Prozent der Simulationen), wenn diese Spieler für sie antreten.
     
    «Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass frühere Kolonialmächte von einem grösseren Pool an Talenten profitieren», sagt da Silva. «Dies geschieht zulasten ehemaliger Kolonien, die oft nicht dieselben Karriere- und Einkommensmöglichkeiten bieten können. Dadurch werden bestehende Unterschiede weiter verstärkt.»
     
    Kasten
    Die zugrunde liegende Studie ist derzeit als Vorabveröffentlichung auf dem Open-Access-Server «Open Science Framework» verfügbar.
     
    Videospiel «Football Manager 2026»
    Football Manager wird nicht nur in der Forschung, sondern teilweise auch von professionellen Fussballvereinen als Simulationsinstrument genutzt.
    Literatur 
Lucas Paulo da Silva, Thomas Schincariol, Morgan Wack. Football Empires: Simulating the Effects of Colonialism on International Football. Open Science Framework. Preprint. 10 June 2026. DOI: 10.31235/osf.io/awy9x_v1
     
    Kontakt
    Dr. Lucas Paulo da Silva
    Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
    Universität Zürich
    +41 44 635 20 46
    lucas.dasilva@uzh.ch


    Original publication:

    Lucas Paulo da Silva, Thomas Schincariol, Morgan Wack. Football Empires: Simulating the Effects of Colonialism on International Football. Open Science Framework. Preprint. 10 June 2026. DOI: 10.31235/osf.io/awy9x_v1


    More information:

    https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Kolonialmaechte-Fussball.html


    Images

    Criteria of this press release:
    Journalists
    History / archaeology, Media and communication sciences, Social studies, Sport science
    transregional, national
    Research results
    German


     

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