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06/23/2026 15:18

Deutsche Politiker unterschätzen die Unterstützung für Klimaschutz

Meike Drießen Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

    Eine große Studie mit rund 1.600 Politiker*innen zeigt: Die Bevölkerung steht Klimamaßnahmen deutlich positiver gegenüber als viele politische Entscheidungsträger*innen glauben. „Politiker unterschätzen die Zustimmung der Bevölkerung zu Klimaschutzmaßnahmen systematisch – und zwar besonders stark bei den Maßnahmen, die nach wissenschaftlichem Kenntnisstand am wirksamsten sind“, folgert Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum, der die Studie gemeinsam mit Privatdozent Dr. Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg durchführte. Die Teams stellten die Einschätzung der Politiker*innen den tatsächlichen Einstellungen von über 2.000 Bürger*innen gegenüber.

    Die Studie erscheint in der Zeitschrift Communications Earth & Environment im Juni 2026.

    Zentrale Befunde auf einen Blick

    6.074 Politiker im Herbst 2024 kontaktiert
    1.599 Teilnehmende
    zwei repräsentative Bevölkerungsstichproben mit insgesamt über 2.000 Personen
    sehr starke Unterschätzung der Zustimmung zu Klimagesetzen
    besonders starke Unterschätzung der Bereitschaft, finanziell zum Klimaschutz beizutragen
    Politiker irren sich stärker als die Bevölkerung selbst
    Wahrnehmungslücken zeigen sich über Parteigrenzen hinweg
    größte Fehleinschätzungen bei den wirksamsten Klimaschutzinstrumenten

    Mehr als 6.000 Mails

    Die Forschenden haben für ihre Untersuchung mehr als 6.000 aktive Politikerinnen und Politiker über ihre dienstlichen E-Mail-Adressen kontaktiert. Rund 1.600 Personen beziehungsweise politische Büros nahmen an der Studie teil. Die Forschenden verglichen deren Einschätzungen mit den tatsächlichen Einstellungen von mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürgern aus zwei unabhängigen repräsentativen Bevölkerungsstichproben.

    Das Ergebnis: „Viele politische Entscheidungsträger scheinen zu glauben, dass die Bevölkerung deutlich skeptischer gegenüber Klimaschutz ist, als sie tatsächlich ist“, sagt Timur Sevincer. „Unsere Daten legen nahe, dass politische Entscheidungsträger die gesellschaftliche Unterstützung für wirksame Klimapolitik teilweise erheblich unterschätzen.“

    Besonders große Fehleinschätzungen

    Die größten Wahrnehmungslücken fanden die Forschenden bei zwei Fragen: Wie stark unterstützt die Bevölkerung wirksame Klimagesetze? Und wie viele Menschen wären bereit, selbst einen finanziellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten? Die Akzeptanz von Gesetzen wurde von Politikern um mehr als ein Viertel der gesamten Antwortskala unterschätzt.

    Noch deutlicher fiel die Fehleinschätzung bei der Bereitschaft aus, selbst einen finanziellen Beitrag zu leisten. Politiker schätzten, dass lediglich rund 18 Prozent der Bevölkerung bereit wären, monatlich ein Prozent ihres Einkommens für wirksameren Klimaschutz beizutragen. Tatsächlich lag dieser Anteil bei rund 48 Prozent. Demnach ist fast jeder zweite Deutsche bereit, einen kleinen Teil des eigenen Einkommens beizutragen. Viele politische Entscheidungsträger gehen jedoch davon aus, dass nicht einmal jeder Fünfte dazu bereit wäre.

    Die stärksten Fehleinschätzungen traten bei Maßnahmen auf, die Fachleute als besonders wirksam zur Bekämpfung des Klimawandels ansehen. Während Informationskampagnen teilweise sogar leicht überschätzt wurden, unterschätzten die Befragten insbesondere die Zustimmung zu Gesetzen, Regulierungen und finanziellen Beiträgen. „Die größte Wahrnehmungslücke fanden wir nicht bei der Frage, ob Klimawandel ein Problem ist“, sagt Wilhelm Hofmann. „Sie zeigte sich dort, wo Menschen tatsächlich einen eigenen Beitrag leisten würden oder ambitioniertere Gesetze mittragen müssten – gerade dort – bei der Kooperationsbereitschaft – unterschätzten Politiker die Unterstützung erheblich.“

    Politiker irren sich stärker als die Bevölkerung selbst

    Besonders bemerkenswert: Die Bevölkerung unterschätzt die Unterstützung für Klimaschutz ebenfalls – ein bekanntes psychologisches Phänomen. Die Fehleinschätzungen der Politiker fielen jedoch noch größer aus als die Fehleinschätzungen der Bürgerinnen und Bürger selbst. „Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, ambitionierte Klimapolitik sei politisch riskanter, als sie tatsächlich ist“, so Sevincer.

    Parteiübergreifendes Muster

    Die Wahrnehmungslücke zeigte sich über nahezu das gesamte politische Spektrum hinweg. Zwar unterschätzten linke Parteien die Unterstützung für ambitioniertere Politik etwas weniger stark als konservative oder rechte Parteien. Dennoch fanden die Wissenschaftler die zentrale Tendenz in praktisch allen politischen Lagern. „Der Befund beschränkt sich nicht auf einzelne Parteien“, sagt Hofmann. „Die Unterschätzung der öffentlichen Unterstützung für wirksame Klimapolitik ist ein bemerkenswert breites Phänomen.“

    Mögliche Folgen für die Klimapolitik

    Frühere Forschung zeigt, dass Politiker ihr Verhalten nicht nur an ihren eigenen Überzeugungen ausrichten, sondern auch an dem, was sie für die Meinung ihrer Wählerschaft halten. Wenn diese Wahrnehmung verzerrt ist, kann dies politische Entscheidungen beeinflussen. Die Autoren betonen deshalb, dass bessere Informationen über die tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung helfen könnten, politische Blockaden beim Klimaschutz zu überwinden. „Die größte Hürde für manche Klimaschutzmaßnahmen könnte nicht mangelnde Zustimmung sein“, sagt Sevincer. „Die größere Hürde könnte die falsche Annahme sein, dass diese Zustimmung fehlt.“

    Eine der größten Studien ihrer Art

    Die Studie gehört zu den bislang größten Untersuchungen weltweit über die Wahrnehmung öffentlicher Meinung durch politische Entscheidungsträger.
    Die Forschenden kontaktierten Politiker aller Ebenen:

    Bundestag
    Landtage
    Kreistage
    Stadträte
    Gemeinderäte

    Vertreten waren sämtliche Regionen Deutschlands sowie alle großen Parteien.


    Contact for scientific information:

    PD Dr. habil. Timur Sevincer
    Leuphana Universität Lüneburg
    Institut für Nachhaltigkeitspsychologie
    E-Mail: timur.sevincer@leuphana.de

    Prof. Dr. Wilhelm Hofmann
    Ruhr-Universität Bochum
    Lehrstuhl für Sozial- und Umweltpsychologie
    E-Mail: wilhelm.hofmann@ruhr-uni-bochum.de


    Original publication:

    Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler, Wilhelm Hofmann: Public Support for Climate Action is Underestimated in the German Political Domain, in: Communications Earth & Environment, 2026, DOI: 10.1038/s43247-026-03721-7, Link zum preprint: https://osf.io/preprints/osf/kav53_v4


    More information:

    https://Ausführliche Anhang zur Studie: https://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2026-06-23-studie-deutsche-...


    Images

    Criteria of this press release:
    Journalists
    Environment / ecology, Oceanology / climate, Politics
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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