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07/09/2026 08:17

Die Matua: Sounds und Rituale stärken Zugehörigkeit über Grenzen hinweg

Tilman Wörtz Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Studie der Universität Tübingen über eine religiöse Gemeinschaft, die trotz Vertreibung und Migration näher zusammenrückt – Protestbewegung gegen Kastensystem am Golf von Bengalen

    Die Matua sind eine religiöse Gemeinschaft mit 50 Millionen Mitgliedern und leben durch Vertreibung und Migration über Indien, Bangladesch und 32 weitere Nationen verstreut. Trotz nationaler Grenzen und natürlicher Barrieren wie dem Delta am Golf von Bengalen, Sümpfen und dem Meer ist ihr Zusammenhalt über die Jahrzehnte gestiegen. Eine wesentliche Rolle für ihre Gemeinschaft spielen religiöse Lieder, Trommelrhythmen und geteilte Geschichten – Praktiken, die auch das Entstehen einer Protestbewegung erleichterten. Zu diesem Schluss kommt Professorin Carola Lorea vom Institut für Religionswissenschaften der Universität Tübingen, die ihre Ergebnisse aus zehn Jahren Feldforschung mit und über die Matua nun in einer Monografie vorstellt.

    „Die Matua sind sozial stark benachteiligt und wurden im Laufe ihrer Geschichte in schwer zugängli-che Gebiete abgedrängt“, sagt Carola Lorea. Lange seien die Matua von Politik und Forschung übersehen worden. „Aber sie sind mittlerweile sehr gut organisiert und können mit ihren Stimmen die Ergebnisse von Wahlen beeinflussen.“ Deshalb beginne die Politik, die Matua zu umwerben. „Wer sie verstehen will, muss ihre Musik und Religion verstehen“, so Lorea. „Wir können durch die Matua auch etwas über Zusammengehörigkeit allgemein lernen, in Zeiten von Streamingdiensten und sozialen Medien: Wir sind, was wir hören.“ Ihres Wissens ist ihr Buch die erste englischsprachige Monografie über die Matua.

    Religion und Kultur der Matua

    Der Glaube der Matua entstand als Reformbewegung des Hinduismus während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region des heutigen Bangladesch. Die Matua verehren Harichand Thakur (1812–1878) als ihren Gründer. In seinen Lehren betonte er die Gleichheit aller Menschen und wandte sich gegen die Diskriminierung durch das Kastensystem. Die Anhänger stammen größtenteils aus der Namashudra Gemeinschaft, einer einst marginalisierten „niedrigen“ Kaste. Im Kastensystem gehören Menschen von Geburt an einer bestimmten Kaste an, die ihren sozialen Status und die Be-rufe bestimmt, die sie ausüben können. Heiraten sind nur innerhalb einer Kaste möglich. Die Namashudra-Gemeinschaft lebte meist als landlose Bauern und Fischer abgedrängt in unwirtliche Ge-genden, im Fluss-Delta am Golf von Bengalen, in Sümpfen und Gebieten mit häufigen Über-schwemmungen.

    Im Zentrum der religiösen Praxis der Matua stehen Gesänge, die von Trommeln, Zimbeln und einfa-chen Saiteninstrumenten begleitet werden, außerdem ein heiliger Tanz, der in einen erhöhten Bewusstseinszustand führen soll. Die Lieder werden über Stunden wiederholt und variiert. So entstehen eine laute, euphorische Stimmung und eine gemeinsame Geschichte der eigenen Identität. Die Men-schen legen teils Hunderte Kilometer zu den Versammlungsorten zurück. Eine zentrale Rolle für den Zusammenhalt spielen Priester-Sänger, die über große Distanzen reisen und als Guru, Heiler, Performer und Aktivisten auftreten.

    Die soziale Bewegung

    1947 wurden Pakistan und Ost-Bengalen, das spätere Bangladesch, von Indien abgespalten. Die neuen Grenzen und von der Politik geschürten Konflikte zwischen Hindus und Muslimen führten zu einer der größten Massenmigrationen in der Menschheitsgeschichte. 1971 fielen Pakistan und Bang-ladesch endgültig auseinander. Viele Matua zogen aus dem überwiegend muslimischen Bangladesch ins indische West-Bengalen, viele blieben in Bangladesch, wo heute noch zehn Millionen leben. Ein weiteres wichtiges Siedlungsgebiet sind die Andamanen und Nikobaren, ein Archipel im Indischen Ozean aus 200 Inseln, die über 1.400 Kilometer östlich des indischen Festlands liegen. So haben sich viele Staatsgrenzen und natürliche Barrieren zwischen Teile der Matua-Gemeinschaft gescho-ben.

    In West-Bengalen, einem der bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaaten, gehören die Matua zu den „Scheduled Castes“, den „benachteiligten Gruppen“. Lange war die Staatsbürgerschaft vieler Matua nicht geklärt und ist es bis heute nicht. Sie haben sich gegen soziale und politische Diskriminierung gut organisiert, demonstrieren und lobbyieren für ihre Rechte. Die Anführer der Bewegung sind häufig die reisenden Priester-Sänger, die politischen Versammlungen finden an den religiösen Versammlungsorten statt.

    Sogar der indische Premierminister Narendra Modi reiste Anfang 2019, 2021 und 2026 zu den beiden zentralen Heiligtümern der Matua in West-Bengalen und in Bangladesch.

    Das Forschungsprojekt

    Carola Lorea hat insgesamt zehn Jahre lang in West-Bengalen gelebt und ihre Recherchen in Indien, Bangladesch und auf den Andamanen unter einfachen Bedingungen gemacht, teils ohne Strom und fließend Wasser. Sie nahm in dieser Zeit viele der Lieder und Geschichten auf, wohnte den religiösen Treffen und Protesten bei. Ihre Methode bezeichnet sie als „Ethnografie des Klangs“.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Carola Lorea
    Universität Tübingen
    Institut für Religionswissenschaften
    Telefon +49 7071 29-77166
    carola.lorea[at]uni-tuebingen.de


    Original publication:

    Communities of Sound: Religion, Displacement, and Caste in the Bay of Bengal. Carola Lorea. Mid-dletown: Wesleyan University Press.


    More information:

    https://Journalistinnen und Journalisten können das Buch einsehen und herunterladen unter https://muse.jhu.edu/pub/168/oa_edited_volume/book/138262/pdf


    Images

    Auf einer Matua-Zeremonie wie hier 2019 in Thakurnagar wird viel getrommelt und gesunden.
    Auf einer Matua-Zeremonie wie hier 2019 in Thakurnagar wird viel getrommelt und gesunden.
    Source: Carola Lorea
    Copyright: Universität Tübingen

    Carola Lorea (l.) in einem Recherche-Interview. (2018).
    Carola Lorea (l.) in einem Recherche-Interview. (2018).
    Source: privat
    Copyright: Universität Tübingen


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Cultural sciences, Religion, Social studies
    transregional, national
    Research results
    German


     

    Auf einer Matua-Zeremonie wie hier 2019 in Thakurnagar wird viel getrommelt und gesunden.


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    Carola Lorea (l.) in einem Recherche-Interview. (2018).


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