Mit dem Auslaufen der Tara Polar Station am 19. Juli 2026 aus dem französischen Lorient beginnt eine der außergewöhnlichsten wissenschaftlichen Expeditionen unserer Zeit. Zwölf Forschende werden sich im kommenden Winter gemeinsam mit der Forschungsplattform im Eis treiben lassen und monatelang unter extremen Bedingungen Wasser-, Eis- und Atmosphärenproben sammeln. Mit dabei ist auch die Friedrich-Schiller-Universität Jena: Forschende um Prof. Dr. Georg Pohnert tragen mit ihrer Expertise dazu bei, die Auswirkungen des Klimawandels auf das mikrobielle Leben im Arktischen Ozean zu entschlüsseln.
Vor mehr als 130 Jahren ließ sich der Polarforscher Fridtjof Nansen mit seinem Schiff Fram bewusst im arktischen Meereis einschließen, um sich mit der Eisdrift dem Nordpol anzunähern. Seine Expedition schrieb Polargeschichte. Nun knüpft die internationale Forschungsplattform »Tara Polar Station« an dieses Prinzip an – nicht, um neue Routen zu entdecken, sondern um Antworten auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit zu finden: Wie verändert der Klimawandel das Leben in der Arktis?
Die Arktis erwärmt sich schneller als nahezu jede andere Region der Erde. Dennoch ist bislang nur wenig darüber bekannt, wie sich diese Veränderungen auf die mikrobiellen Lebensgemeinschaften auswirken, die das Fundament des arktischen Ökosystems bilden. Genau hier setzt die internationale Tara Polaris-Mission an. Gemeinsam mit mehr als 30 Forschungseinrichtungen aus zwölf Ländern wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den kommenden Jahren grundlegende Prozesse im arktischen Ozean untersuchen – von der Biodiversität über Stoffkreisläufe bis hin zu den Auswirkungen des Klimawandels auf mikrobielle Lebensgemeinschaften.
Prof. Dr. Georg Pohnert, Professor für Bioanalytik und Principal Investigator im Exzellenzcluster »Balance of the Microverse« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bringt seine langjährige Expertise zur chemischen Ökologie mariner Mikroorganismen in das internationale Forschungskonsortium ein. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er wissenschaftliche Fragestellungen für die Expedition und wird die während der Mission gewonnenen Proben gemeinsam mit internationalen Partnern analysieren.
»Wenn wir verstehen wollen, welche Folgen die Erwärmung des Polarmeeres für das Funktionieren des gesamten polaren Ökosystems hat, müssen wir untersuchen, wie Mikroorganismen am Anfang der Nahrungskette auf die extremen Veränderungen reagieren. Die Tara Polar Station ermöglicht Forschung im vollkommen ungestörten Lebensraum, die unter den bisherigen Bedingungen auf großen Forschungsschiffen nicht möglich gewesen wäre«, sagt Prof. Dr. Georg Pohnert. »Die Station ist nahezu emissionslos und stört das natürliche Gleichgewicht in diesem empfindlichen Lebensraum deshalb kaum. Wir können so auch die empfindlichen natürlichen Wechselwirkungen der Organismen verfolgen und ein neues Bild der Arktis erstellen.«
Winzige Organismen mit globaler Bedeutung
Sie sind mit bloßem Auge kaum sichtbar und dennoch unverzichtbar für das Leben auf der Erde: Mikroalgen produzieren rund die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs, bilden die Grundlage mariner Nahrungsketten und steuern wichtige Stoffkreisläufe. Die Arbeitsgruppe von Georg Pohnert untersucht insbesondere, wie Mikroalgen mit Bakterien kommunizieren und sich an extreme Umweltbedingungen wie monatelange Dunkelheit oder eisige Temperaturen anpassen.
Frühere Expeditionen der Arbeitsgruppe lieferten bereits wichtige Erkenntnisse über bislang unbekannte Stoffwechselprodukte mariner Mikroalgen und deren Bedeutung für den globalen Schwefelkreislauf. Die Tara Polar Station eröffnet nun erstmals die Möglichkeit, diese Prozesse über einen langen Zeitraum direkt während der arktischen Eisdrift zu beobachten.
Während sich die Kühlschränke an Bord der Forschungsplattform nach und nach vom Proviant leeren, werden sie sich mit Wasserproben, Eisbohrkernen und Mikroorganismen füllen. Nach ihrer Rückkehr nach Europa beginnt für zahlreiche Forschungsteams, darunter auch in Jena, die Laborarbeit. Die einzigartigen Proben werden noch viele Jahre analysiert werden und helfen, die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme und ihre globalen Folgen besser vorherzusagen.
Ein Forschungslabor auf der Reise durchs Eis
Die Tara Polar Station ist als dauerhaft driftendes Forschungslabor konzipiert. Anders als klassische Forschungsschiffe lässt sie sich kontrolliert im Meereis einfrieren und treibt über viele Monate mit der natürlichen Eisdrift durch den zentralen Arktischen Ozean. Das auf rund 20 Jahre angelegte Forschungsprogramm soll langfristige Beobachtungsdaten liefern, die bislang kaum verfügbar sind.
Die Beteiligung der Universität Jena unterstreicht die internationale Sichtbarkeit der mikrobiologischen und chemisch-ökologischen Forschung am Standort. Zugleich ergänzt das Projekt die Forschungsziele des Exzellenzclusters »Balance of the Microverse«, der untersucht, wie mikrobielle Gemeinschaften Ökosysteme prägen und auf Umweltveränderungen reagieren.
Prof. Dr. Georg Pohnert
Institut für Anorganische und Analytische Chemie
Rosalind-Franklin-Straße 5
07745 Jena
Tel.: +49 3641 9-48170
E-Mail: georg.pohnert@uni-jena.de
Drohnenansicht der Tara Polar Station
Copyright: Maéva Bardy (Tara Ocean Foundation)
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Biology, Chemistry, Oceanology / climate
transregional, national
Cooperation agreements, Research projects
German

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