Am frühen Morgen in Südwestfalen: Pendler reihen sich Stoßstange an Stoßstange, Umleitungen ziehen sich durch Dörfer, und Baustellen gehören zum üblichen Straßenbild. Was für viele Alltag ist, ist für den Siegener Wissenschaftler Dr. Christian Franke ein historisch gewachsenes Problem und ein Warnsignal für die Zukunft.
In seinem Buch „Verkehrsgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ zeichnet Franke nach, wie sehr Mobilität die Region geprägt hat. Gerade Südwestfalen steht dabei exemplarisch für die Chancen, aber auch die Brüche dieser Entwicklung. „Die industrielle Entwicklung im Rheinland und in Westfalen wäre ohne die Möglichkeiten, schwere Güter transportieren zu können, nicht denkbar gewesen“, erklärt der Wirtschaftshistoriker. Seit dem 19. Jahrhundert verbanden Schienen, Kanäle und später Autobahnen die Regionen und sorgten für wirtschaftliches Wachstum.
Auch für Südwestfalen bedeutete das: Anschluss statt Abseits. Orte wuchsen zusammen, neue Lebensräume entstanden. Der Weg aus Siegen in den Urlaub oder ins Sauerland war plötzlich selbstverständlich, die Region rückte näher an die Metropolen heran. Vor allem in den 1960er- und 70er-Jahren herrschte Aufbruchsstimmung. Autobahnen wurde zum Symbol von Freiheit und Fortschritt. „Auf die Siegtalbrücke war man so stolz, dass die Eiserfelder sie vor der Gebietsreform sogar auf dem Stadtwappen verewigen wollten“, erzählt Franke.
Doch längst zeigen sich die Schattenseiten der Entwicklung. Die Infrastruktur ist fast überall überlastet und sanierungsbedürftig. Brücken, einst für deutlich geringere Verkehrsströme gebaut, stoßen an ihre Grenzen. Franke verweist auf drastische Zahlen: Bauwerke, die einmal für 25.000 Fahrzeuge täglich ausgelegt waren, mussten zuletzt ein Vielfaches tragen, mit einem deutlich höheren Anteil an Schwerlastverkehr.
Gerade in Südwestfalen wurde die Dimension der Krise in den vergangenen Jahren deutlich spürbar. Die Sperrung zentraler Verkehrsachsen, wie bei der Rahmedetalbrücke als Teil der A45 habe gezeigt, wie abhängig eine ganze Region vom reibungslosen Verkehr ist. Jahrzehntelang seien notwendige Sanierungen hinausgezögert worden, auch weil politische Prioritäten anders gesetzt waren, so Franke.
Doch der Wissenschaftler geht noch weiter: Für ihn reicht es nicht, Straßen zu sanieren oder mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern. Gerade in einer Mittelgebirgsregion wie Südwestfalen seien einfache Lösungen beim Bahnverkehr auch nur begrenzt möglich. Topografie, gewachsene Siedlungsstrukturen und wirtschaftliche Anforderungen setzen enge Rahmenbedingungen. „Was vielleicht in Köln funktioniert, passt nicht in Siegen“, betont Franke.
Seine zentrale These ist daher unbequemer: Die Gesellschaft müsse ihr Verhältnis zur Mobilität grundsätzlich hinterfragen. Über Jahrzehnte sei ein System entstanden, das immer größere Distanzen, häufigere Wege und höhere Geschwindigkeiten zur Normalität gemacht habe. Einkaufszentren am Stadtrand, Pendelwege über weite Strecken und regelmäßige Flugreisen seien Ausdruck eines gewachsenen Mobilitätsverständnisses.
Franke plädiert dafür, Mobilität nicht nur effizienter, sondern auch geringer zu denken. Weniger Wege, kürzere Distanzen und eine andere Organisation könnten wirksamer sein als rein technische Lösungen. „Wir sollten uns fragen, was die Grundbedürfnisse an Mobilität sind. Welche zwingend notwendig sind und welche wir mittlerweile einfach nur für selbstverständlich erachten“, sagt er.
Sein Buch liefert damit nicht nur eine historische Einordnung der aktuellen Infrastrukturkrisen, sondern auch einen Impuls für die Zukunft. Gerade für Südwestfalen, wo wirtschaftliche Stärke und infrastrukturelle Herausforderungen eng miteinander verknüpft sind, stellt sich die Frage dringlicher denn je: Wie viel Mobilität ist notwendig und wie viel können wir uns noch leisten?
Das gelte im Großen, aber auch für jeden Einzelnen. Franke: „Ich weiß, dass das provoziert: Aber kann man keinen Weg mehr zu Fuß machen? Hat man einen Anspruch darauf, für kleines Geld überallhin zu fahren und zu fliegen und jedes Produkt aus jedem Winkel der Welt geliefert zu bekommen?“ Im Sinne künftiger Generationen müssen man jetzt umdenken, anstatt sich von den Gegebenheiten ausbremsen zu lassen.
Christian Franke: Verkehrsgeschichte von Nordrhein-Westfalen, Greven Verlag 2026, 144 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-7743-0998-2
PD. Dr. Christian Franke
E-Mail: christian2.franke@uni-siegen.de
Tel.: 0271/740-4469
Die Siegtalbrücke steht exemplarisch für den Sanierungsstau der Infrastruktur.
Source: Carsten Schmale
Copyright: Universität Siegen
Dr. Christian Franke, Wirtschaftshistoriker an der Universität Siegen.
Source: Carsten Schmale
Copyright: Universität Siegen
Criteria of this press release:
Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, all interested persons
Economics / business administration, Environment / ecology, History / archaeology, Social studies, Traffic / transport
transregional, national
Scientific Publications, Transfer of Science or Research
German

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