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09/08/2026 10:40

Zellfreie Forschung öffnet ein Tor zur Zelle

Dr. Virginia Geisel Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie

    Das Sec-Translokon ist die zentrale molekulare Schleuse für den Transport und Einbau nahezu aller Membranproteine – von Bakterien bis zu menschlichen Zellen. Da es für das Überleben der Zelle unerlässlich ist, war eine direkte Untersuchung oder Manipulation in lebenden Organismen bisher kaum möglich. Forschende um Tobias Erb am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie entwickelten „Prosecco“, eine zellfreie Plattform, die erstmals die direkte Herstellung des Sec-Translokons in künstlichen Membranen ermöglicht. Die Plattform bietet eine bisher unerreichte Geschwindigkeit und Skalierbarkeit und eröffnet neue Möglichkeiten für Biotechnologie und Synthetische Biologie.

    Kurz zusammengefasst

    Nahezu alle Proteine, die in Zellmembranen eingebettet sind oder diese durchqueren, passieren das Sec-Translokon. Dieses molekulare Tor ist so fundamental, dass sein zentraler Bestandteil bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren aller heutigen Zellen zurückverfolgt werden kann.
    Da Sec für das Überleben der Zelle unverzichtbar ist, sind viele Mutationen tödlich – was eine umfassende Untersuchung oder gezielte Veränderung des Kanals in lebenden Zellen bisher nahezu unmöglich machte.
    Mit der Plattform „Prosecco“– kurz für Protein Secretion in Cell-free via a synthetic Operon- lassen sich Sec-Proteinkanäle direkt in synthetischen Membranvesikeln herstellen und ihre Aktivität in Echtzeit, vollständig außerhalb lebender Zellen, messen.
    In einem einzigen Experiment charakterisierte das Team mehr Sec-Varianten als in den vorangegangenen drei Jahrzehnten, identifizierte Varianten mit deutlich erhöhter Aktivität und verbesserte auf dieser Grundlage den Export eines therapeutisch relevanten Proteins.

    Ein essentieller Torwächter

    Das Sec-Translokon fungiert als zentrales Tor des Lebens. Nahezu alle Proteine, die aus der Zelle exportiert oder in Zellmembranen eingebaut werden, passieren diese Proteinschleuse. Ihr zentraler Bestandteil SecY blieb über Jahrmillionen unverändert, was ihre fundamentale Bedeutung unterstreicht. Für Forschende stellt dies eine Herausforderung dar, da Mutationen meist zum Zelltod führen. Trotz des großen wissenschaftlichen Interesses, den Proteintransport durch Zellmembranen beeinflussen zu können, wurden in den vergangenen 30 Jahren nur wenige Sec-Varianten detailliert untersucht.
    Den Proteinkanal in künstlichen Zellen aufbauen

    Ein Team von Synthetischen Biologen um Dr. Markus Meier, Dr. Scott Scholz und Prof. Dr. Tobias Erb am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie nutzte Ansätze der Synthetischen Biologie, um das Problem zu umgehen. Prosecco - kurz für Protein Secretion in Cell-free via a synthetic Operon - ist ein zellfreies System, das den Proteinkanal direkt aus der genetischen Information vollständig im Reagenzglas herstellt. Dabei bauen sich die Kanal-Proteine selbst in künstliche Membran-Vesikel ein. Ein lumineszentes Signal macht anschließend in Echtzeit sichtbar, ob der Kanal korrekt in die Membran eingebaut wurde und wie effizient er Proteine transportieren kann.

    „In lebenden Bakterien lassen sich viele der interessantesten Mutationen nicht untersuchen“, erklärt Markus Meier, Erstautor der Studie. „Der Aufbau des Kanals in synthetischen Vesikeln ermöglicht dies. So können Hunderte Varianten gleichzeitig analysiert werden – auch solche, die in lebenden Zellen tödlich wären.“
    Drei Jahrzehnte Forschung in einem einzigen Experiment

    Mit einem automatisierten Hochdurchsatzverfahren untersuchte das Team rund 300 verschiedene SecY-Varianten parallel, darunter mehr als 200, die noch nie zuvor charakterisiert worden waren. In einem einzigen Versuchsansatz konnte die Zahl der charakterisierten Sec-Varianten nahezu vervierfacht werden. Darunter befanden sich Dutzende Varianten, die an fast 40 verschiedenen Positionen des Kanals verteilt sind und deren Transportaktivität um bis zu das Achtfache gesteigert war. Außerdem identifizierten die Forschenden erstmals eine Variante, die die Einbauaktivität des Kanals in die Membran messbar, wenn auch moderat, verbesserte. Die Ergebnisse bestätigen mit dem Großteil früherer Befunde und klärten langjährige Widersprüche, die auf inkonsistenten, überwiegend qualitativen Methoden zurückzuführen waren.
    Proteinexport auf Hochtouren

    Um das Potenzial von Prosecco für praktische Anwendungen zu demonstrieren, wandten die Forschenden ihre Erkenntnisse auf eine konkrete biotechnologische Fragestellung an: die Produktion eines therapeutisch relevanten Nanobody-Proteins. Nanobodies sind kleine Antikörperfragmente, die sowohl in der Forschung als auch in der Medizin eingesetzt werden. Durch systematisches Testen verschiedener Signalpeptide – kurze Aminosäureketten, die Proteine zur Exportmaschinerie leiten – und die Kombination des wirksamsten Signalpeptids mit einer besonders aktiven SecY-Variante konnte das Team den Export des Nanobodies im Vergleich zum Standardverfahren deutlich steigern. Damit lieferte die Studie einen direkten Beleg dafür, dass sich die mit Prosecco gewonnenen Erkenntnisse in praktische Verbesserungen bei der Herstellung wertvoller Proteine übertragen lassen.

    „Proteine wie das Sec-Translokon, die im Zentrum zellulärer Prozesse stehen, sind für die Forschung von großer Bedeutung. Gleichzeitig sind sie in lebenden Zellen schwer zugänglich“, fasst Tobias Erb, Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, die Bedeutung der Studie zusammen. „Die Synthetische Biologie mit zellfreien Systemen kann hier die Forschung revolutionieren. Durch die Isolierung und Untersuchung dieser molekularen Maschine unter kontrollierten Bedingungen konnten wir offene Fragen aus rund 30 Jahren Sec-Forschung klären und ein praktisches Werkzeug entwickeln, um Membranproteine gezielt für Anwendungen in der Synthetischen Biologie weiterzuentwickeln.“

    Besonders interessant ist dies für die Entwicklung synthetischer Zellen, also künstlicher Zellsysteme, die schrittweise aus einzelnen biologischen Bausteinen aufgebaut werden. In diesem Zusammenhang wird die Plattform auch im Rahmen des neu finanzierten europäischen Postdoc-Netzwerks SynCell-nExUs [https://syntheticcell.eu/syncell-nexus-training-europes-next-generation-of-leade...] weiter erforscht, das im Herbst 2026 starten soll.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Tobias Erb
    Direktor +49 6421 178-700 toerb@...
    Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, Marburg


    Original publication:

    Meier, M.; Scholz, S. A.; von Bank, L.; Levandoski, J. E.; Lückhof, M.; Schaaf, M.; Safronova, N.; Greenwood, N. F.; Si, S.; Lieberwirth, I.; Jung, A. L.; Landfester, K.; Driessen, A. J. M.; Erb, T. J.

    Functional mapping and engineering of the Sec translocon unlocked by a cell-free system
    Science Advances 2, Vol 12, Issue 36 (2026) , DOI: 10.1126/sciadv.aej0987


    More information:

    https://www.mpi-marburg.mpg.de/1616486/2026-09-a


    Images

    Mithilfe zellfreier Proteinsynthese wird das Sec- Translokon aus einzelnen Bestandteilen zusammengebaut und in künstliche Zellen integriert, wie das elektronenmikroskopische Bild (rechts) zeigt.
    Mithilfe zellfreier Proteinsynthese wird das Sec- Translokon aus einzelnen Bestandteilen zusammengeb ...
    Source: Tobias Erb
    Copyright: Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie/Erb


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
    Biology, Chemistry, Economics / business administration, Environment / ecology
    transregional, national
    Research results, Transfer of Science or Research
    German


     

    Mithilfe zellfreier Proteinsynthese wird das Sec- Translokon aus einzelnen Bestandteilen zusammengebaut und in künstliche Zellen integriert, wie das elektronenmikroskopische Bild (rechts) zeigt.


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