Neue LMU-Studie zeigt: Drei Viertel des geschätzten globalen Potenzials, durch neue Wälder CO₂ zu binden, sind durch erhebliche soziale und institutionelle Hürden beschränkt.
Das Pflanzen von Bäumen wird oft als einfacher Weg zur Bekämpfung des Klimawandels angesehen. Weltweit haben Maßnahmen zur Schaffung neuer Wälder (Aufforstung) und zur Wiederherstellung verlorener Wälder (Wiederaufforstung) dazu beigetragen, die Waldfläche bislang um mehr als 300 Millionen Hektar zu vergrößern. Schätzungen zufolge wurden dadurch in den letzten zehn Jahren jährlich rund 2,2 Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre gebunden – was in etwa den jährlichen CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen in der gesamten Europäischen Union entspricht. Allerdings konkurriert diese großflächige Aufforstung mit der Nahrungsmittelproduktion und den Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort. Ihr Erfolg hängt zudem von den Landnutzungsrechten sowie von Institutionen ab, die die Projekte langfristig unterstützen und schützen können.
Wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen Aufforstung einschränken
Eine neue Studie unter der Leitung des LMU-Geographen Wenkai Bao zeigt, dass rund drei Viertel der bisher geschätzten Potenziale zur CO₂-Bindung durch Aufforstung und Wiederaufforstung auf erhebliche soziale und institutionelle Hindernisse stoßen könnten.
Das LMU-Team vereinte Fachwissen aus den Natur- und Sozialwissenschaften und kombinierte Erkenntnisse aus konkreten Fallstudien mit einer auf maschinellem Lernen basierenden Analyse umfangreicher globaler Datensätze. Die Studie, die im Fachmagazin One Earth erscheint, liefert eine globale Einschätzung darüber, wie soziale, institutionelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen die Bemühungen um Aufforstung und Wiederaufforstung einschränken – und was diese Herausforderungen für die künftige Bindung von Kohlendioxid bedeuten.
Die Ergebnisse zeigen, dass Armut, Ernährungsunsicherheit, unsichere Landrechte und schwache Verwaltungsstrukturen zu den größten Hindernissen für Aufforstung und Wiederaufforstung weltweit zählen. Eine begrenzte forstwirtschaftliche Infrastruktur und mangelnde Unterstützung durch lokale Akteure erschweren zudem die langfristige Anlage und Erhaltung von Wäldern.
Während die Aufforstung und Pflege von Wäldern in Europa und China laut der Studie auf vergleichsweise geringe gesellschaftliche und institutionelle Hürden stoßen, sind diese Herausforderungen in Afrika sowie in Indien und Brasilien deutlich größer.
Erfolgreicher Klimaschutz muss ökologische und soziale Maßnahmen verbinden
„Da ein Großteil des geschätzten Potenzials in Regionen liegt, die mit solchen Hindernissen konfrontiert sind, insbesondere in tropischen Ländern, müssen glaubwürdige Klimastrategien Aufforstung und Wiederaufforstung mit Maßnahmen verbinden, die Lebensgrundlagen, Rechte und Institutionen stärken“, erklärt Wenkai Bao. Werden diese sozialen und institutionellen Bedingungen ignoriert, kann dies zu einem Scheitern der Bepflanzung, zu weniger oder weniger dauerhaft gebundenem Kohlenstoff, zu Konflikten oder größerer Not für arme Gemeinden führen.
Julia Pongratz, Professorin für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der LMU und Mitautorin der Studie, fügt hinzu: „Um Treibhausgasneutralität zu erreichen, müssen wir die globale Menge an CO2, die wir aus der Atmosphäre entfernen, bis zum Jahr 2050 mindestens verdreifachen. Die Ausweitung der Waldfläche wird dabei die entscheidende Rolle spielen, während wir die technologischen Möglichkeiten zur CO₂-Entfernung weiterentwickeln. Es ist daher von grundlegender Bedeutung, die Hindernisse bei der Anpflanzung und Erhaltung dieser Wälder zu verstehen – und letztendlich zu überwinden. Allerdings muss klar gesagt werden, dass die Anpflanzung von Wäldern umfassendere Klimaschutzmaßnahmen und Nachhaltigkeitsstrategien nur ergänzen, keinesfalls ersetzen kann.“
Prof. Dr. Julia Pongratz
Lehrstuhl für Physische Geographie und Landnutzungssysteme
Department für Geographie
Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: julia.pongratz@lmu.de
Tel.: +49 89 2180-6652
Wenkai Bao, Yiannis Moustakis, Wolfgang A. Obermeier, Matthias Garschagen, Julia Pongratz: Global socioeconomic constraints on afforestation- and reforestation-based carbon dioxide removal. One Earth 2026.
https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101872
Criteria of this press release:
Journalists
Environment / ecology, Geosciences, Oceanology / climate, Social studies, Zoology / agricultural and forest sciences
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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