Mit „Neuen Horizonte in der Immunonkologie: Fortschritten, Grenzen und klinischer Reife“ befasst sich das Jubiläums-Symposium der seit 60 Jahren aktiven Paul-Martini-Stiftung am 30. und 31. Oktober in Berlin. Mehr als 230 Forschende aus medizinischen Einrichtungen und der Industrie sowie Vertreter aus weiteren Teilen des Gesundheitswesens diskutieren dort darüber, wie das Immunsystem noch besser zum Partner bei der Krebstherapie gemacht werden kann. Veranstalter ist die Paul-Martini-Stiftung (PMS) in Verbindung mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Wieder konnte die Stiftung für ihr Symposium führende Expertinnen und Experten aus Forschungsinstituten und forschenden Unternehmen gewinnen.
„Die letzten zehn, zwölf Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, wieviel körpereigene Immunzellen zur Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten beitragen können, wenn man sie in geeigneter Weise einsetzt und unterstützt. Und aktuelle immunonkologische Entwicklungsprojekte arbeiten darauf hin, möglichst viele Menschen künftig vor Krebstod oder einem Rückfall zu bewahren.“ Das erklärt Prof. Dr. Michael Platten (Universitätsmedizin Mannheim und DKFZ Heidelberg), der das Symposium zusammen mit dem Leiter des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, Prof. Dr. Robert Zeiser (Universitätsklinikum Freiburg), leitet. Dieser betonte: „Es gilt nicht nur, die Wirksamkeit, sondern auch die Verträglichkeit der immunonkologischen Therapien weiter zu verbessern. Denn auch wenn sie körpereigene Prozesse nutzen, sind sie nicht ohne Nebenwirkungen. Und wir behandeln nicht Tumore, wir behandeln Menschen.“
Weiterentwicklung etablierter immunonkologischer Therapien
Wesentliche Fortschritte in der Behandlung von soliden wie hämatologischen Krebserkrankungen sind der Immunonkologie zu verdanken: insbesondere der Entwicklung von Checkpoint-Inhibitoren, CAR-T-Zellen und T-Zell-rekrutierenden bispezifischen Antikörpern durch Un-ternehmen und Forschungsinstitute.
Checkpoint-Inhibitoren sind Wirkstoffe, die die suppressive Wirkung von Tumorzellen auf zytotoxische T-Zellen teilweise aufheben können. Mittlerweile sind in der EU fünfzehn davon zugelassen. Patientinnen und Patienten mit rund 20 unterschiedlichen Tumorentitäten können damit mit zum Teil deutlichen und längerfristigen Überlebensvorteilen behandelt werden. Im Symposium wird zudem diskutiert, wie sich immunvermittelte Nebenwirkungsspektrum dieser Therapie besser handhaben lassen.
CAR-T-Zellen sind dem Patienten oder der Patientin entnommene zytotoxische T-Zellen, die ex vivo gentherapeutisch so bearbeitet wur-den, dass sie an ihrer Oberfläche einen zusätzlichen Rezeptor exprimieren (CAR genannt). Mit dem können sie ein für eine bestimmte Tumorart typisches Protein erkennen und daraufhin die Zellen, die es tragen, zerstören. Bislang sind sieben dieser arzneimittelrechtlich als Medikamente behandelten zellulären Gentherapie-Produkten in der EU zugelassen. – Gleich mehrere Vorträge befassen sich mit ihnen: etwa zu Möglichkeiten, gegen sie gerichtete Resistenzen zu überwinden, neurologische Nebenwirkungen zu dämpfen oder sie in vivo zu erzeugen.
T-Zell-rekrutierende bispezifische Antikörper zeichnen sich durch zwei verschiedene Bindungsaffinitäten aus. Diese ermöglichen es ihnen, Tumorzellen direkt mit zytotoxischen T-Zellen zu verbrücken, die daraufhin die Tumorzellen zerstören. Dieser Therapieansatz bewährte sich zuerst bei hämatologischen Tumoren, mittlerweile aber auch bei einem soliden Tumor (SCLC). Auf dem Symposium wird es unter anderem darum gehen, wie die T-Zell-Aktivierung durch diese Antikörper noch durch deren Costimulation mit einem weiteren Wirkstoff gesteigert werden kann.
Verbesserungspotenzial gibt es aber auch bei einem viel älteren im-munonkologischen Verfahren: der Stammzelltransplantation zur Therapie von Leukämien. Denn die aus dem Transplantat hervorgehenden Immunzellen ersetzen nicht nur die des Patienten oder der Patientin, sie bekämpfen auch im Körper verbliebene Leukämiezellen durch eine Graft-versus-Host-Reaktion. Wie sich diese verträglich optimieren lässt, wird auf dem Symposium diskutiert.
Eine besondere Herausforderung stellt der Einsatz immunbasierter Ansätze im Fall von Hirntumoren dar, muss hier doch unter anderem die Blut-Hirnschranke als Zugangsbarriere für viele Wirkstoffe berücksichtigt werden. Grundsätzlich sind aber auch im Gehirn tumor-reaktive T-Zellen der zentrale Effektor jeder onkologischen Immuntherapie.
Neue immunonkologische Therapieprinzipien
Noch ohne eine erste Zulassung sind Neoantigen-Therapien, auch therapeutische Krebsimpfungen genannt. Sie beruhen darauf, dass sich Tumorzellen stets durch einige mutierte Proteine (im Kontext der Immunonkologie „Neoantigene“ genannt) von gesunden Zellen unterscheiden, was sie grundsätzlich für das Immunsystem als „fremd“ erkennbar und angreifbar macht. Um einen entsprechenden Immunangriff zu stimulieren, wenn er nicht von alleine in Gang kommt, sollen Injektionen mit ausgewählten Neoantigenen dienen; oder aber Injektionen mit Lipidnanopartikeln mit einer mRNA, die für diese Neoantigene (oder Fragmente davon) kodiert. Gesunde Zellen übernehmen dann nach der Injektion die Bildung der entsprechenden Proteine.
Am weitesten fortgeschritten (nämlich in klinischer Erprobung in Phase III) sind Projekte, bei denen der Impfstoff individuell hergestellte mRNA enthält, die für bis zu 34 ausgewählte Neoantigene aus dem Tumor des Patienten oder der Patienten kodiert. In einigen anderen Projekten variieren die Neoantigene (oder die entsprechenden mRNAs) nicht, sondern wurden ausgewählt, weil sie typisch für die jeweiligen Tumor-arten sind. Erprobt werden Neoantigentherapien unter anderem gegen Malignes Melanom, Nicht-Kleinzelligen Lungenkrebs und verschiedene Hirntumorarten. Die Erfahrungen, die aus den unterschiedlichen Ent-wicklungsprojekten vorliegen (auch die gerade beim Europäischen Onkologie-Kongress ESMO in Madrid vorgestellten), werden in mehreren Vorträgen dargestellt und diskutiert.
Im Symposium werden außerdem weitere Entwicklungsrichtungen für die Immunonkologie ausgelotet: So könnten beispielsweise neu identifizierte Angriffspunkte bei Tumorzellen und ihrem Mikromilieu einige Neuentwicklungen leiten und eine genaue Klärung der Rolle des menschlichen Mikrobioms die Therapien noch wirksamer machen. Auch könnten künftig noch andere Immunzellen als nur zytotoxische T-Zellen gezielt gegen Tumorzellen eingesetzt werden.
„Das rasant wachsende Wissen über die immunologischen Grundlagen der Onkologie und die Fülle an Projekten zu dessen Translation in ein-setzbare Therapien macht Hoffnung, dass auch die kommenden Jahre die Chancen für Menschen mit Krebs weiter verbessern werden“, so Professor Platten; und Professor Zeiser kündigte an, dass die Paul-Martini-Stiftung auch in den kommenden Jahren für Gelegenheiten sorgen werde, diese Entwicklungen intensiv zu diskutieren.
Die Paul-Martini-Stiftung
Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung fördert die wissenschaftliche Entwicklung moderner Arzneimitteltherapie für eine wirksame und sichere Versorgung von Patienten und Patientinnen. Seit sechzig Jahren ist die Stiftung eine Brücke zwischen akademischer Wissen-schaft, Klinik, forschender Industrie und Politik. Dazu dienen die jährlich ausgerichteten Symposia und Workshops, die Verleihung des Paul-Martini-Preises und der Early Career Awards für Klinische Forschung. Träger der Stiftung ist der Verband forschender Arznei-mittelhersteller, Berlin, der als Verband derzeit 51 forschende Pharma-Unternehmen vertritt.
Die Stiftung ist benannt nach dem Bonner Wissenschaftler und Arzt Professor Paul Martini (1889 - 1964), in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die klinisch-therapeutische Forschung.
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
Als Nationale Akademie der Wissenschaften leistet die Leopoldina unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Dazu erarbeitet die Akademie interdisziplinäre Stellungnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. In diesen Veröffentlichungen werden Handlungsoptionen aufgezeigt, zu entscheiden ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik. Die Expertinnen und Experten, die Stellungnahmen verfassen, arbeiten ehrenamtlich und ergebnisoffen. Die Leopoldina vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien, unter anderem bei der wissenschaftsbasierten Beratung der jährlichen G7- und G20-Gipfel. Sie hat rund 1.750 Mitglieder aus mehr als 30 Ländern und vereinigt Expertise aus nahezu allen Forschungsbereichen. Sie wurde 1652 gegründet und 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Die Leopoldina ist als unabhängige Wissenschaftsakademie dem Gemeinwohl verpflichtet.
https://www.paul-martini-stiftung.de/symposium/2026/ Programm und Abstracts
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, Students
Biology, Medicine
transregional, national
Scientific conferences
German

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