idw - Informationsdienst
Wissenschaft
Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat heute ihr Jahresgutachten an die Bundesregierung überreicht. Mitglied des Gremiums ist auch die Innovationsökonomin Prof. Dr. Carolin Häussler von der Universität Passau. Ein zentrales Thema im Gutachten 2025 ist das Potenzial neuer Quantentechnologien.
Quantentechnologien versprechen der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) zufolge in verschiedenen Feldern bahnbrechende Innovationen: von leistungsstarken Quantencomputern über ultrapräzise Sensoren bis hin zu hochsicheren Kommunikationssystemen. Deutsche Akteure haben gute Voraussetzungen dafür, langfristig mit der Konkurrenz aus den USA und China mitzuhalten und eine führende Rolle in diesen Zukunftsfeldern einzunehmen. Obwohl die Entwicklung vieler Quantentechnologien noch am Anfang steht, müssen bereits heute die richtigen strategischen Weichen gestellt werden. Vor allem bedarf es europäisch koordinierter Anstrengungen und einer verlässlichen Forschungs- und Innovationspolitik der neuen Bundesregierung.
Europäische Zusammenarbeit essenziell
Der Wettlauf um die Spitzenposition bei Quantentechnologien wird aktuell vor allem von Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus den USA, der EU und China bestimmt. Besonders bemerkenswert ist Chinas rasante Aufholjagd in den letzten zwei Jahrzehnten: Während zu Beginn der 2000er Jahre noch rund 85 Prozent der weltweiten wissenschaftlichen Publikationen zum Quantencomputing unter US-amerikanischer oder europäischer Beteiligung entstanden, hat China die beiden Spitzenreiter mittlerweile überholt. „Als einzelner Akteur hat es Deutschland im internationalen Wettbewerb beim Quantencomputing schwer“, sagt Prof. Dr. Carolin Häussler, Inhaberin des Lehrstuhls für BWL mit Schwerpunkt Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship an der Universität Passau und Mitglied der EFI. „Eine enge Zusammenarbeit und Bündelung der Kräfte innerhalb der EU ist daher essenziell, um beispielsweise ein ‚Quantum Computing Made in Europe‘ perspektivisch zu ermöglichen. Hierzu gilt es, ein starkes europäisches Innovationsökosystem zu schaffen, in dem sich Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren grenzüberschreitend vernetzen und ihre Aktivitäten koordinieren”, so Häussler.
Quantenforschung braucht verlässliche Politik
Quantenforschung ist hochkomplex und kostspielig. Sie erfordert kluge Köpfe, aufwändige und hochspezialisierte Infrastruktur und langfristiges Engagement – denn welche konkreten Verfahren und Technologien sich letztlich durchsetzen, ist oft erst nach Jahren absehbar. Um zukunftsweisende Quantenprojekte erfolgreich voranzutreiben, braucht es daher politischen Rückhalt und Planungssicherheit. „Die EFI empfiehlt der neuen Bundesregierung, mit einer nationalen Quantenstrategie einen kohärenten Rahmen für die Weiterentwicklung von Quantentechnologien zu schaffen”, erklärt Häussler. Dazu gehörten langfristig ausgerichtete und flexibel anpassbare Technologie-Roadmaps, der gezielte Ausbau regionaler Innovationscluster mit klaren Forschungsschwerpunkten, ein einfacher Zugang zu modernster Forschungsinfrastruktur sowie der Aufbau einer Quanten-Benchmarking-Plattform. Zudem sei gezielte Förderung von Kompetenzen im Bereich der Quantentechnologien und die Verbesserung der Standortattraktivität für internationale Spitzenforscherinnen und -forscher wichtig, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.
Hervorragende Ausgangslage, um Quantentechnologien maßgeblich voranzutreiben
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2025 zum Jahr der Quantenwissenschaft und Quantentechnologien erklärt. „Das Quantenjahr 2025 ist ein wichtiges Zeichen“, erklärt Prof. Dr. Irene Bertschek, Leiterin des Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“ am ZEW Mannheim und stv. Vorsitzende der EFI, „denn Quantentechnologien gelten als Schlüsseltechnologien der Zukunft.“ Neben einer enorm gesteigerten Rechenleistung durch Quantencomputer versprechen die neuen Technologien hochsichere Kommunikation, wichtige Fortschritte in der autonomen Navigation und Durchbrüche in der medizinischen Diagnostik. „Viele Anwendungen der Quantentechnologien, wie universell einsetzbare Quantencomputer, sind aktuell noch weit von der Marktreife entfernt. Dies eröffnet Deutschland die Chance, die weiteren Entwicklungen mitzugestalten und Quantentechnologien maßgeblich voranzutreiben,“ so Bertschek weiter. „Denn dank exzellenter Grundlagenforschung und einer starken Tradition in der Quantenphysik hat Deutschland hierfür eine hervorragende Ausgangsposition.”
Transfer von Forschungsergebnissen verstärkt in den Fokus rücken
Mit Hochdruck arbeiten derzeit US-amerikanische Technologieriesen wie IBM, Microsoft und Google am Transfer neuer Erkenntnisse aus der Quantenforschung in praktische Anwendungen. Von den weltweit knapp 1.800 Patentanmeldungen der letzten zwei Jahrzehnte im Bereich Quantencomputing stammt etwa die Hälfte aus den USA und nur gut 70 aus Deutschland. Hier liegt häufig eine Schwäche im deutschen Forschungs- und Innovationssystem. „Die exzellente Forschung in Deutschland allein reicht nicht, um langfristig eine Spitzenposition im globalen Wettbewerb zu sichern“, warnt Bertschek. „Deutschland hat zu oft schon bahnbrechende Ideen entwickelt, die später anderswo zur Marktreife gebracht wurden“, ergänzt Uwe Cantner, Vorsitzender der EFI und Professor an der Universität Jena. Um dies bei den Quantentechnologien zu vermeiden, müsse der Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Anwendungen mehr in den Fokus rücken. Konkret fordert die EFI die Unterstützung von Gründerinnen und Gründern aus der Forschung, verbesserte Finanzierungsbedingungen für Start-ups und staatliche Ankerkundenverträge für zentrale Großprojekte.
Ob revolutionäre neue Technologien wie der universelle Quantencomputer in fünf, zehn oder erst in fünfzehn Jahren verfügbar sein werden, ist ungewiss. Klar ist jedoch: Quantentechnologien bergen große Innovationspotenziale. Sie bieten Deutschland und der EU die Chance, eine Spitzenposition in einer Schlüsseltechnologie der Zukunft einzunehmen. Die neue Bundesregierung sollte diese Chance nicht verpassen.
Quelle: Geschäftsstelle der Expertenkommission Forschung und Innovation
Vier Fragen an Prof. Dr. Carolin Häussler:
Aus Perspektive der Innovationsökonomin: Warum läuft die deutsche Wirtschaft nicht rund?
Wir haben nicht nur mit konjunkturellen, sondern vor allem auch mit strukturellen Schwächen zu kämpfen. Letztere bestehen zwar schon länger. Aber nun sind sie so eklatant, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Allerdings stehen wir jetzt vor einer Situation, in der die Wachstumsdynamik ausbleibt, die Exporte zurückgehen und die Unternehmensschließungen zunehmen. Verschärft wird das Ganze durch einen transformativen Wandel, getrieben durch Digitalisierung und Dekarbonisierung. Wandel bedeutet immer auch Chance – aber nur, wenn man die Möglichkeiten hat, die Chance zu ergreifen. Dies ist derzeit am Standort Deutschland schwierig. Das zeigt sich etwa an einer wenig dynamischen Intensität der Forschungs- und Entwicklungs-Aktivitäten und damit einhergehend in einer geringen Bereitschaft, in diese zu investieren. Wir sehen, dass Deutschland bei Patentanmeldungen zurückfällt, insbesondere bei künstlicher Intelligenz, und Unternehmen verlagern Standorte ins Ausland und investieren in Startups anderswo.
Was ist zu tun?
Wir müssen das Schwungrad zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Investoren wieder aktivieren. Das gelingt nur, wenn Bremsklötze beseitigt werden. Jetzt gilt es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir die Chancen nutzen, die uns gerade heute bahnbrechende Technologien und Innovationen bieten. Insofern muss unternehmerische Initiative und Risikobereitschaft gefördert werden. Die hohen Kosten des Scheiterns müssen runter, damit Unternehmen wieder mutig innovieren, anstatt beim Bewährten zu bleiben. Überbordende Regulierungen und Berichtspflichten müssen zurückgefahren werden. Das schafft nicht nur Freiräume für Unternehmen, sondern erweitert Spielräume um staatliches Handeln effizienter auszurichten. Eine zentrale Empfehlung der EFI an die Bundesregierung lautet: Es braucht eine klare Vision und Strategie in der Forschungs- und Innovationspolitik, klare strategische Leitlinien und mehr Durchsetzungskraft. Alle Ministerien müssen hier einschwingen. Zudem benötigen wir eine adäquate und schlagkräftige Governance-Struktur. So empfehlen wir beispielsweise, die Zuständigkeiten für die Forschungs- und Innovationspolitik in einem Bundesministerium für Forschung, Innovation und Technologie (BMFIT) zu bündeln. Und wir erneuern unsere Empfehlung, endlich ein Digitalministerium zu schaffen, das die großen Linien der digitalen Transformation vorzeichnet, Strategien entwickelt und sie koordinierend vorantreibt.
Wo steht Deutschland im internationalen Wettbewerb der Quantentechnologien?
Deutsche Akteure haben im Quantencomputing dank exzellenter Grundlagenforschung und angewandter Forschung und Entwicklung in der Quantenphysik eine gute Ausgangsposition im internationalen Wettbewerb. Doch die gilt es nicht zu verspielen. Denn obwohl viele Entwicklungen in den Quantentechnologien noch in einem frühen Stadium sind, arbeiten bereits unter anderem US-amerikanische Technologieriesen wie IBM, Microsoft und Google mit Hochdruck am Transfer neuer Erkenntnisse aus der Quantenforschung in praktische Anwendungen. Ein Beispiel: Von den weltweit knapp 1.800 Patentanmeldungen der vergangenen zwei Jahrzehnte im Bereich Quantencomputing stammen etwa die Hälfte aus den USA und nur gut 70 aus Deutschland. Hier liegt häufig eine Schwäche im deutschen Forschungs- und Innovationssystem, denn exzellente Forschung allein reicht nicht, um sich langfristig eine Spitzenposition im globalen Wettbewerb zu sichern. Deutschland hat zu oft schon bahnbrechende Ideen entwickelt, die später anderswo zur Marktreife gebracht wurden.
Ihre Einschätzung: Sollte die neue Bundesregierung das Thema Quanten oben auf die Agenda setzen?
Wir haben hier eine großartige Chance, in einer Schlüsseltechnologie der Zukunft eine globale Spitzenposition einzunehmen und somit den Technologiestandort Deutschland bzw. Europa nach oben zu heben. Perspektivisch kann sogar ein "Quantencomputing Made in Europe" möglich werden. Hierfür brauchen wir aber die entsprechenden Rahmenbedingungen, für die die neue Bundesregierung sorgen muss. Aber nicht nur aus wirtschaftlichem Interesse, sondern auch aus sicherheitspolitischen Interessen besteht Handlungsbedarf. Denn mit der enorm gesteigerten Rechenleistung durch Quanten steigt das Risiko von Cyberangriffen – eine Bedrohung für private sowie politische Bereiche, in denen sichere Kommunikation wichtig ist. Hier muss heute gehandelt werden, denn morgen ist zu spät. Warum? Weil heute bereits absehbar ist, dass herkömmliche Verschlüsselungstechniken durch Quantencomputer nicht mehr sicher sein werden.
Prof. Dr. Carolin Häussler
Lehrstuhl für Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship
Universität Passau
E-Mail: Carolin.Haeussler@Uni-Passau.de
https://www.e-fi.de/fileadmin/Assets/Gutachten/2025/EFI_Gutachten_2025_30125.pdf
Video-Interview mit Prof. Dr. Carolin Häussler zum Gutachten 2025
https://www.digital.uni-passau.de/beitraege/2025/efi-jahresgutachten-2025 Vollständiges Interview mit Prof. Dr. Carolin Häussler im Forschungsmagazin der Universität Passau
Die EFI Kommission bei der Übergabe des Gutachtens 2025 an Bundeskanzler Olaf Scholz. v.l. Friederik ...
Linda Köhler-Sandring
Geschäftsstelle Expertenkommission Forschung und Innovation
Prof. Dr. Carolin Häussler, Innovationsforscherin an der Universität Passau und Mitglied der EFI Kom ...
Ulrich Schwarz
Universität Passau
Criteria of this press release:
Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils
Economics / business administration
transregional, national
Transfer of Science or Research
German
You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.
You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).
Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.
You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).
If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).