idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instance:
Share on: 
01/19/2026 15:58

Aktualisierter Cochrane Review: Wirksamkeit von Cannabis-haltigen Arzneimitteln bei Nervenschmerzen unklar

Mirjam Mischke-Stöckel Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Cochrane Deutschland

    Medikamente auf Cannabis-Basis helfen bei chronischen Nervenschmerzen möglicherweise nicht oder nur wenigen Menschen, verursachen aber möglicherweise häufig unerwünschte Wirkungen. Das zeigt ein jetzt veröffentlichter, aktualisierter Cochrane Review. Allerdings ist die Studienlage derzeit unbefriedigend. Forschende fordern daher weitere Untersuchungen mit mehr Teilnehmenden und längerer Laufzeit, um das Verhältnis von potenziellem Nutzen und Risiken besser einschätzen zu können.

    Chronische neuropathische Schmerzen entstehen nicht durch eine akute Verletzung, sondern weil geschädigte Nerven selbst unkontrolliert Schmerzsignale erzeugen. Das kann sich als Brennen, Stechen, plötzlich einschießende Schmerzen, Berührungsschmerz, Kälte- oder Wärmeschmerz äußern. Ursachen können unter anderem Diabetes, Bandscheibenvorfälle, Gürtelrose, Chemotherapien oder Schlaganfälle sein. Wenn Standard-Arzneimittel nicht ausreichend helfen, setzen manche Schmerzpatient*innen ihre Hoffnung auf Cannabis-basierte Medikamente.

    Für den aktualisierten Cochrane Review wurden 21 randomisierte Studien mit 2187 Erwachsenen ausgewertet. Die Teilnehmenden erhielten Cannabis-basierte Präparate oder Placebo über Zeiträume von zwei bis 26 Wochen. Nur vier Studien erfüllten die Empfehlung der EU-Arzneimittelbehörde EMA von mindestens 12 Wochen Laufzeit.

    Untersucht wurden folgende Wirkstoffgruppen:

    • Präparate mit überwiegend Tetrahydrocannabinol (THC) – einem Inhaltsstoff der Cannabispflanze, der berauschend wirkt
    • Präparate mit überwiegend Cannabidiol (CBD) – einem Inhaltsstoff der Cannabispflanze ohne die typische Rauschwirkung
    • Kombinationspräparate mit THC und CBD.

    In einer Studie wurde der Dampf von erhitztem Cannabis – überwiegend von getrockneten Blüten – eingeatmet. In den übrigen Studien kamen ein Mundspray mit definierten THC-/CBD-Mengen pro Hub, Präparate zum Schlucken sowie Cremes oder Pflaster zum Einsatz.

    Über alle Wirkstoffgruppen hinweg fanden die Forschenden keine verlässlichen Belege, dass Cannabis-haltige Arzneimittel neuropathische Schmerzen besser lindern als ein Placebo:
    In Studien mit THC- oder CBD-dominanten Präparaten ließ sich kein positiver Effekt nachweisen bzw. die Studien wiesen erhebliche methodische Mängel auf.

    Mit Blick auf Kombinationspräparate mit THC und CBD fanden die Forschenden folgendes heraus: Von 1000 Patient*innen, die ein solches Kombi-Präparat genommen hatten, schätzten am Studienende 268 ihren Zustand als „viel besser“ ein. Zum Vergleich: Bei Patient*innen, die ein Placebo verabreicht bekommen hatten, waren es 197. (Gemessen mit dem „Patient Global Impression of Change“-Fragebogen in sieben Studien mit 1145 Teilnehmenden, die zwischen zehn und 105 Tagen dauerten.) Die Cochrane-Autor*innen halten diesen Unterschied aber für gering. Zudem ist die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses aus verschiedenen Gründen niedrig: So schlossen die meisten Studien Menschen mit psychischen Erkrankungen – auch in der Vergangenheit – sowie mit schweren Begleiterkrankungen von vornherein aus. Deshalb bleibt unklar, wie gut die Befunde auf den typischen Schmerzpatienten übertragbar sind. Außerdem war die methodische Qualität und die Zahl der Teilnehmenden pro Studie in den meisten Untersuchungen unzureichend.

    Unerwünschte Wirkungen wurden in den Studien sehr unterschiedlich erfasst und berichtet. Welche Nebenwirkungen gefunden wurden und wie häufig sie auftraten, hing stark davon ab, wie die Daten erhoben wurden. Insgesamt lässt sich die Sicherheit von Cannabis-haltigen Medikamenten bislang nicht verlässlich beurteilen – unter anderem wegen verschiedener Schwächen in den Studien.
    Allerdings zeigt der aktuelle Cochrane Review einige Signale für Verträglichkeitsprobleme: So berichteten beispielsweise die Patienten mit den THC/CBD-Kombi-Präparaten von deutlich mehr unerwünschten Wirkungen auf das Nervensystem als Patient*innen, die ein Placebo erhalten hatten. Dazu zählten Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Schläfrigkeit sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen (annähernd zwei Drittel in den THC/CBD-Gruppen versus gut einem Viertel unter Placebo). „Psychiatrische Nebenwirkungen“ wie Verwirrtheit, psychotische Symptome (etwa Halluzinationen) oder Hinweise auf Abhängigkeitsentwicklung wurden bei rund 11 Prozent der Teilnehmenden in den THC/CBD-Gruppen und rund 3 Prozent in den Placebo-Gruppen berichtet. Wegen unerwünschter Wirkungen brachen zudem in der THC/CBD-Gruppe deutlich mehr Teilnehmende die Therapie ab als in der Kontrollgruppe: nämlich 118 von 1000 im Vergleich zu 68. All diese Zahlen sind nach Ansicht der Cochrane Forschenden allerdings mit einer hohen oder sogar sehr hohen Unsicherheit behaftet und entsprechend wenig vertrauenswürdig (Einstufung im GRADE-System: low bzw. very low).

    Weil die meisten Studien nur wenige Wochen dauerten und das nach EMA-Einschätzung für diese chronische Erkrankung zu kurz ist, lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, welchen potenziellen Nutzen oder Schaden Cannabis-Medikamente haben, wenn Patient*innen mit Nervenschmerzen sie langfristig anwenden.

    Die Cochrane-Forscher*innen fordern daher qualitativ hochwertigere Untersuchungen: „Um Nutzen und Risiken von Cannabis-basierten Arzneimitteln vollständig zu verstehen, benötigen wir größere, gut konzipierte Studien mit einer Behandlungsdauer von mindestens 12 Wochen, die auch Personen mit körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen einschließen“, sagt Prof. Dr. med. Winfried Häuser, einer der Review-Autoren. Die Forschenden empfehlen auch jeweils mindestens 150 Teilnehmer*innen pro Behandlungsarm, die entweder ein Cannabis-Arzneimittel oder ein Placebo erhalten. Zudem schlagen sie vor, dass verschiedene Formen neuropathischer Schmerzen separat untersucht werden. Die Forschenden gehen davon aus, dass solche Studien die bisherigen Einschätzungen zu Wirkung und Risiken von Cannabis-Medikamenten bei Nervenschmerzen nochmal verändern würden. „Derzeit ist die Qualität der meisten Studien zu gering, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen“, so Häuser.

    Zum Hintergrund:
    Seit 2017 dürfen Ärzt*innen in Deutschland medizinisches Cannabis – also Extrakte, aber auch die Blüten der Pflanze – in schwerwiegenden Fällen ohne indikationsspezifische Zulassung verordnen, wenn es keine andere geeignete Therapieoption mehr gibt. Sie tun das laut einer fünfjährigen Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in mehr als drei Viertel der gemeldeten Fälle wegen chronischer Schmerzen. Seit einer Gesetzesänderung 2024 muss medizinisches Cannabis nicht mehr auf einem Betäubungsmittel-Rezept verordnet werden. Seitdem werden über Online-Plattformen zunehmend Cannabis-Privatrezepte ausgestellt. Die Einfuhr von medizinischen Cannabisblüten ist seitdem sprunghaft gestiegen. Expert*innen vermuten allerdings, dass nicht nur Patient*innen, sondern auch viele Freizeitkonsument*innen auf diese Weise ihren Cannabis-Bedarf decken. Deshalb wird gerade auf bundespolitischer Ebene darüber diskutiert, die Vorschriften für Online-Verordnungen zu verschärfen.

    Über Cochrane Deutschland:
    Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Organisation Cochrane. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler*innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das weltweite Netzwerk bereits über 9500 Cochrane Reviews veröffentlicht.

    Weitere Informationen: www.cochrane.de


    Original publication:

    https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012182.pub3/full Ateş G, Welsch P, Klose P, Phillips T, Lambers B, Häuser W, Radbruch L. Cannabis‐based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 1. Art. No.: CD012182. DOI: 10.1002/14651858.CD012182.pub3.


    More information:

    https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&ur... Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln


    Images

    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
    Medicine, Nutrition / healthcare / nursing
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

    Help

    Search / advanced search of the idw archives
    Combination of search terms

    You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.

    Brackets

    You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).

    Phrases

    Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.

    Selection criteria

    You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).

    If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).