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Wissenschaft
Neue Studie
Jede*r Vierte zwischen 18 und 60 hält eine Vollzeitbeschäftigung von Müttern mit Kindern unter drei Jahren für angemessen
Frauen haben in Deutschland im internationalen Vergleich eine relativ hohe Erwerbsquote. Allerdings arbeiten insbesondere Mütter weit häufiger als in anderen Ländern nur relativ wenige Stunden in Teilzeit – oft, weil sie den Löwenanteil der familiären Sorgearbeit schultern müssen.
Das zu ändern, ist ein zentrales Thema der Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitik, gerade in Zeiten des demografischen Wandels. Entscheidend für eine Erwerbsaufnahme von Müttern sind dabei nicht nur die Bedingungen am Arbeitsmarkt und die vorhandenen Möglichkeiten der externen Kinderbetreuung, sondern auch die Einstellung zu Familie und Beruf. Die ist seit Beginn der 2010er Jahre liberaler geworden, allerdings in eher kleinen Schritten und zuletzt mit abnehmendem Tempo, zeigt eine neue Studie auf Basis einer repräsentativen Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter 10000 Personen zwischen 18 und 60 Jahren. Eine frühere Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern, die sich positiv auf Einkommen, Alterssicherung und Karrierechancen auswirkt, und eine frühere Ganztagesbetreuung befürworten vor allem Frauen, Eltern jüngerer Kinder, Ostdeutsche, Erwerbstätige, Paarhaushalte und Personen mit höherem Bildungsniveau, zeigt die Studie, an der neben Forscherinnen des IAB und der Universität Tübingen auch Dr. Eileen Peters beteiligt ist, Arbeitsmarktexpertin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.*
Insgesamt hielten der Befragung zufolge im Jahr 2022 rund 55 Prozent der 18- bis 60-Jährigen in Deutschland eine Teilzeitarbeit von mindestens 15 Stunden für Mütter mit unter dreijährigen Kindern für angemessen (siehe auch die Abbildung in der pdf-Version dieser PM; Link unten). Lediglich ein Fünftel befürwortet zudem eine externe Ganztagesbetreuung in diesem Kindesalter. Die Befragten hielten es im Schnitt für angemessen, dass Mütter ab einem Kindesalter von fünf Jahren und acht Monaten wieder in Vollzeit, in der Befragung definiert als mindestens 30 Stunden pro Woche, arbeiten. Eine Beschäftigung in Teilzeit wurde im Durchschnitt zwei Jahre und acht Monate nach der Geburt als angemessen erachtet. 2011 lagen diese als angemessen betrachteten Altersgrenzen bei drei Jahren und sechs Monaten für Teilzeit, für einen Vollzeitjob bei sieben Jahren und einem Monat. „Für eine Berufsrückkehr finden Mütter mit Kleinkindern weiterhin nur wenig Akzeptanz. Nur gut die Hälfte ist dafür, dass Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeiten sollten, bis zu einer Vollzeitbeschäftigung sollten sie jedoch bestenfalls warten, bis das Kind das Schulalter erreicht“, sagt IAB-Forscherin Dr. Corinna Frodermann zu den Werten aus der aktuellen Befragung.
Zudem wurden die Teilnehmenden gefragt, ab welchem Alter ein Kind außerhalb der Familie (z. B. Kinderkrippe, Kindergarten, Tageseltern) betreut werden kann – und zwar unabhängig davon, ob eine Betreuungsmöglichkeit für das Kind tatsächlich verfügbar ist. Für eine regelmäßige externe Betreuung lag das durchschnittlich akzeptierte Kindesalter im Jahr 2022 bei zwei Jahren und vier Monaten, für eine ganztägige Betreuung bei vier Jahren und neun Monaten. Im Vergleich der drei Befragungswellen 2011, 2016 und 2022 war die Tendenz sinkender Altersgrenzen zwischen 2016 und 2022 etwas weniger ausgeprägt als zwischen 2011 und 2016.
Um die Akzeptanz externer Kinderbetreuung zu erhöhen und Handlungsspielräume für Familien und insbesondere Mütter zu erhöhen, sind nach Analyse von WSI-Forscherin Peters weitere massive Investitionen in Qualität und Verlässlichkeit des Angebots notwendig. Denn gerade in den vergangenen Jahren hätten Eltern teilweise negative Erfahrungen mit der institutionellen Kinderbetreuung gemacht. Zwar wurde das Angebot ausgebaut, die Verlässlichkeit der Betreuung lässt aber nach Erfahrung vieler Eltern wegen einer häufig zu geringen Personalausstattung zu wünschen übrig. Um die Situation zu verbessern, brauche es eine Offensive zur Ausbildung in erzieherischen Berufen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, differenziertere Lohn- und Karrierewege und eine insgesamt höhere Entlohnung in diesem Bereich, so Peters.
Hinzu kommt nach Einschätzung der Studienautorinnen, dass eine frühere Rückkehr von Müttern in den Beruf und eine Ausweitung ihrer Erwerbsarbeitszeiten nur gelingen können, wenn auch Väter mehr Zeit für Sorgearbeit aufwenden. Die Anreize dazu haben sich im Zeitverlauf allerdings nicht verbessert, betont Peters: So wurde das Elterngeld seit 2007 nicht an die Inflation angepasst, auch eine Ausweitung der Partnermonate beim Elterngeld, die viele Fachleute empfehlen, blieb bislang aus.
-WSI-Befragung: Vor allem Frauen fürchten Verschlechterung von Vereinbarkeit, wenn sehr lange Arbeitstage häufiger werden-
Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, warnt davor, dass sich die Geschlechterungleichheiten sogar weiter verfestigen könnten, falls eine Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes, die die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, Wirklichkeit wird. Wenn die Höchstarbeitszeit für den Erwerbsjob nicht mehr pro Tag, sondern pro Woche geregelt wird, würden kurzfristig generell Erwerbsarbeitstage von mehr als zehn Stunden, im Extremfall sogar von mehr als 12 Stunden möglich, die dann über einen längeren Zeitraum auf durchschnittlich acht Stunden ausgeglichen werden müssen.
Eine WSI-Studie vom Juli 2025 ergab, dass knapp drei Viertel der Beschäftigten negative Folgen für Erholung und Gesundheit, für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienleben sowie die Organisation ihres Alltags befürchten, wenn generell Arbeitstage von mehr als zehn Stunden möglich werden.** Und: Frauen rechnen noch deutlich häufiger mit negativen Wirkungen als Männer. Das könnte daran liegen, dass noch mehr unbezahlte Sorgearbeit zusätzlich zum Erwerbsjob an ihnen hängen bliebe, wenn ihre Partner zumindest zeitweilig längere Arbeitstage hätten. „Das ist nicht nur ein individuelles Problem der direkt Betroffenen, sondern es macht es insbesondere Müttern noch schwerer, ihre Arbeitszeit auszuweiten“, sagt Kohlrausch. „Und es könnte dazu beitragen, dass der Mentalitätswandel in Punkto Vereinbarkeit weiter an Dynamik verliert.“
Dr. Eileen Peters
WSI-Expertin für Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt
Tel.: 0211-7778-604
E-Mail: Eileen-Peters@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de
*Corinna Frodermann, Eileen Peters, Marie-Fleur Philipp und Claudia Wenzig: Gesellschaftliche Einstellung zu Erwerbstätigkeit von Müttern und externer Kinderbetreuung. IAB Kurzbericht Nr. 2/2026, Januar 2026. Download: https://doku.iab.de/kurzber/2026/kb2026-02.pdf
Die PM mit Abbildung (pdf): https://www.boeckler.de/data/pm_wsi_2026_01_20.pdf
**Yvonne Lott, Eileen Peters: Lange und fragmentierte Arbeitstage: Verbreitung, Gründe und Auswirkungen. WSI Policy Brief Nr. 92, September 2025. Download: https://www.wsi.de/de/pressemitteilungen-15991-abschaffung-der-taeglichen-hoechs...
Criteria of this press release:
Journalists
Economics / business administration, Politics, Social studies
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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