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Caroline Flöring
Varusschlacht im Osnabrücker Land - Museum und Park Kalkriese
Tel. +49 (0)5468/ 9204-40, E-Mail: caroline.floering@kalkriese-varusschlacht.de
Das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt „Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse“ konnte mit zwei Doktorarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden. Gemeinsam mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen, und der Ludwig-Maximilians-Universität München haben sich zwei Wissenschaftlerinnen auf ganz unterschiedliche Weise mit den Funden aus Kalkriese beschäftigt. Dr. Uta Schröder, jetzt Uni Bonn, hat sich in ihrer kürzlich erschienen Doktorarbeit der kulturhistorischen Kontextualisierung der archäologischen Funde gewidmet. Im Mittelpunkt standen Datierung, Funktion und räumliche Verteilung der Artefakte, um ein möglichst präzises Bild von den Ereignissen vor Ort zu gewinnen. Im Rahmen dessen erfolgte erstmalig eine quellenkritische Analyse, die die verschiedenen Auffindungsmöglichkeiten der Artefakte beleuchtet. Dr. Annika Lüttmann, jetzt Technische Hochschule Georg Agricola Bochum, ist mit einer neuen wissenschaftlichen Methode der Frage nachgegangen, ob es möglich ist, römischen Legionen einen so genannten metallurgischen Fingerabdruck nachzuweisen. Dabei ist es ihr gelungen, mit chemischen Analyseverfahren die 19. Legion in Kalkriese zu identifizieren. Beide Wissenschaftlerinnen haben jetzt ihre Ergebnisse vorgelegt. „Die beiden Doktorarbeiten zeigen einmal mehr, dass die Geschichte dieses Ortes noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Viele Fragen sind noch offen, manche Antworten überraschen und immer wieder eröffnen sich ganz neue Forschungsansätze. Es wird immer wieder deutlich, dass die Archäologie mit ihren eigenen Möglichkeiten an Grenzen kommt, die erst durch naturwissenschaftliche Verfahren geöffnet werden können. Wir freuen uns aus diesem Grund einmal mehr auf die Grabungen und Projekte in den kommenden Jahren. Wir sind den Ereignissen vor Ort auf der Spur und hoffen, dass sich das eine oder andere Rätsel aufklären lässt.“, sind sich der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Marcus Zagermann, Universität Osnabrück und Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land, einig. Gefördert wurde das Projekt durch die VolkswagenStiftung in Höhe von 435.000 € im Rahmen der Förderinitiative „Forschen in Museen“.
Mehr als 5000 Funde im Blick
Seit den 1980er-Jahren gilt die Kalkriese–Niewedder Senke bei Osnabrück in der öffentlichen Wahrnehmung als Ort der Varusschlacht. Doch vieles ließ sich bis heute nicht klären: Die römischen Schriftquellen nennen keinen eindeutig identifizierbaren Ort, die Spuren in Kalkriese finden wiederum keine Entsprechung in den Schriftquellen, die zeitliche Einordnung des Platzes anhand der Münzen ist momentan nicht präzise genug und die restlichen römischen Artefakte wurden bisher nicht vollständig gemeinsam ausgewertet. Dr. Uta Schröder hat erstmals 5.400 Kleinobjekte aus Kalkriese – darunter über 1.000 unveröffentlichte – systematisch analysiert. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes und zugleich überraschend deutliches Bild: In der späten Regierungszeit des Augustus oder unter Tiberius kam es in Kalkriese zweifellos zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Beteiligung römischer Truppen. Römische Infanterie- und Kavallerieeinheiten lassen sich sicher nachweisen. Artefakte zeigen enge Verbindungen zu römischen Militärplätzen wie Haltern oder Oberaden, weisen zugleich auf römische Rekrutierungsgebiete am Niederrhein und deuten eventuell sogar auf eine vormalige Stationierung einer Einheit in Spanien. Besitzerinschriften nennen einzelne Soldaten; Hinweise auf die legio I Augusta und möglicherweise auch auf die legio VIII Augusta könnten auf bislang kaum bekannte Truppenbewegungen der frühen Kaiserzeit verweisen. Ein zweifelsfreier Beleg, dass es sich bei den Spuren in Kalkriese um die Varusschlacht handelt, fehlt aus archäologischer Sicht weiterhin. Auch Hinweise auf Frauen und Kinder, die laut Schriftquellen den Tross der Varuslegionen begleiteten, bleiben aus. Zudem zeigt sich, dass frühere Fundkonzentrationen oft weniger historische Vorgänge als vielmehr die Intensität archäologischer Untersuchungen widerspiegeln. Landwirtschaftliche Eingriffe, Bodenbewegungen und ungleichmäßige Prospektionen und Grabungen haben die Fundverteilung im Laufe der Jahrzehnte wesentlich beeinflusst. Aus diesem Grund plädiert die Forscherin für eine Neubewertung der bisherigen Untersuchungsmethoden und für stärkere geologische und landwirtschaftliche Begleitforschungen, um die komplexe Kulturlandschaft von Kalkriese überhaupt adäquat interpretieren zu können. „Ob Varusschlacht oder ein anderes Gefecht der frühen Kaiserzeit – Kalkriese ist und bleibt einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas, dessen Geschichte längst nicht abschließend erzählt ist und der auch künftig überraschende Erkenntnisse bereithalten wird“, stellt Dr. Uta Schröder fest.
Gefördert wurde die Studie, die im Reichert Verlag erschienen ist, von der VGH Stiftung, dem Eckhard-Bremer-Stiftungsfond, der Varus-Gesellschaft, der Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück und der gemeinnützigen Stiftung der Kreissparkasse Bersenbrück. Dr. Arne Butt, Referent für Wissenschaft der VGH Stiftung, hebt hervor: „Mit Uta Schröders Dissertation liegt nun ein weiterer wichtiger Baustein der Erforschung Kalkrieses vor – eines Fundortes, der maßgeblich ist für das Verständnis der Frühgeschichte des niedersächsischen Raumes.“. "Das kulturelle Erbe der Region und insbesondere auch der historischen Stätte Kalkriese, liegt uns als Kreissparkasse Bersenbrück besonders am Herzen. Wir fördern und unterstützen seit Jahrzehnten umfangreich das Museum und den Park. Durch die Veröffentlichung von Dr. Uta Schröder bleibt die faszinierende Geschichte dieses Ortes lebendig.", freut sich Maren von der Heide, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Bersenbrück.
19. Legion in Kalkriese identifiziert
Kürzlich hat auch Dr. Annika Lüttmann ihre Arbeit zum metallurgischen Fingerabdruck abgeschlossen. Unstrittig ist, dass in Kalkriese eine römische Armee untergegangen ist. Ob es sich um die 17., 18. und 19. Legion aus der Varusschlacht handelt, konnte bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden. Nun hat Lüttmann an sieben Legionsstandorten die Buntmetalle in den Fokus genommen: Diese sind unendlich recyclebar und wurden von den Legionsschmieden vor Ort bearbeitet, z. B. bei der Reparatur von Waffen- und Ausrüstungsteilen wie Fibeln, Gürtelschnallen oder Riemenhalter. Die Metalle, die zur Reparatur in den Lagerschmieden eingesetzt wurden, enthalten Spurenelemente, die von den römischen Schmieden unbemerkt blieben und auch nicht willentlich beeinflusst wurden. Die Verarbeitung vor Ort hat bei den Legionen mit der Zeit zur Ausbildung eines charakteristischen Musters in der Zusammensetzung der Spurenelemente geführt. Der metallurgische Fingerabdruck beschreibt eine charakteristische Zusammensetzung der chemischen Spurenelemente in den römischen Buntmetallen. So können wir unter günstigen Umständen den Legionen, von denen wir wissen, an welchen Lagerstandorten sie stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen. Darauf aufbauend wurden sämtliche römische Buntmetalle aus Kalkriese beprobt und mit Buntmetallen von zahlreichen römischen Standorten verglichen. Nach Abschluss der Analysen zeigt sich: Vor allem die 19. Legion, die mit Varus untergegangen ist und die Jahre zuvor im süddeutschen Dangstetten stationiert war, hebt sich anhand der Zusammensetzung der Spurenelemente von den anderen Legionen, die erst später in Germanien im Einsatz und an den Rachefeldzügen der Römer beteiligt waren, ab. „Beim Abgleich der Funde aus Kalkriese mit den Funden aus den anderen Fundorten, stellen wir fest, dass die Funde aus Dangstetten und Kalkriese signifikante Übereinstimmungen zeigen. Die Funde, die aus Legionsstandorten kommen, deren Legionen nicht in der Varusschlacht untergegangen sind, grenzen sich hingegen deutlich von den Funden aus Kalkriese ab und weisen somit signifikante Unterschiede zu den Funden aus Kalkriese auf. Auch zum Lagerstandort Haltern finden sich Übereinstimmungen. Wir können die 19. Legion in Kalkriese identifizieren“, fassen die Forschenden Dr. Annika Lüttmann, ihr Doktorvater Prof. Michael Prange und Museumspark-Geschäftsführer Dr. Stefan Burmeister das Ergebnis zusammen. Klar ist für alle Beteiligten, dass noch weiterer Forschungsbedarf besteht und die gewonnenen Daten noch weiter ausgewertet werden müssen.
Varus auf der Spur – Grabungen im Sommer 2026
Eins ist klar: In Kalkriese sind noch viele Fragen offen und die Forschungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Grund genug ein mehrjähriges Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen. Gemeinsam mit dem neuen wissenschaftlichen Leiter Prof. Dr. Marcus Zagermann von der Universität Osnabrück ist ein mehrjähriges Ausgrabungsprojekt im Museumspark geplant. Nach wie vor offen ist die Frage, ob die Römer hier in einen von den Germanen taktisch vorbereiteten Hinterhalt geraten sind oder ob sie auf dem Platz ein Marschlager errichtet hatten, das von den Germanen überrannt wurde. Hierbei sollen neue Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen. Von der Klärung erhoffen sich die Universität Osnabrück und das Museum ein tieferes Verständnis der Vorgänge rund um die Varusschlacht.
Uta Schröder, Kalkriese – Ort der Varusschlacht? Eine quellenkritische Analyse anhand der Kleinfunde der Kalkriese-Niewedder Senke (Wiesbaden 2025)
Alle weiteren Informationen unter: https://reichert-verlag.de/buchreihen/archaeologie_reihen/archaeologie_limes_und...
Annika Lüttmann, Kalkriese als Ort der Varusschlacht – eine anhaltende Kontroverse Metallanalytische Untersuchungen der Buntmetallfundstücke (Bochum 2025)
Uta Schröder, Kalkriese – Ort der Varusschlacht? Eine quellenkritische Analyse anhand der Kleinfunde der Kalkriese-Niewedder Senke (Wiesbaden 2025)
Alle weiteren Informationen unter: https://reichert-verlag.de/buchreihen/archaeologie_reihen/archaeologie_limes_und...
Annika Lüttmann, Kalkriese als Ort der Varusschlacht – eine anhaltende Kontroverse Metallanalytische Untersuchungen der Buntmetallfundstücke (Bochum 2025)
Prof. Dr. Marcus Zagermann, Universität Osnabrück, Dr. Uta Schröder, Universität Bonn, Prof. Dr. Mic ...
Source: Hermann Pentermann
Copyright: Varusschlacht im Osnabrücker Land
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Geosciences, History / archaeology
transregional, national
Research projects, Research results
German

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