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Wissenschaft
Algorithmen entscheiden heute mit, welche Themen sichtbar werden – und welche nicht. Für Journalistinnen und Journalisten, insbesondere im Bereich Social Media, sind sie zu einer zentralen, aber kaum kalkulierbaren Größe geworden. In ihrer Promotion an der Hochschule Darmstadt (h_da) untersucht Media-Doktorandin Vanessa Kokoschka, wie Algorithmen journalistische Entscheidungen beeinflussen – ausgerechnet dort, wo Qualitätsjournalismus besonders herausgefordert ist: auf Social Media. Am Beispiel des Themas Klimawandel geht Kokoschka außerdem der Frage nach, wie man jungen Menschen komplexe Themen überhaupt noch nahebringen und wie die „Brokkoli-Methode“ dabei helfen kann.
Im Zentrum von Vanessa Kokoschkas Arbeit steht eine einfache, aber folgenreiche Frage: Wie beeinflussen Algorithmen redaktionelles Handeln? Konkret untersucht sie Social-Media-Formate, die sich mit Klimapolitik und Klimawissenschaft beschäftigen – auf Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube, also dort, wo vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer Nachrichten konsumieren.
Dafür beobachtete Kokoschka als „embedded scientist“ die Arbeit der Deutschen Welle in Berlin, wo das Format Planet A für TikTok und YouTube produziert wird. Zudem nahm sie die Redaktion des WDR-Instagram-Formats „klimaneutral“ in Düsseldorf unter die Lupe. Beide Teams arbeiten nahezu ausschließlich für digitale Plattformen. „Zwar werden einzelne Inhalte später auch fürs lineare Programm adaptiert“, erläutert die junge Wissenschaftlerin. „Der primäre Kanal dieser Redaktionen sind aber klar die sozialen Medien.“ Um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen, führte Kokoschka für ihre Dissertation außerdem eine umfassende Inhaltsanalyse von klimajournalistischen Formaten auf Social Media und eine Interviewstudie mit Journalistinnen und Journalisten aus unterschiedlichen Medienhäusern durch.
Besonders interessiert Kokoschka, wie Redaktionen Metriken interpretieren: Abbruchraten, Reichweiten, das Engagement von Usern durch Klicks oder Kommentare. „Welche Kennzahlen gelten als relevant? Welche Schlüsse werden daraus gezogen? Und wie fließen diese Erkenntnisse in die weitere Produktion ein?“, umreißt Vanessa Kokoschka zentrale Fragestellungen ihrer Forschung. In Redaktionskonferenzen beobachtete sie, wie Zahlen zu Deutungsangeboten werden – und wie aus diesen Deutungen neue dramaturgische Entscheidungen entstehen.
Dabei zeigt sich: Redaktionen bewegen sich in einem Feld großer Unsicherheit. „Niemand weiß genau, wie die Algorithmen funktionieren, dennoch richten sich viele Arbeitsprozesse an ihnen aus“, sagt Kokoschka. Sie beschreibt dieses Verhältnis als eine Mischung aus Pragmatismus und permanentem Rätselraten – oft geprägt von Trial and Error. In einem der Experten-Interviews, die Kokoschka für ihre Dissertation führte, verglich ein Redakteur den heutigen Blick auf die Algorithmen deshalb mit dem mittelalterlichen Gottesbild: Wenn etwas gut läuft, hat man alles richtig gemacht und wird dafür belohnt. Wenn es schlecht läuft, hat man den Algorithmus erzürnt und wird abgestraft.
Besonders groß sei die Verunsicherung durch die „Allmacht“ der Algorithmen in einer Phase gewesen, in der Instagram politische Inhalte zeitweise drosselte, berichtet Vanessa Kokoschka. Die Reichweiten sanken spürbar, der Druck auf die Redaktionen stieg. „In der Folge wurden Strategien entwickelt, um Aufmerksamkeit zurückzugewinnen: stärker polarisierende Einstiege, prominente politische Akteure, zugespitzte Bildmotive.“
Kokoschka betont, dass diese Vorgehensweise nicht zwangsläufig mit einer inhaltlichen Verflachung einhergeht. Häufig dienen knallige Elemente nur als „Lockstoff“, zum Beispiel als erstes Slide in einem Karussell-Post. Erst danach folgt der eigentliche journalistische Inhalt, faktenbasiert und nach klassischen journalistischen Qualitätskriterien.
Ein weiterer Trick im alltäglichen Kampf um die Aufmerksamkeit ist die „Brokkoli-Methode“: Wie Eltern gesundes Gemüse im Essen verstecken, versuchen Redaktionen, Klimathemen so zu vermitteln, dass sie algorithmisch nicht sofort „abgestraft“ werden. „Begriffe wie ‚Klimakrise‘ oder ‚Klimawandel‘ werden vermieden, ohne dass die inhaltliche Aussage verloren geht“, beobachtet Kokoschka. Der Brokkoli bleibt – er liegt nur nicht offen auf dem Teller, sondern „snackable“ in einen Brei hineingerührt.
Ein Ergebnis von Kokoschkas Arbeit ist also die Erkenntnis, dass man zwischen Verpackung und Inhalt differenzieren muss: Zwar beeinflussen Algorithmen die Dramaturgie, das Layout und den Einstieg von Beiträgen, die Themenhoheit bleibt jedoch – zumindest in den Qualitätsmedien – bei den Redaktionen. Auch Inhalte, von denen klar ist, dass sie geringe Reichweite erzielen werden, werden weiterhin produziert – aus journalistischer Verantwortung.
„Algorithmen sind dabei weder Heilsversprechen noch Untergangsszenario“, bilanziert Vanessa Kokoschka. „Sie sind Rahmenbedingungen, mit denen Journalismus umgehen muss. Wie gut das in den Redaktionen gelingt, entscheidet sich weniger im Code von Algorithmen als in den redaktionellen Entscheidungen, die täglich von Menschen neu getroffen werden.“
Ein ausführlicher Artikel zum Thema findet sich in unserem Wissenschaftsmagazin impact: https://impact.h-da.de/
Hochschule Darmstadt (h_da)
Die Hochschule Darmstadt (h_da) ist eine der größten deutschen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAWs). Sie bietet ihren aktuell 14.000 Studierenden ein praxisnahes und anwendungsorientiertes Studium in den Bereichen MINT, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Architektur, Medien und Design. Viele Projekte und Inhalte in Studium, Forschung und gesellschaftlichem Transfer beschäftigen sich mit den Zukunftsthemen Nachhaltige Entwicklung, Mobilität und Digitalisierung. Die h_da betreibt ein eigenes Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften und vergibt als erste und einzige deutsche Hochschule den akademischen Grad eines Doktors der Nachhaltigkeitswissenschaften. Visionär ist die europäische Hochschulallianz „European University of Technology (EUT+)“, der die h_da angehört: Gemeinsam mit acht weiteren Hochschulpartnern und gefördert von der EU-Kommission möchte die h_da zu einem neuen Hochschultyp zusammenwachsen – zur „Europäischen Universität“.
Website h_da: https://h-da.de
Website EUT+: https://www.univ-tech.eu
Fachliche Ansprechpartnerin für die Medien
Hochschule Darmstadt
Fachbereich Media
Vanessa Kokoschka
Max-Planck-Straße 2 – 64807 Dieburg
Tel +49 6151 – 533 69368
Mail vanessa.kokoschka@h-da.de
h_da-Doktorandin Vanessa Kokoschka
Source: Steven Wolf
Copyright: h_da/Steven Wolf
Criteria of this press release:
Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
Media and communication sciences, Oceanology / climate
transregional, national
Research projects
German

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