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02/17/2026 10:04

Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt: Großstudie zu Diskriminierung in Institutionen veröffentlicht

Sarah Lempp Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

    Studie im FGZ veröffentlicht Ergebnisse der bislang umfassendsten empirischen Untersuchung zu Rassismus in deutschen Institutionen

    Rassismus in deutschen Behörden zeigt sich selten in offenen Anfeindungen – er steckt in Routinen, Entscheidungsspielräumen und in der Organisationskultur. Wie genau er in den Institutionen selbst wirkt, fortgeschrieben und geahndet wird, war bislang kaum empirisch untersucht. Für die am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) angesiedelte Studie „Institutionen und Rassismus“ (InRa) erhielten Wissenschaftler:innen an zehn Forschungsstandorten erstmals in großem Umfang Zugang zu staatlichen Institutionen: Über drei Jahre untersuchten sie Rassismus in Jobcentern, Ausländerbehörden, bei Polizei und Zoll, in Justiz, Gesundheits , Jugend- und Ordnungsämtern sowie in der Sozialen Arbeit. Zu ihren zentralen Befunden zählt, dass rassistische Diskriminierung in allen Institutionentypen nachweisbar ist – allerdings in unterschiedlicher Form und Intensität. Eine Beschäftigtenbefragung ergab: Im Vergleich mit der Bevölkerung weisen die Behörden kein einheitlich erhöhtes Ausmaß ethnisch diskriminierender Einstellungen auf.
    Der Forschungsverbund mit 23 Teilprojekten wurde von Prof. Dr. Gert Pickel (FGZ Standort Leipzig) geleitet und von Dr. Anne-Linda Amira Augustin wissenschaftlich koordiniert. Die InRa-Studie ist ein Verbundprojekt im FGZ und wurde im Rahmen des Maßnahmenkatalogs des Kabinettsausschusses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus vom Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) mit sechs Millionen Euro gefördert. Der Abschlussbericht wurde Ende 2024 fertiggestellt und nach Freigabe durch das BMI am 13. Februar 2026 öffentlich zugänglich.

    Fünf Perspektiven, ein breites Methodenspektrum

    Was die InRa-Studie von bisheriger Forschung unterscheidet, ist die Verbindung von fünf sich ergänzenden Zugängen:

    • Einstellungen von Beschäftigten in Bundesbehörden;
    • Erfahrungen rassistisch diskriminierter Personen;
    • Weitergabe rassistischer Deutungsmuster über Routinen und Alltagswissen in Behörden;
    • Reichweite und Wirksamkeit bestehender Beschwerdemöglichkeiten;
    • historische und internationale Einordnung von Wissensbeständen und Diskursen über Rassismus.

    Zum Einsatz kam das gesamte Methodenspektrum der Sozial- und Geisteswissenschaften: quantitative Befragungen mit insgesamt rund 13.000 Beschäftigten in vier Bundesbehörden, qualitative Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtung im Behördenalltag, Diskurs- und Inhaltsanalysen sowie vergleichende Dokumentenanalysen.
    »Eine Studie dieses Zuschnitts hat es in Deutschland bislang nicht gegeben«, sagt Studienleiter Prof. Dr. Gert Pickel. »Erstmals konnten wir als unabhängiger Forschungsverbund am FGZ in dieser Breite Zugang zu staatlichen Institutionen erhalten, um Rassismus empirisch zu untersuchen. Die Kombination vieler Disziplinen und Perspektiven erlaubt Differenzierungen, die einzelne Studien allein nicht leisten können.«

    Zentrale Ergebnisse: Rassismus ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Risiko

    Laut Abschlussbericht ist rassistische Diskriminierung in allen untersuchten Institutionstypen nachweisbar und zeigt sich etwa in individuellen Einstellungen einzelner Mitarbeitender, in behördlichen Praktiken und Ermessensspielräumen oder im Umgang mit Beschwerden. Auf struktureller Ebene zeigt die Studie, dass zentrale Schutzlücken im Rechtsrahmen Diskriminierung begünstigen: So gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bislang nicht für das Verhältnis zwischen Behörden und Bürger:innen – wer von einer staatlichen Institution diskriminiert wird, kann sich nicht auf das zentrale Antidiskriminierungsgesetz berufen.

    Wie Strukturen und Routinen Diskriminierung begünstigen

    Als strukturelles Diskriminierungsrisiko erweisen sich Sprachbarrieren: Die Studie dokumentiert, dass der Grad an Hilfestellung bei Antragsverfahren stark variiert – während einigen Antragstellenden proaktiv geholfen wird, werden Personen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen teils abgewiesen oder auf fehlende Sprachkenntnisse verwiesen. Hängt die Überwindung von Sprachbarrieren vom guten Willen einzelner Mitarbeitender ab, kann Sprache zur rassistischen Barriere werden.
    Auch regionale Unterschiede in gesellschaftlichen Einstellungen und das allgemeine Meinungsklima spiegeln sich in der Verwaltungspraxis wider. Rassismus in Behörden lässt sich nicht vom gesellschaftlichen Kontext trennen und der Umgang mit Rassismus variiert teilweise beachtlich. Zudem bekundeten nicht nur Klient:innen der Behörden, sondern auch Behördenmitarbeiter:innen rassistische Diskriminierungserfahrungen. Für letztere fehlen oft entsprechende Ansprechpersonen.

    Erstmals umfassende Daten zu Einstellungen und Erfahrungen von Behördenbeschäftigten

    Zeitgleich mit dem Abschlussbericht sind die Ergebnisse der quantitativen Beschäftigtenbefragung vom BMI freigegeben worden, die in vier Bundesbehörden – Bundespolizei, Zoll, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – durchgeführt wurde. Dafür wertete das Team von Wissenschaftler:innen unter der Leitung von Prof. Dr. Holger Lengfeld (FGZ-Standort Leipzig) Fragebögen von knapp 13.000 Beschäftigten wissenschaftlich aus. Es ist die erste Erhebung dieser Art und Größenordnung in deutschen Bundesbehörden.
    Die Ergebnisse zeigen: Die vier Behörden unterscheiden sich im Ausmaß ethnisch diskriminierender Einstellungen nur geringfügig voneinander. Im Vergleich mit der Bevölkerung weisen die Behörden kein einheitlich erhöhtes Ausmaß ethnisch diskriminierender Einstellungen auf – in einigen Dimensionen liegen sie ähnlich oder niedriger, in anderen, etwa der Ablehnung von Geflüchteten bei Bundespolizei und Zoll, etwas höher.
    Einen großen Einfluss auf das Ausmaß ethnisch diskriminierender Einstellungen hat das Bildungsniveau. Zugleich zeigt die Befragung, dass Diskriminierung im Behördenalltag präsent ist. Beschäftigte, die einer rassifizierten Personengruppe angehören, waren deutlich häufiger betroffen (23 bis 36 Prozent gegenüber 15 bis 26 Prozent) und nannten signifikant häufiger ihre ethnische Herkunft, Religion oder Hautfarbe als Grund.
    Die Befragung untersuchte auch das Meinungsklima in den Behörden. Die große Mehrheit der Beschäftigten gibt an, sich frei zu fühlen, Missstände anzusprechen und Diskriminierung zu melden. Zugleich zeigt sich ein beachtliches Maß an Selbstzensur – besonders bei der Bundespolizei, wo ein indirektes Messverfahren (Listenexperiment) doppelt so hohe Werte rassistischer Einstellungen ergab wie die direkte Abfrage.

    Was Betroffene berichten

    In einer ergänzenden Onlinebefragung unter Muslim:innen gaben rund 80 Prozent der Befragten an, in Behörden rassistisch diskriminiert worden zu sein; 40 bis 50 Prozent berichteten von konkreten Erfahrungen in Jobcentern, Sozial- und Ausländerbehörden. Die Folgen sind gravierend: Ein großer Teil der Betroffenen berichtet von Versagensängsten, Selbstzweifeln und langfristigen psychischen Belastungen, bis hin zu anhaltenden Angstzuständen.
    Nur ein kleiner Teil der Befragten wendet sich an Antidiskriminierungsstellen; häufige Begründung ist die Erwartung, eine Beschwerde werde ohnehin folgenlos bleiben. Dies unterstreicht die Bedeutung niedrigschwelliger, unabhängiger Beschwerdestrukturen und eines Vertrauensklimas, in dem Diskriminierungserfahrungen ernst genommen werden.

    Handlungsempfehlungen: Recht, Organisation, Kultur

    Aus den Befunden leiten die Wissenschaftler:innen konkrete Empfehlungen ab, unter anderem:
    • Ausweitung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) auf das Verhältnis zwischen staatlichen Institutionen und Bürger:innen, um Lücken im Rechtsschutz zu schließen.
    • Aufbau unabhängiger Beschwerdestellen außerhalb behördlicher Hierarchien.
    • Verankerung rassismuskritischer Fortbildungs- und Reflexionsangebote in Personalentwicklung und Führungskräftetraining.
    • Stärkung von Transparenz und Nachvollziehbarkeit behördlicher Entscheidungen.
    • Empowerment rassistisch diskriminierter Beschäftigter, inklusive klarer Ansprechstellen und Schutzmechanismen.
    • Aktive Anwerbung potenziell rassistisch diskriminierter Menschen auf allen Hierarchieebenen des öffentlichen Dienstes.

    Zur Studie

    Die InRa-Studie (Laufzeit 2021–2024) vereinte Forschende aus Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft, Gesundheits- und Verwaltungswissenschaft. Die Studie wurde von Prof. Dr. Gert Pickel (FGZ Standort Leipzig) geleitet und von Dr. Anne-Linda Amira Augustin wissenschaftlich koordiniert. Der vollständige Abschlussbericht und die Ergebnisse der Teilprojekte sind abrufbar unter: https://fgz-risc.de/forschung/inra-studie
    Die ausführlichen Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung finden Sie hier: http://fgz-risc.de/beschaeftigtenbefragung

    Über das FGZ

    Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) ist ein interdisziplinäres, transferorientiertes und ortsverteiltes Institut. Es besteht seit 2020 und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Das FGZ verbindet Grundlagenforschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt mit anwendungsnaher Forschung zu aktuellen Herausforderungen aus einer Vielfalt an disziplinären Perspektiven.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Gert Pickel
    Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), Standort Leipzig
    gert.pickel@fgz-risc.de


    Original publication:

    https://fgz-risc.de/publikationen-mediathek/publikationsdatenbank/details/abschl...


    More information:

    https://fgz-risc.de/forschung/inra-studie


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    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars
    Cultural sciences, Law, Politics, Social studies
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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