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Wissenschaft
Eine neue Nachwuchsgruppe an der Universität Würzburg spürt den Übersetzungen antiker Epen nach. Dr. Julia Jennifer Beine leitet das Projekt.
Ob „Ilias“, „Odyssee“, die „Argonautica“ oder die „Metamorphosen“ – viele antike Epen haben die Jahrtausende überdauert und längst auch den Weg in die Popkultur gefunden. Möglich wurde das erst durch Übersetzungen der griechischen und lateinischen Texte in die Vernakularsprachen – also etwa ins Deutsche, Englische oder Französische – die ab dem späten 15. Jahrhundert vorgenommen wurden. Leicht vergisst man dabei, dass solche Übersetzungen immer auch Einfluss auf die inhaltliche Ebene der Texte nehmen – und je nach Version teils deutliche Unterschiede aufweisen können.
In der neuen Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“ will Dr. Julia Jennifer Beine solche Übersetzungen genauer beleuchten. Die Forschungsgruppe nimmt das Verhältnis von Übersetzen und Nachhaltigkeit in den Blick. Hierfür wird ein interdisziplinärer Forschungsansatz entwickelt.
Julia Jennifer Beine forscht in der Klassischen Philologie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und den Digital Humanities. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Antikenrezeption. Außerdem wird die Gruppe durch vier Lehrstühle der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) unterstützt: Klassische Philologie II, Geschichte der Philosophie, Altes Testament und Deutsche Philologie, Ältere Abteilung. Die Gruppe ist am Zentrum für Philologie und Digitalität (ZPD) angesiedelt. Hier werden die Geisteswissenschaften durch Verbindung mit Informatik und Digital Humanities ins digitale Zeitalter geholt. Die Gruppe wird durch die JMU-Förderlinie „Exzellente Ideen II“ finanziert.
Epen im Fokus
Gegenstand der Forschungsgruppe sind die griechisch-römischen Epen der Antike. Julia Jennifer Beine erklärt: „Wir werden als Erstes Informationen über die mehr als 500-jährige Übersetzungsgeschichte der Epen sammeln. Beispielsweise interessiert uns: Wie viele Übersetzungen der Epen gibt es bis heute überhaupt? Wer hat wann übersetzt? Bei welchem Verlag erschien die Übersetzung und in welcher Auflage? Damit schaffen wir die Datengrundlage, die es für die Analyse der Übersetzungen selbst braucht.“
Steht diese Datensammlung einmal, kann die Arbeit in den Texten beginnen. Mittels digitaler Methoden werden etwa Unterschiede zwischen den Übersetzungen erfasst und können systematisch analysiert werden.
Anhand der Epen wird dabei das methodische Gerüst entwickelt, das perspektivisch auch auf andere Textarten angewandt werden könnte.
Nachhaltigkeit ist vielschichtig
Beim Begriff „Nachhaltigkeit“ denken die meisten Menschen vermutlich an erneuerbare Energien, ökologische Landwirtschaft oder allgemein an den Erhalt unseres Planeten für zukünftige Generationen. Der Übergang zu Übersetzungen scheint auf den ersten Blick weniger naheliegend – doch Nachhaltigkeit spielt sich nicht nur auf ökologischer Ebene ab.
Zwar soll auch dieser Aspekt im Projekt beleuchtet werden; etwa in Bezug auf den reflektierten Einsatz von KI-Modellen oder das Verhältnis zwischen Druck- und Online-Formaten. Im Fokus stehen aber soziale und kulturelle Nachhaltigkeit. „Manche Übersetzungen schreiben sich in das kulturelle Gedächtnis ein; sie überdauern nachhaltig und prägen dadurch den Diskurs zu einem Werk. Dabei fließt immer auch die Perspektive der übersetzenden Person in die Übersetzung ein, die durch ihre jeweilige Zeit und Kultur geprägt ist. Wird eine ältere Übersetzung über Jahrzehnte immer wieder aufgelegt, verstellt sie also gegebenenfalls den Blick auf bestimmte Aspekte des übersetzten Textes, die für die jüngeren Generationen wichtig sind“, erklärt die Nachwuchsgruppenleiterin.
Kurzum: Übersetzungen aus unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Übersetzenden transportieren eigene Interpretationen und können unser Verständnis eines Texts grundlegend ändern.
Die „Odyssee“ wurde beispielsweise im Laufe der Jahrhunderte dutzende Male übersetzt. 2026 kommt das wohl berühmteste griechische Epos als Blockbuster auf die große Leinwand – die als Grundlage genutzte Übersetzung spielt bei solchen modernen Adaptionen eine entscheidende Rolle.
Gar nicht so feine Unterschiede
Ein anschauliches Beispiel dafür, wie stark Übersetzungen Einfluss auf die Aussagen von antiken Texten nehmen können, ist die Darstellung von Sexualität und sexueller Gewalt.
Im Jahr 2022 veröffentlichte Stephanie McCarter, Professorin für Klassische Philologie, eine Neu-Übersetzung von Ovids „Metamorphosen“ ins Englische. Dabei liegt ein Schwerpunkt darauf, sexualisierte Gewalt klar zu benennen.
Wo frühere Übersetzungen sexuelle Übergriffe häufig verharmlosten, wird McCarter deutlicher. „Ältere Übersetzungen wählen beispielsweise allein schon in den Überschriften Formulierungen wie ‚The Rape of Europa‘ bzw. ‚Der Raub der Europa‘, statt die Täter zu benennen. Bei Stephanie McCarter findet sich stattdessen ‚Jove rapes Europa‘, zu Deutsch ‚Jupiter entführt Europa‘ oder ‚Jupiter vergewaltigt Europa‘“, erklärt Julia Jennifer Beine. „Es ist interessant zu sehen, dass die Originale häufig sehr deutlich und damit auch kritisch in ihrer Darstellung waren. Beschönigt und romantisiert wurde dann erst in den Übersetzungen“, so Beine weiter.
Stellen für Promovierende
In unterschiedlichen Übersetzungsversionen steckt also mehr, als man zunächst vermuten mag. Das Feld bietet dementsprechend Raum für verschiedene Ideen.
Durch ihren interdisziplinären Ansatz ist die Forschungsgruppe für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen interessant. Zwei Promotionsstellen sollen im Laufe des Jahres besetzt werden. Ist das geschehen, kann die Arbeit mit den Übersetzungen richtig beginnen.
Weitere Informationen
Dr. Julia Jennifer Beine ist außerdem Mitherausgeberin von DraCor (Drama Corpora), einer digitalen Infrastruktur zur Erforschung von Dramen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
Am 20. Oktober 2025 war das Projekt Thema einer Folge des Digital-Humanities-Podcast RaDiHum20.
Dr. Julia Jennifer Beine, Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“, Tel: +49 931 31-83578, E-Mail: julia.beine@uni-wuerzburg.de
Criteria of this press release:
Journalists, all interested persons
Cultural sciences, History / archaeology, Information technology, Language / literature
transregional, national
Personnel announcements, Research projects
German

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