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Über humanitäre Aufnahmeprogramme werden besonders schutzbedürftige Personen in Deutschland aufgenommen, die zuvor in einen Drittstaat geflohen waren und dort häufig weder ausreichenden Schutz noch Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe hatten. Die BAMF-Kurzanalyse „Startbedingungen nach humanitärer Aufnahme“ untersucht die Startbedingungen von Geflüchteten, die über das humanitäre Aufnahmeprogramm aus der Türkei oder über Resettlement nach Deutschland eingereist sind. Die Ergebnisse zeigen: Startbedingungen humanitär aufgenommener Personen werden nicht allein durch den Grad ihrer Schutzbedürftigkeit bestimmt, sondern hängen von weiteren Faktoren ab, über die wir zu wenig wissen.
Humanitäre Aufnahmeprogramme dienen dazu, Geflüchteten in akuten Krisensituationen einen sicheren Zugang zu Schutz zu eröffnen. Deutschland verfügt hierbei über langjährige Erfahrung: Erste Programme wurden bereits 1956 umgesetzt, in den vergangenen Jahren waren auf Bundesebene insbesondere das humanitäre Aufnahmeprogramm aus der Türkei (HAP TUR) und Resettlement (RST) von Bedeutung. Beide Programme sind seit Mai 2025 ausgesetzt. Die Kurzanalyse des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) basiert auf administrativen Daten zu 28.794 Geflüchteten, die zwischen Mai 2016 und Mai 2024 über HAP TUR und RST nach Deutschland eingereist sind. Sie präsentiert deskriptive Analysen zur soziodemografischen Zusammensetzung der humanitär Aufgenommenen sowie zu ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation und diskutiert ihre Startbedingungen in Deutschland.
Häufigere Aufnahme von Frauen, Kindern und älteren Personen: Minderung sozialer Ungleichheiten
Die Analysen zeigen deutliche Unterschiede in der soziodemografischen Zusammensetzung zwischen humanitär aufgenommenen Geflüchteten und Asylerstantragsstellenden. Über HAP TUR und RST finden im Vergleich zu Asylsuchenden häufiger Frauen, Kinder und ältere Personen Schutz in Deutschland, während alleinstehende Personen nur eine untergeordnete Rolle spielen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Frauenquote in den beiden Programmen um 13,1 Prozentpunkte höher lag als bei Asylerstantragstellenden aus vergleichbaren Herkunftsstaaten. Mehr als ein Drittel der Aufgenommenen waren Kinder“, erläutert Marita Selig, eine der Studienautorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-FZ. Während die weltweite Geschlechterverteilung unter Geflüchteten insgesamt relativ ausgeglichen ist, werden Asylerstanträge in Deutschland mehrheitlich von Männern gestellt. Humanitäre Aufnahmeprogramme tragen dazu bei, geschlechts- und altersbezogene Ungleichheiten beim Zugang zu Schutz auszugleichen.
Stabilität durch Familienaufnahme und gesicherten Aufenthaltsstatus
Neben der Schutzbedürftigkeit ist die Wahrung der Familieneinheit ein zentrales Aufnahmekriterium bei HAP TUR und RST. „96,4 Prozent der im untersuchten Zeitraum aufgenommenen Personen reisten gemeinsam mit Familienangehörigen ein. Der überwiegende Teil der Familien bestand aus beiden Elternteilen und minderjährigen Kindern.“, belegt Dr. Armin Küchler, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld, die Projektpartner im Forschungsvorhaben sind.
Zudem erhielten rund vier Fünftel der Schutzsuchenden innerhalb eines halben Jahres nach Einreise einen humanitären Aufnahmetitel, der in den meisten Fällen zunächst auf drei Jahre befristet war. Im Vergleich zu Asylerstantragstellenden verfügen humanitär aufgenommene Geflüchtete damit frühzeitig über eine gesicherte Bleibeperspektive. „Die Kombination aus rechtlicher Sicherheit und gemeinsamer Einreise von Familien schafft Rahmenbedingungen, die das Ankommen in Deutschland erleichtern und sich positiv auf gesellschaftliche Teilhabe, Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit auswirken können“, resümiert Dr. Lea Mayer, ebenfalls Mitautorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-FZ.
Startbedingungen Geflüchteter hängen von vielen Faktoren ab – weiterführende Forschung nötig
Die Ergebnisse der Kurzanalyse liefern erste Hinweise darauf, dass HAP TUR und RST für die aufgenommenen Personen günstige Startbedingungen in Deutschland schaffen. Zugleich wird deutlich, dass gesellschaftliche Teilhabe von einer Vielzahl weiterer Faktoren beeinflusst wird. Pauschale Aussagen darüber, ob humanitär aufgenommene Geflüchtete sich schneller in Deutschland orientieren und Teil dieser Gesellschaft werden als Asylsuchende, sind auf Grundlage der vorliegenden Daten nicht möglich. Die Kurzanalyse unterstreicht damit den Bedarf an weiterführender Forschung, die über die Auswertung administrativer Daten hinausgeht und vertiefte Einblicke in die Lebenssituation und Teilhabe humanitär aufgenommener Geflüchteter ermöglicht.
Die Kurzanalyse „Startbedingungen nach humanitärer Aufnahme“ finden Sie unter folgendem Link:
https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Kurzanalysen/kurzanalyse1-20...
Weiterführende Informationen zum Forschungsprojekt „Resettlement: Lebenssituation im Erstzufluchtstaat und in Deutschland“ (RED) in Kooperation mit der Universität Bielefeld. Das Projekt wird im Rahmen des AMIF aus Mitteln der Europäischen Union kofinanziert:
https://www.bamf.de/SharedDocs/ProjekteReportagen/DE/Forschung/Migration/resettl...
Ansprechpartner für Medienanfragen:
Jochen Hövekenmeier
Pressestelle Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Telefon: +49 911 943 17799
E-Mail: pressestelle@bamf.bund.de
Über das BAMF-Forschungszentrum:
Mit der Arbeit des 2005 gegründeten Forschungszentrums kommt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seiner gesetzlichen Aufgabe nach, wissenschaftliche Forschung zu Migrations- und Integrationsthemen zu betreiben. Das Forschungszentrum betrachtet das Migrationsgeschehen nach und von Deutschland und analysiert die Auswirkungen der Zuwanderung. Es begleitet Integrationsprozesse und trägt mit seinen Erkenntnissen entscheidend zur Weiterentwicklung von Integrationsmaßnahmen auf Bundesebene bei. Weitere Forschungsschwerpunkte sind u. a. Erwerbs- und Bildungsmigration, Fluchtmigration, Rückkehr und sicherheitsrelevante Aspekte der Zuwanderung. Damit leistet das BAMF-Forschungszentrum einen grundlegenden Beitrag zum Informationstransfer zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.
Weitere Informationen unter:
https://www.bamf.de/DE/Themen/Forschung/forschung-node.html
Marita Selig, Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
Dr. Lea Mayer, Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
Dr. Armin Küchler, Universität Bielefeld
Selig, M., Mayer, L. & Küchler, A. (2026). Startbedingungen nach humanitärer Aufnahme: Analysen des Aufnahmeprogramms aus der Türkei und Resettlement (Kurzanalyse 01/2026). Nürnberg. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. https://doi.org/10.48570/bamf.fz.ka.01/2026.d.2026.reset.1.0
https://www.bamf.de/SharedDocs/ProjekteReportagen/DE/Forschung/Migration/resettl...
Humanitäre Aufnahme: Familienverbund
Copyright: BAMF
Humanitäre Aufnahme: Geschlechterverteilung
Copyright: BAMF
Criteria of this press release:
Journalists
Social studies
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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