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03/11/2026 11:00

Klimapolitik: Unentschiedene entscheiden

Franziska Schmid Hochschulkommunikation
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

    Im Rahmen des Horizon Europe-Projekts Capable befragten Forschende im Sommer 2024 rund 19’000 Menschen aus 13 europäischen Ländern zu 15 konkreten Klimavorlagen. Ziel war es, herauszufinden, wie hoch die Zustimmung zu den einzelnen Vorlagen ist und welche Faktoren die Meinungen beeinflussen.

    Dafür wurde gezielt nach den Beweggründen für die Entscheidungen der Teilnehmenden gefragt. Die Analyse zeigt, dass Kosten die grösste Hürde für die Akzeptanz von Klimaauflagen in der Bevölkerung darstellen.

    Die innovative Methodik der Studie kann zukünftig in Langzeitstudien genutzt werden, um politische Entscheidungen der Bevölkerung besser verstehen und verfolgen zu können.

    Die aktuell eingesetzten Klimamassnahmen werden wohl nicht reichen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Ob weitere Massnahmen eingeführt werden können, um dem Ziel, die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen und den Klimawandel zu bekämpfen, näherzukommen, hängt stark von der öffentlichen Meinung und politischen Unterstützung ab. Forschende der ETH Zürich, unter der Leitung von Keith Smith, Oberassistent in der Forschungsgruppe von Professor Thomas Bernauer, haben dazu deshalb eine gross angelegte Umfrage in 13 EU-Ländern durchgeführt, um herauszufinden, welche Massnahmen überhaupt eine Chance hätten, akzeptiert zu werden, und warum.

    Die Studie zielte nicht nur darauf ab, Meinung und Einstellung der Bevölkerung zu erfragen, sondern die grundsätzliche Haltung der Teilnehmenden gegenüber der Klimapolitik präzise zu erfassen. Daraus ergaben sich vier Profile: Befürworter:innen, Neutrale, Unentschiedene und Gegner:innen.

    Die grösste Gruppe bilden mit 36 Prozent die Befürworter:innen, die den meisten Klimaschutzvorschlägen zustimmen. 21 Prozent gehören zu den Gegner:innen, die Klimamassnahmen überwiegend ablehnen. Die Neutralen machen rund 10 Prozent der Befragten aus und gelten als Personen, die an keiner Abstimmung teilnehmen würden. Eine weitere grosse Gruppe sind die Unentschiedenen, die 33 Prozent der Befragten ausmachen. Diese Personen sind deutlich flexibler, da ihre Meinung von der jeweiligen Massnahme abhängt und sie keine feste Grundhaltung für oder gegen die Klimapolitik haben. Entsprechend richtet die Studie den Fokus auf diese zentrale „Swing“-Gruppe, um besser zu verstehen, was ihre klimapolitischen Präferenzen prägt und die Gründe ihres unterschiedlichen Wahlverhaltens zu erfassen.

    Wichtigster Faktor: Die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz

    Wenn sich diese Gruppe der Unentschiedenen für oder gegen eine der 15 Klimavorlagen entscheiden musste, war vor allem eines ausschlaggebend: die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz. Finanzielle Aspekte, aber auch potenzielle Einschränkungen etwa durch ein Verbot, standen dabei im Vordergrund. Die Wahrnehmung dieser Kosten-Nutzen-Rechnung übersteuert sogar die Parteizugehörigkeit und demografische Gegebenheiten, wie etwa Einkommen, Wohnort oder Bildungsniveau, die bis anhin als entscheidende Faktoren für die Meinungsbildung galten.

    So lassen sich mehr Menschen für Projekte begeistern, bei denen etwas angepasst statt komplett verboten wird. Ein generelles Verbot von Autos mit Verbrennungsmotoren lehnen beispielsweise 73 Prozent der Unentschiedenen ab. Wird die Vorlage aber so formuliert, dass ein Ersatz durch synthetische Brennstoffe möglich ist, sinkt die Ablehnung auf nur noch 39 Prozent. Diese Elastizität sei sehr überraschend, meint Keith Smith, Erstautor der Studie. Wie eine Vorlage aufgebaut ist, sei also für ihre Zustimmung im Volk entscheidend.

    Klimafonds: Viele wünschen sich spürbare, sichtbare Vorteile

    Die Studie zeigt auch auf, dass die Bevölkerung Gelder aus Klimafonds wie dem EU-Emissionshandel bevorzugt in Anpassungsprojekte investieren würde - etwa in grüne Technologien, emissionsarme Verkehrsangebote oder Ausgleichsmassnahmen für die einzelnen Haushalte. Dahingegen fallen Kompensationsleistungen für durch den Klimawandel gefährdete Arbeiter:innen überraschenderweise kaum ins Gewicht. Vor allem bei den unentschiedenen Befragten fällt auf, dass sie die Gelder bevorzugt in sichtbare und öffentliche Leistungen investieren.

    Grund zur Hoffnung

    Im internationalen Vergleich stellte sich heraus, dass der Anteil der Unentschiedenen in allen befragten Ländern relativ hoch ist. Würden innerhalb dieser Gruppe jene Personen, die bei einzelnen Massnahmen «weder dafür noch dagegen» angeben, in Richtung Zustimmung kippen, kämen 10 von 15 in der Studie abgefragten Vorlagen zustande. Ohne ihre Unterstützung hingegen wären es lediglich vier.

    Dass die Gruppe europaweit grossen Einfluss auf die Realisierung von Klimavorlagen hat, ist für Smith eine der wichtigsten Erkenntnisse des Projekts. «Wenn es also gelingt, diese unentschiedenen Personen abzuholen, lassen sich innerhalb von Europa Mehrheiten für konkrete Massnahmen finden», so Smith. Die Studie zeige auch, dass vielen Europäer:innen Klimathemen immer noch wichtig seien. Die Unterstützung dieser Gruppe sei aber schwankend und hänge stark davon ab, wie der jeweilige Vorschlag gestaltet ist. «Unsere Forschung soll Politiker:innen zeigen, dass es sich durchaus lohnt, gute Vorlagen auszuarbeiten», so Smith.

    Studiendesign erlaubt gezieltere Forschung

    Eine weitere wichtige Errungenschaft der Studie ist für Smith das innovative Studiendesign. Die Antworten der Proband:innen wurden auf zwei Achsen miteinander verglichen, um sowohl die Verteilung innerhalb der Bevölkerung zu messen, aber auch um festzustellen, wie konstant deren Antworten waren. Für jede der Vorlagen erstellten Smith und sein Team ein Profil der Bevölkerung, für alle Teilnehmenden erstellten sie ein Meinungsprofil. So konnte das Forschungsteam genau analysieren, welche Art von Vorlage in welcher Wählergruppe am besten ankommt. Für zukünftige Forschungsprojekte wäre dieses Studiendesign auch für Forschung in der Schweiz gut geeignet, so Smith.


    Contact for scientific information:

    Keith Smith
    Oberassistent am Lehrstuhl für Internationale politische Ökonomie und Umweltpolitik
    +41 78 756 72 52
    keith.smith@gess.ethz.ch


    Original publication:

    Literaturhinweis
    Smith K, Mlakar Z, Levis A, Sanford M., et al. Climate Policy Feasibility across Europe Relies on the Conditional Middle. Nature Climate Change. 11.03.2026. DOI: 10.1038/s41558-026-02562-8


    More information:

    https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/03/klimapolitik-u...
    https://Visualisierungen der Studienergebnisse:
    https://capableclimate.eu/online-tool/


    Images

    Mit der Unterstützung der unentschiedenen Wähler:innen könnten viele Vorlagen Mehrheiten erzielen
    Mit der Unterstützung der unentschiedenen Wähler:innen könnten viele Vorlagen Mehrheiten erzielen
    Source: Josef Kuster
    Copyright: ETH Zürich


    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars
    Politics, Social studies
    transregional, national
    Research results, Transfer of Science or Research
    German


     

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