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03/17/2026 14:05

Kirchen in islamischen Ländern

Dr. Florian Aigner PR und Marketing
Technische Universität Wien

    Christliche Gebäude gehören seit vielen Jahrhunderten zum architektonischen Erbe islamischer Staaten. Koexistenz und gegenseitige Beeinflussung ist der historische Normalzustand.

    Ob Pyramiden, Moscheen oder Kirchen – sakrale Bauwerke spielen in der Architekturforschung eine zentrale Rolle. Negar Hakim vom Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege der TU Wien interessiert sich ganz besonders für die Frage, wie unterschiedliche Religionen, Kulturen und Traditionen ineinandergreifen: Vor einigen Jahren befasste sie sich mit dem Bau moderner Moscheen in Staaten mit muslimischer Minderheit, nun nahm sie christliche Bautradition in islamischen Ländern unter die Lupe und gab zusammen mit Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, eine Ausgabe des Magazins „Kunst und Kirche“ zum Thema „Kirchen in islamischen Ländern“ heraus.

    Der Sammelband zeigt: Christliche Architektur in islamischen Ländern ist kein Fremdkörper, sondern Teil der historischen und kulturellen DNA dieser Regionen.

    Kulturelle Vielfalt
    Der nahe Osten und Nordafrika – das sind Regionen, die für die Entwicklung des frühen Christentums zentrale Bedeutung hatten. Viele der ältesten Kirchen und Klöster entstanden dort, lange vor der Ausbreitung des Islam. Länder wie der Libanon, der Iran, Tunesien oder auch die Türkei haben christliche Bauwerke, die deutlich älter sind als die allermeisten christlichen Bauwerke in Europa.

    „Die Situation christlicher Minderheiten und christlicher Architektur ist von Land zu Land sehr unterschiedlich“, sagt Negar Hakim. „In mehreren islamischen Ländern, etwa im Iran, in Tunesien und der Türkei, wird christliche Architektur aktiv vom Staat erhalten.“ Christliche Gebäude sind als nationales Kulturerbe anerkannt, teilweise zählen sie auch zum UNESCO-Kulturerbe. Auch für den Tourismus, aber auch für die kulturelle Identität dieser Länder spielen sie eine wichtige Rolle. In Ägypten, Tunesien oder Mauretanien finden sich Kirchenbauten von bemerkenswerter historischer Tiefe und gestalterischer Qualität.

    „Von spätantiken Basiliken über mittelalterliche Fels- und Klosterkirchen bis zu osmanisch geprägten Gemeindekirchen – wir finden in vielen islamisch dominierten Regionen eine Baukultur, die weit über regionale Grenzen hinaus wirkt“, betont Negar Hakim.

    Standfeste Gebäude, schwindende Gemeinden
    Die christlichen Gemeinden haben es allerdings vielerorts schwer, sich zu halten: Viele Kirchen sind zwar denkmalgeschützt, sie sind baulich intakt und werden professionell erhalten, doch für liturgische Zwecke werden sie kaum oder gar nicht genutzt. Trotzdem gibt es nach wie vor in vielen islamischen Staaten auch sehr aktive christliche Gemeinden, die sich bemühen, ihre Traditionen, Architektur und Ikonographie zu bewahren. „Das Ende dieser Gemeinden wäre ein kultureller Verlust – auch für uns in Europa“, glaubt Negar Hakim.

    Schwierig ist die Situation klarerweise in Regionen, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind – etwa Syrien oder Gaza. Dort ist Architektur von unschätzbarem Wert zerstört worden.

    Kulturelle Mischung ist der historische Normalzustand
    Architektur kann als verbindendes Element zwischen Kulturen und Religionen dienen: „Man erkennt, dass es zu Überschneidung architektonischer Traditionen kommt“, erklärt Negar Hakim. „Elemente der einen Tradition werden in Gebäude der anderen Tradition aufgenommen. Kirchen übernehmen lokale Formen, hybride Stile entstehen.“

    Die Vorstellung, christliche Strömungen würden in islamischen Ländern in erster Linie auf Ablehnung stoßen, entlarven die Untersuchungen als falsch: Koexistenz der Religionen ist in vielen Ländern kein Ausnahmefall, sondern der historische Normalzustand. Seit vielen Jahrhunderten leben Christentum und Islam miteinander, nebeneinander und durcheinander. Und auch wenn manche christliche Gemeinden kleiner werden oder verschwinden entstehen zugleich auch heute – teilweise unter schwierigen Rahmenbedingungen – neue Kirchen, die zeitgenössische Formen entwickeln und diese Tradition fortschreiben.

    Ein näherer Blick auf ausgewählte Länder:
    Iran
    Die Anerkennung der armenischen Klosterensembles im Nordwesten Irans durch die UNESCO als Weltkulturerbe macht sichtbar, was in politischen und kulturellen Diskursen häufig übersehen wird: Christliche Architektur ist kein Randphänomen und kein Gegenbild zur iranischen Geschichte, sondern integraler Bestandteil ihres kulturellen Erbes von außergewöhnlichem universellem Wert.

    Tunesien
    Nach der Unabhängigkeit 1956 schrumpfte die christliche Gemeinschaft in Tunesien erheblich – doch sie verschwand nicht. Viele Kirchen wurden nicht zu Ruinen, sondern zu Kulturzentren. Sakralarchitektur wurde transformiert statt ausgelöscht. Die Gebäude blieben Teil des Stadtraums – als sichtbare Zeugnisse historischer Schichten und als Orte kultureller Neuinterpretation.

    Ägypten
    In der Neuen Verwaltungshauptstadt Ägyptens stehen Moschee und Kathedrale bewusst nebeneinander. Diese räumliche Inszenierung ist kein Zufall, sondern Ausdruck staatlicher Symbolpolitik. Sakralbauten dienen hier als architektonische Bühne religiöser Harmonie – weniger gewachsene Stadtstruktur als bewusst gestaltetes nationales Statement.

    Türkei
    Die Geschichte der Hagia Sophia – Kirche, Moschee, Museum und wieder Moschee – zeigt, dass Sakralarchitektur keinem exklusiven religiösen Besitzanspruch unterliegt. Ihre Umwidmungen spiegeln politische Machtwechsel und Identitätsdebatten. Architektur wird hier zum Speicher historischer Tiefenschichten – und zugleich zum Spiegel aktueller Politik.

    Katar
    Das christliche Zentrum in Doha steht exemplarisch für die politisch gerahmte Sichtbarkeit religiöser Minderheiten im Golfraum. Es ermöglicht Religionsausübung, verzichtet jedoch bewusst auf repräsentative Zeichen im Stadtraum. Der Bau steht für Duldung – nicht für Gleichrangigkeit – und macht sichtbar, wie stark Fragen von Religion, Staat und Geopolitik architektonisch ausgehandelt werden.


    Contact for scientific information:

    Dr. Negar Hakim
    Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege
    Technische Universität Wien
    +43 1 58801 25114
    negar.hakim.afyouni@tuwien.ac.at


    Original publication:

    Kunst und Kirche 1.2026. https://www.herder.de/kuk/hefte/archiv/2026/1-2026/, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster


    Images

    Negar Hakim
    Negar Hakim
    Source: Sam Bajoghli
    Copyright: Sam Bajoghli


    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    Construction / architecture, Cultural sciences
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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