idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instance:
Share on: 
03/23/2026 20:00

Späte Neandertaler in Europa gehen auf eine einzelne Gruppe zurück

Christfried Dornis Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Internationales Team unter Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen zeigt große Umbrüche in der genetischen Geschichte dieser Menschen auf

    Die letzten Neandertaler in Europa teilten einen weitgehend einheitlichen Genpool, und es gab einen umfassenden Umbruch in ihrer Bevölkerung vor ihrem endgültigen Verschwinden vor rund 40.000 Jahren. Das ergab eine Studie, in der neue DNA-Daten untersucht und mit archäologischen Nachweisen kombiniert wurde. In der Studie zeichnete ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen die dramatische genetische Geschichte der europäischen Neandertaler nach. Hinweise darauf, dass die weitverbreiteten früheren Neandertalerpopulationen in Europa weitgehend verschwunden waren, existierten bereits. Die neue Studie ergab, dass eine lokale Gruppe die rauen Bedingungen des Eiszeitklimas vor rund 75.000 Jahren durch Rückzug in ein Refugium im heutigen Südwestfrankreich überlebt hatte – und dass die Nachkommen dieser Überlebenden sich nach 65.000 Jahren vor heute über Europa ausbreiteten. Genetisch gesehen stammten fast alle späten Neandertaler von dieser einen Linie ab.

    Posth und sein Team stellten auch fest, dass diese späten Neandertaler vor rund 45.000 Jahren einen weiteren starken Rückgang ihrer Population erlitten. Die Zahlen gingen sehr schnell zurück und erreichten ein Minimum vor rund 42.000 Jahren – kurz bevor die Neandertaler endgültig ausstarben. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht.

    Genetisch lassen sich die Neandertaler klar von modernen Menschen, dem Homo sapiens, unterscheiden, die vor rund 40.000 Jahren an die Stelle der Neandertaler traten. „Wir haben Belege, dass die Neandertaler Europa durchgehend zwischen 400.000 bis 40.000 Jahren vor heute besiedelten. Doch im Einzelnen ist ihre Bevölkerungsgeschichte nur bruchstückhaft bekannt“, berichtet Cosimo Posth. „Wir wissen bisher vor allem wenig darüber, welche evolutionäre Entwicklung ihrem Aussterben vor rund 40.000 Jahren vorausging.“ Ihn und das Forschungsteam interessierten daher besonders die späten Neandertaler, die im Zeitraum von etwa 60.000 bis 40.000 Jahre vor heute lebten.

    Zehn seltene neue Individuen

    In ihrer Studie konzentrierten sich die Forscherinnen und Forscher in unterschiedlichen Proben von Neandertalerzähnen und -knochen, die aus Höhlen und Felsdächern geborgen wurden, auf die Mitochondrien. Diese Zellorganellen, das sind die kleinen Organe in der Zelle, besitzen eigene DNA, die unabhängig von der Haupt-DNA im Zellkern vererbt wird. „Die Mitochondrien-DNA enthält lange nicht so viele genetische Informationen wie das gesamte Erbgut eines Menschen, aber sie bleibt in der Regel länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erklärt die Erstautorin der Studie Charoula Fotiadou aus Posths Arbeitsgruppe.

    Das Forschungsteam sequenzierte die mitochondriale DNA von zehn neuen Neandertalerindividuen aus sechs archäologischen Fundstätten in Belgien, Frankreich, Deutschland und Serbien. Sie wurden neben 49 weiteren Proben mitochondrialer DNA analysiert, deren Daten bereits veröffentlicht waren. Die Analyseergebnisse wurden zusammengeführt mit Daten zum Vorkommen von Neandertalern in Europa aus der umfassenden Datenbank ROAD des Projekts ROCEEH (The Role of Culture in Early Expansions of Humans) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt sowie der Universität Tübingen. „Auf diese Weise konnten wir die beiden Beweislinien kombinieren und die demografische Geschichte der Neandertaler räumlich und zeitlich rekonstruieren“, sagt der Studienmitautor Jesper Borre Pedersen vom Projekt ROCEEH.

    Eine gemeinsame Abstammungslinie

    Die Studie ergab, dass die rauen Klimabedingungen der Eiszeit vor rund 75.000 Jahren den europäischen Neandertalern stark zusetzten und ihre genetisch vielfältigen Populationen dezimierten. Aus diesem Zeitraum seien weniger archäologische Fundstätten bekannt, die sich zudem auf das südwestliche Europa konzentrieren, sagt Posth: „Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten. Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die sich später über ganz Europa ausbreitete. So ist zu erklären, warum fast alle späten Neandertaler von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus, deren Gene bisher sequenziert wurden, zur gleichen Vererbungslinie mitochondrialer DNA gehören.“ Es habe also einen enormen Umbruch in der genetischen Geschichte der europäischen Neandertaler gegeben.

    Darüber hinaus ließen die Forscherinnen und Forscher ein Statistikprogramm berechnen, ob die genetischen Veränderungen innerhalb der mitochondrialen DNA über die Zeit mit der Annahme einer Population gleichbleibender Größe übereinstimmen. Das war nicht der Fall: Vielmehr ging die Zahl der Neandertaler der Berechnung zufolge vor 45.000 bis 42.000 Jahren schnell und stark zurück. „Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe“, sagt Posth. „Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zum Verschwinden der Neandertaler beigetragen haben.“


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Cosimo Posth
    Universität Tübingen
    Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie – Archäo- und Paläogenetik
    Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment
    Telefon +49 7071 29-74089
    cosimo.posth[at]uni-tuebingen.de


    Original publication:

    Charoula M. Fotiadou, Jesper Borre Pedersen, Hélène Rougier, Mirjana Roksandic, Maria A. Spyrou, Kathrin Nägele, Ella Reiter, Hervé Bocherens, Andrew W. Kandel, Miriam N. Haidle, Timo P. Streicher, Nicholas J. Conard, Flora Schilt, Ricardo Miguel Godinho, Thorsten Uthmeier, Luc Doyon, Patrick Semal, Johannes Krause, Alvise Barbieri, Dušan Mihailović, Isabelle Crevecoeur, Cosimo Posth: Archaeogenetic insights into the demographic history of Late Neanderthals. PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.2520565123


    Images

    Künstlerische Darstellung der Landschaft, in der die Neandertaler in der Eiszeit lebten
    Künstlerische Darstellung der Landschaft, in der die Neandertaler in der Eiszeit lebten

    Copyright: Direction de l’archéologie du Pas-de-Calais/Benoît Clarys

    Ausgrabungen in der Höhle von Tourtoirac in Frankreich, wo Überreste von drei in der Studie untersuchten Neandertalern gefunden wurden
    Ausgrabungen in der Höhle von Tourtoirac in Frankreich, wo Überreste von drei in der Studie untersuc ...
    Source: Luc Doyon
    Copyright: Luc Doyon


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Biology, Geosciences, History / archaeology
    transregional, national
    Research results
    German


     

    Help

    Search / advanced search of the idw archives
    Combination of search terms

    You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.

    Brackets

    You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).

    Phrases

    Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.

    Selection criteria

    You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).

    If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).