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Wissenschaft
Fast alle Staaten Subsahara-Afrikas haben in den letzten 30 Jahren verschieden intensive Dezentralisierungsprozesse durchlaufen. Viele wurden hierbei durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt. Das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit hat den Erfolg der Maßnahmen sowie Lernprozesse des Systems der deutschen Entwicklungszusammenarbeit untersucht. Im Ergebnis zeigt sich, dass das Engagement für entwicklungsorientierte Dezentralisierung den Interessen vieler zentralstaatlicher Regierungssysteme in Subsahara-Afrika gegenübersteht. Für dieses Spannungsverhältnis sollte die deutsche Seite eine strategische Antwort entwickeln.
Die Dezentralisierung von staatlichen Aufgaben in Ländern des globalen Südens ist in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ein anhaltend relevantes Thema. Dabei geht es um einen Transfer von Macht, Verantwortlichkeiten und Geldern sowie Steuerkompetenzen von der zentralstaatlichen auf die subnationale Ebene. Sowohl die Dezentralisierungsmaßnahmen selbst als auch ihre Unterstützung durch die EZ haben im Laufe der Zeit viele Veränderungen durchlaufen und unterschiedliche Prioritätensetzungen erfahren. Anhaltendes Ziel blieb ein stärker dienstleistungsorientierter, leistungsfähiger und effizienter Staat auf subnationaler Ebene, der Bürger*innen einbezieht und Impulse für verbesserte sozioökonomische sowie demokratischere Entwicklungen setzt.
DEval schließt Evaluierungslücke
Zwischen 2000 und 2022 hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Afrika rund 300 Dezentralisierungsvorhaben mit gut 2,5 Milliarden Euro gefördert. Trotz der Länge und des anhaltend hohen Volumens liegt bisher keine umfassende Evaluierung der deutschen Unterstützung im Themenbereich vor. Bis dato wurden fast ausschließlich einzelne Dezentralisierungsvorhaben und diese wiederum vor allem in Verbindung mit zum Beispiel Armut oder Konflikt untersucht. Diese Evaluierungslücke schließt das Deutsche Evaluierungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit (DEval). In seiner Evaluierung berücksichtigt es verschiedenste Dezentralisierungsmaßnahmen und auch die Veränderungen in der Region während der letzten Dekaden.
Gründe für eingeschränkten Erfolg
In der Untersuchung zeigt sich, dass die Maßnahmen in den afrikanischen Partnerländern durchaus lokal begrenzte Wirkungen hatten. So konnten beispielsweise administrative Kapazitäten gestärkt und in vielen Fällen kommunale Gebietskörperschaften finanziell besser ausgestattet werden. Ein weiterer positiver Aspekt war die erhöhte politische Teilhabe auf lokaler Ebene.
Langfristige, übergeordnete entwicklungspolitische Wirkungen sind jedoch nur selten nachweisbar. Bis auf Ausnahmen konnten die deutschen Bemühungen weder zur strukturellen Konfliktreduktion noch dazu beitragen, die für Dezentralisierung förderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Gleiches gilt für übergeordnete Beiträge zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung einzelner Länder oder zur Demokratisierung.
Der Teamleiter der Evaluierung, Helge Roxin, sieht einen zentralen Grund für diesen Befund im unterschiedlichen Dezentralisierungsverständnis: „Mit ihrer Grundausrichtung auf eine umfassendere Dezentralisierung stehen die deutschen Maßnahmen häufig nicht im Einklang mit den Vorstellungen der Partnerregierungen. Die Zentralregierungen Subsahara-Afrikas unterstützen formal zwar oft die Übertragung von Kompetenzen und Finanzen auf subnationale Einheiten. Gleichzeitig versuchen sie jedoch regelmäßig, ihre zentralstaatlichen Interessen und ihren Machterhalt im Zuge der Dezentralisierungsprozesse durchzusetzen.“
Strategische Lern- und Anpassungsprozesse
Neben der Wirksamkeit werden in der Evaluierung auch die Anpassungen der deutschen EZ im Themenbereich Dezentralisierung analysiert. Dabei wird deutlich, dass die Zielsetzungen der deutschen Maßnahmen inkrementell entwicklungspolitischen Veränderungen angepasst und verstärkt punktuelle Wirkungen im sozialen und wirtschaftlichen Bereich auf lokaler Ebene angestrebt wurden.
Gleichzeitig erodierten seit den 2010er Jahren die Dezentralisierung begünstigenden Voraussetzungen. Einerseits zogen sich viele andere Geberländer aus dem Bereich zurück, was zur Erosion multilateraler Dialogformate über Staatsreformen mit den Regierungen in Afrika führte. Andererseits verstärkte sich in jüngerer Zeit der Einfluss autoritärer Regierungssysteme und das Zurückdrängen demokratischer Regierungsformen. Diesbezüglich lautet der Befund der Evaluierung, dass eine strategische Anpassung bei der Unterstützung von Dezentralisierung jenseits punktueller Veränderungen noch aussteht.
DEval-Direktor Jörg Faust betont: „Die Förderung dezentralisierter Staatsstrukturen zur Verbesserung von Wohlstand und Demokratie ist eine relevante Zielsetzung. Die Rahmenbedingungen dafür haben sich jedoch in Afrika verschlechtert. Die neue Reformstrategie des BMZ bietet vor diesem Hintergrund die Möglichkeit, das Portfolio des Ministeriums zur Unterstützung von Dezentralisierung zu modernisieren oder es in anderen Themenfeldern aufgehen zu lassen. Letzteres würde bei allen Herausforderungen aber auch den Verzicht auf einen Ansatzpunkt staatlicher Entwicklungszusammenarbeit zur Förderung demokratiefreundlicher Staatsstrukturen bedeuten.“
Über die Evaluierung
Für die DEval-Evaluierung wurde ein theoriebasierter Ansatz gewählt. Zum einen wurde eine generische Wirkungslogik für die Vielzahl von Dezentralisierungsmaßnahmen rekonstruiert. Zum anderen wurden im Zeitverlauf entwicklungspolitische Veränderungen nachgezeichnet, die den Charakter von entsprechenden Maßnahmen beeinflusst haben können. Der vollständige Bericht Unterstützung von Dezentralisierungsmaßnahmen in Subsahara-Afrika durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist auf der Website des DEval veröffentlicht.
Über das DEval
Das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) ist vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mandatiert, Maßnahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unabhängig und nachvollziehbar zu analysieren und zu bewerten. Mit seinen strategischen und wissenschaftlich fundierten Evaluierungen trägt das Institut dazu bei, die Entscheidungsgrundlage für eine wirksame Gestaltung des Politikfeldes zu verbessern und Ergebnisse der Entwicklungszusammenarbeit transparenter zu machen. Das Institut gehört zu den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und wird von Prof. Dr. Jörg Faust geleitet.
Dr. Stefan Leiderer
Abteilungsleitung
Fragile Staatlichkeit, Konfliktprävention und Governance
Tel.: +49 (0)228 336907-940
E-Mail: stefan.leiderer@DEval.org
Helge Roxin
Teamleitung
Dezentralisierung in Subsahara-Afrika
Tel.: +49 (0)228 336907-937
E-Mail: helge.roxin@DEval.org
Roxin, H., C. Dworschak, H.B. Gregorian und G. Odin (2025), Unterstützung von Dezentralisierungsmaßnahmen in Subsahara-Afrika durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, Evaluierungsbericht. Deutsches Evaluierungsinstitut der
Entwicklungszusammenarbeit (DEval), Bonn.
https://www.deval.org/fileadmin/Redaktion/PDF/05-Publikationen/Berichte/2025_Dez...
https://www.deval.org/de/publikationen/evaluierungsbericht-dezentralisierung-sub... Zum Bericht und Zusammenfassungen in deutscher, englischer und französischer Sprache
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Politics, Social studies
transregional, national
Research results, Science policy
German

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