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Energiewende, Verkehrswende, Wärmewende, Industriewende: Eine große Modellstudie gibt jetzt EU-weit und sektorspezifisch für Sektoren Orientierung für das nötige Tempo der Umstellung auf fossilfreie Technologien. Das Fazit stimmt zuversichtlich: Der EU Green Deal ist realistisch – und er macht den Alten Kontinent im Ergebnis stärker und unabhängiger von Öl- und Gaskrisen. Die Studie wurde erstellt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und veröffentlicht in Nature Communications.
Um den Raum für sinnvolle Politik-Maßnahmen auszuleuchten, fokussiert das Forschungsteam auf die Frage: Wie kann die EU die für 2050 beschlossene Klimaneutralität 2050 zu minimalen Kosten erreichen? Es stützt sich auf das präzise Energie-Wirtschaft-Klima-Modell REMIND, rechnet zunächst ein Referenzszenario mit als besonders plausibel erachteten Annahmen durch und variiert dann zentrale Annahmen: wo die EU 2030 bei Emissionssenkung und Energieeffizienz steht; wie sich bis 2050 die Kosten bei Wind- und Solarkraft entwickeln; wie verfügbar Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe als fossilfreie Energieträger sind. Und wieviel Kapazität die EU für CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre schaffen kann, um schwer zu vermeidende Rest-Emissionen auszugleichen.
Ein Ergebnis lautet: Die EU-Klimawende, zu minimalen Kosten und unter den plausibelsten Szenario-Annahmen, würde eine Minderung des Netto-Treibhausgas-Ausstoßes 2040 um 86 Prozent relativ zu 1990 erfordern. „Diese Zahl gründet sich allein auf die techno-ökonomische Optimierung des EU-Transformationspfads, ohne Berücksichtigung von Fragen zu fairer globaler Lastenverteilung“, sagt zur Einordnung PIK-Forscher Robert Pietzcker, ein Co-Autor der Studie.
Der EU-Klimabeirat hatte eine Reduzierung um 90 bis 95 Prozent empfohlen – mit Blick sowohl auf das Mögliche als auch auf das, was im globalen Maßstab fair ist. Dabei stützte sich der Beirat auch auf vorläufige Ergebnisse von Szenarien aus der hier vorliegenden Studie. Die Empfehlung fand sich dann wieder im Vorschlag der EU-Kommission für ein Reduktionsziel von 90 Prozent. Um den Druck auf die Mitgliedstaaten etwas zu verringern, erlaubt man die Anrechnung von 5 Prozent Reduktion aus Projekten außerhalb der EU. „Unsere Ergebnisse zeigen nun: Die 85 Prozent EU-interne Reduktion stehen im Einklang mit einer kosteneffizienten Transformation zur Klimaneutralität 2050“, erklärt Pietzcker.
Stromerzeugung aus Wind und Sonne muss sich versiebenfachen
Um eine derart starke Emissionsminderung innerhalb von nur 14 Jahren zu realisieren, muss die EU-Politik ihren bisherigen Erfolg – 37 Prozent Emissionsminderung von 1990 bis 2024 – noch verdoppeln und die Transformation weiter beschleunigen. Als Orientierung für künftige Maßnahmen liefert das Forschungsteam „Meilensteine“ für 2040 bezogen auf einzelne Sektoren, basierend auf der Modellanalyse. Es weist sie als Punktwert aus (aus dem Referenzszenario mit den plausibelsten Annahmen) und als „Sensitivitätsbereich“ (über das gesamte Szenarienpaket hinweg mit den als noch sinnvoll erachteten variierten Annahmen).
Zwei Säulen der Transformation sind der Ausbau von Strom aus erneuerbaren Energien sowie die Elektrifizierung von Energienachfrage. Im Referenzszenario muss die Stromerzeugung aus Wind und Sonne im Jahr 2040 siebenmal so hoch sein wie noch im Zeitraum von 2018 bis 2022 (Sensitivitätsbereich: vier- bis achtmal so hoch). Der Anteil von Elektrizität am Endenergieverbrauch, in den 2010er-Jahren noch ziemlich konstant bei 20 Prozent, muss bis 2040 auf 49 Prozent steigen (Bereich: 45 bis 59 Prozent).
Eine Versiebenfachung des Stroms aus Wind und Sonne ist ambitioniert – aber sie könnte angesichts jüngster Erfahrungen durchaus machbar sein: Die erforderliche jährliche Wachstumsrate wurde im Zeitraum 2021 bis 2025 bereits erreicht, maßgeblich beschleunigt durch politische Maßnahmen zur Bewältigung der Energiekrise. Fortschritte gibt es auch bei der Verkehrswende: Der EU-Anteil von batterieelektrischen Autos an den Neuzulassungen stieg innerhalb von 6 Jahren von 2 Prozent (2019) auf 19 Prozent (2025), in Norwegen und Dänemark liegt er schon über 80 Prozent.
Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten sinkt um 60 Prozent
Meilensteine liefert die Studie auch bezüglich der für Klimaneutralität unverzichtbaren – und bisher so gut wie gar nicht vorhandenen – Fähigkeit, CO₂ aus der Atmosphäre zurückzuholen und in geologischen Formationen dauerhaft zu speichern. Die Kapazitäten müssen von 2030 bis 2040 um jährlich 26 (Bereich: 16 bis 30) Prozent steigen, auf 188 (56 bis 257) Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr.
„Der Weg hin zur EU-Klimaneutralität 2050 erscheint gangbar, wenn die EU jetzt die Etappe bis 2040 mit ambitionierter Politik gestaltet“, sagt Renato Rodrigues, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Eine erfolgreiche Dekarbonisierung kann die EU wirtschaftlich stärker machen – und zudem strategisch unabhängiger.“
Denn die Nachfrage sowohl nach Erdgas als auch nach Erdöl liegt 2040 im Referenzszenario der Modellanalyse um 60 Prozent niedriger als im Zeitraum 2018 bis 2022, erklärt Rodrigues. „Auch wenn die EU wohl weiterhin Energie-Importe braucht, etwa grünen Wasserstoff, Ammoniak oder E-Fuels, wären die Mengen deutlich geringer als bei den derzeitigen fossilen Brennstoffen. Die EU ist also weniger auf auswärtige Energieproduzenten angewiesen.“
Artikel:
Rodrigues, R., Pietzcker, R., Sitarz, J., Merfort, A., Hasse, R., Hoppe, J., Pehl, M., Ershad, A., Muessel, J., Schreyer, F., Baumstark, L., Luder, G., (2026): 2040 greenhouse gas reduc-tion targets and energy transitions in line with the EU Green Deal. – Nature Communications. [DOI: 10.1038/s41467-026-71159-8]
Weblink zum Artikel, sobald dieser veröffentlicht ist:
https://www.nature.com/articles/s41467-026-71159-8
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Economics / business administration, Energy, Environment / ecology, Oceanology / climate, Politics
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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