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04/16/2026 19:00

Weltraumteleskop eROSITA zeigt erstmals, wie unser Sonnensystem das Erscheinungsbild des Röntgenhimmels verändert

Tobias Herrmann Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik

    Mithilfe des Weltraumteleskops eROSITA ist es Forscherinnen und Forschern des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik (MPE) gelungen, das durch unser Sonnensystem verursachte Röntgenleuchten herauszufiltern und dessen Einfluss auf den weichen Röntgenhimmel aufzuzeigen. Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, bei der Analyse von Röntgendaten die Vorgänge im Sonnensystem zu berücksichtigen, und verdeutlichen die Rolle von eROSITA bei der Weiterentwicklung nicht nur für die Astrophysik, sondern auch für die Heliophysik.

    Extraktion der Röntgenstrahlung des Sonnensystems

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am MPE ist es gelungen, mithilfe des Weltraumteleskops SRG/eROSITA die Röntgenstrahlung aus unserem Sonnensystem von ähnlicher Strahlung, die aus dem fernen Weltraum zu uns gelangt, zu trennen. Dies wurde durch vier Himmelskarten ermöglicht, die zwischen 2019 und 2021 in etwa 1,5 Millionen Kilometer Entfernung (etwa dem Vierfachen des Mondabstands) von der Erde entfernt erstellt wurden.

    Dieser Erfolg liefert den bislang klarsten Blick auf den „weichen“ Röntgenhimmel (d.h. bei Röntgenenergien unter 1 keV). Zudem wird die bisher nur als Störung angesehene Strahlung aus dem Sonnensystem als wertvolles Signal genutzt, das Untersuchungen der Zusammensetzung und des Ionisationszustands des Sonnenwinds über alle Breiten in Abhängigkeit von der Sonnenaktivität ermöglicht und die Verteilung interstellaren Gases im Sonnensystem sichtbar macht.

    Die Röntgenstrahlung entsteht, wenn hochionisierte Sonnenwind-Teilchen wie Kohlenstoff und Sauerstoff Elektronen von neutralen Atomen einfangen – ein Vorgang, der als solar wind charge exchange (SWCX) bezeichnet wird. Da Atome in der oberen Erdatmosphäre (der sogenannten Geokorona) und im gesamten Sonnensystem (der Heliosphäre) vorhanden sind, führt das zu einer allgegenwärtigen Vordergrundstrahlung. Sie beeinflusst praktisch jede Untersuchung des diffusen weichen Röntgenhimmels – von der hunderte Lichtjahre großen Lokalen Heißen Blase um das Sonnensystem und dem Milchstraßenhalo bis zu den Außenbereichen entfernter Galaxienhaufen, wo sie Temperatur- und Dichtemessungen verfälschen kann, die für kosmologische Modelle entscheidend sind. Eine präzise Bestimmung der SWCX-Komponente ist daher von großer Bedeutung; sie war aber bisher nur teilweise möglich.

    Was die eROSITA-Beobachtungen auszeichnet

    Es sind zwei Besonderheiten. Erstens sind sie aufgrund der einzigartigen Beobachtungsposition, fern von der Erde, frei von der Röntgenstrahlung der Geokorona, die frühere Beobachtungen beeinträchtigte. Zweitens wurde der Röntgenhimmel viermal vollständig kartiert in einem Zeitraum von zwei Jahren, der das Minimum und den nachfolgenden Anstieg der Sonnenaktivität überdeckte. Durch den Vergleich von Beobachtungen bei unterschiedlichen Sonnenaktivitäten gelang es dem Team um Konrad Dennerl, die heliosphärische SWCX-Komponente zu isolieren und den weichen Röntgenhimmel so zu rekonstruieren, wie er bei Beobachtung von außerhalb des Sonnensystems erscheinen würde. Der mit eROSITA erzielte Fortschritt geht jedoch über eine reine Datenbereinigung hinaus: die SWCX-Emission selbst konnte als wertvolles Signal genutzt werden.

    Die Daten zeigen eine klare Entwicklung der heliosphärischen Röntgenemission über den Sonnenzyklus. Während des Sonnenminimums ist die Emission schwach und auf niedrige heliosphärische Breiten beschränkt. Mit zunehmender Sonnenaktivität wird sie intensiver und dehnt sich auf höhere Breiten aus. Dies bestätigt Vorhersagen aus Sonnenwindmessungen. Demnach sollte man zunächst eine Region reduzierter Röntgenemission bei hohen Breiten vorfinden, die sich dann allmählich schließt, „gerade so, als würde man das Sonnensystem im Röntgenlicht atmen sehen", erklärt Gabriele Ponti, dem erstmals aufgefallen war, dass in einem bestimmten Himmelsareal die diffuse Emission zeitliche Schwankungen zeigte.

    Eine ortsfeste Röntgenquelle nahe der Erdbahn

    Weitere Untersuchen ergaben Hinweise auf eine Röntgenquelle nahe der Erdbahn, die nicht die Sonne umkreist – scheinbar im Widerspruch zur Himmelsmechanik. Die Erklärung liegt in der Bewegung unseres Sonnensystems um das Milchstraßenzentrum. Dabei wird es von Gas, das Heliumatome enthält, durchströmt. Die Gravitation der Sonne verbiegt deren Flugbahnen und erzeugt auf der strömungsabgewandten Seite einen konzentrierten Strom – den Helium-Fokussierungskegel. Dieser wurde bereits seit den 1970er-Jahren vorhergesagt und durch Messungen interstellaren Heliums und UV-Beobachtungen bestätigt, doch Röntgennachweise blieben bislang unklar. Mit eROSITA gelang nun die Kartierung des Helium-Fokussierungskegels ohne vorherige Annahmen über seine Lage, allein durch Analyse der aus verschiedenen Positionen beobachteten Röntgenstrahlung.

    Aus Sonnenwindmessungen und Daten zur Verteilung interstellaren Materie im Sonnensystem wurde ein dreidimensionales, zeitlich aufgelöstes Modell der SWCX-Emission erstellt. Es ermöglichte eine Bestimmung der zu erwartenden Röntgenstrahlung aus der eROSITA-Perspektive und konnte somit direkt überprüft werden; der Vergleich ergab eine insgesamt gute Übereinstimmung. Das Modell zeigt, dass die Emission zu jedem Zeitpunkt hauptsächlich in spiralförmigen Strukturen innerhalb der Marsumlaufbahn entsteht, die sich als Folge unterschiedlicher Sonnenwindgeschwindigkeiten ausbilden. Wir sehen sie am Röntgenhimmel als Aufhellungen, die je nach Blickrichtung zeitliche Signaturen von Stunden bis Tagen aufweisen. Erst bei Mittelung über mehrere Tage wird der Helium-Fokussierungskegel deutlich sichtbar.

    Ein Paradigmenwechsel in der Röntgenastronomie

    Die Ergebnisse markieren einen Wandel der Perspektive, indem sie ein bisher störendes Ärgernis in ein wertvolles diagnostisches Werkzeug umdefinieren. „Wenn man verfolgen kann, wie der Sonnenwind das Erscheinungsbild des Röntgenhimmels zeitlich verändert, ermöglicht uns das nicht nur eine Bereinigung von Beobachtungen des fernen Universums, sondern liefert uns auch bisher nicht mögliche Einblicke in die Sonnenphysik und die Dynamik der Heliosphäre", bemerkt Konrad Dennerl, einer der Entdecker der Röntgenemission von Kometen im Jahr 1996, die zu einer Erklärung der heliosphärischen Röntgenstrahlung führte. „Das Verständnis der Röntgenemission unseres Sonnensystems ist der Schlüssel zur korrekten Interpretation des diffusen Röntgenhimmels."


    Contact for scientific information:

    Dr. Konrad Dennerl
    wiss. Mitarbeiter
    +49 89 30000-3862
    kod@mpe.mpg.de
    Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Garching bei München


    Original publication:

    K. Dennerl, G. Ponti, X. Zheng, M. J. Freyberg, S. Friedrich, Th. Müller, M. C. H. Yeung:
    Determination of the Solar System contribution to the soft X–ray sky.
    DOI:10.1126/science.adt9147


    More information:

    https://Link zum Artikel: https://www.mpe.mpg.de/8190322/news20260416


    Images

    Rekonstruktion, wie der diffuse Röntgenhimmel für eROSITA von Mai bis Oktober 2021 ausgesehen haben sollte. Zu jedem Zeitpunkt beobachtete eROSITA allerdings nur ein Gebiet von einem Grad Durchmesser auf seinem Scan-Kreis
    Rekonstruktion, wie der diffuse Röntgenhimmel für eROSITA von Mai bis Oktober 2021 ausgesehen haben ...

    Copyright: K. Dennerl, J. Sanders, H. Brunner & the eSASS team (MPE); E. Churazov, M. Gilfanov (IKI)

    Die Bahn von SRG/eROSITA im Erde-Mond System: eROSITA scannt den Himmel weit entfernt von der Erde und annähernd senkrecht zur Erdrichtung, und ist damit das erste Röntgenteleskop, das geokoronale Emission vermeidet.
    Die Bahn von SRG/eROSITA im Erde-Mond System: eROSITA scannt den Himmel weit entfernt von der Erde u ...

    Copyright: K. Dennerl / MPE


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    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars
    Physics / astronomy
    transregional, national
    Research results
    German


     

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