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Eine neue Studie der Universität Witten/Herdecke zeigt: Herkunft und Sprache prägen Wahlentscheidungen stärker als bisher angenommen.
Die Wahlforschung ist lange davon ausgegangen, dass Menschen ihre Entscheidung vor allem auf Basis individueller Überzeugungen, politischer Programme und persönlicher Interessen treffen. Eine neue Studie von Prof. Dr. Nils-Christian Bormann, Konfliktforscher an der Universität Witten/Herdecke (UW/H), zeigt aber: Politische Entscheidungen werden stark durch soziale Zugehörigkeiten geprägt – am stärksten durch Sprache und regionale Herkunft.
Neue Methode macht Wahlverhalten vergleichbar
Um das zu belegen, hat Bormann eine neue Methode entwickelt, die sogenannte „Covoting Regression“. Sie verändert den Blick auf das Wahlverhalten grundlegend: Statt einzelne Entscheidungen zu betrachten, wird untersucht, welche Gemeinsamkeiten zwei Menschen haben, die gleich wählen. „Diese Muster machen sichtbar, wie stark politische Entscheidungen in sozialen Strukturen verankert sind “, sagt Bormann.
Die Methode ermöglicht erstmals, Wahlverhalten über Länder, Zeiträume und unterschiedliche Parteiensysteme hinweg vergleichbar zu machen.
Herkunft und Sprache als stärkster Einflussfaktor auf das Wahlverhalten
Die Ergebnisse sind eindeutig: Coethnizität – also gemeinsame ethnische oder sprachliche Zugehörigkeit – ist der stärkste Treiber dafür, dass Menschen gleich wählen. Sie bekommen oft dieselben Informationen, lesen dieselben Medien, folgen ähnlichen Quellen oder sprechen mit Personen, die ähnlich denken. Der Effekt, der dadurch entsteht, ist etwa viermal so groß wie bei klassischen Merkmalen wie Einkommen, Bildung, Religion oder Stadt-Land-Unterschieden.
Die Analyse basiert auf Daten aus Ländern südlich der Sahara. Dort bleibt dieser Zusammenhang über die Zeit stabil. Wahlverhalten folgt damit weniger kurzfristigen politischen Debatten als langfristigen sozialen Bindungen.
Was die Ergebnisse der Studie für Europa bedeuten
Auch für Europa sind die Ergebnisse relevant – denn auch dort zeigt sich das Muster überall, wo Sprache und Identität regionale Grenzen ziehen. In Belgien verläuft die politische Trennlinie entlang der Grenze zwischen Flämisch und Französisch, in Spanien zwischen Katalanisch und Kastilisch. Menschen wählen dort nicht nur unterschiedliche Parteien – sie treffen ihre Entscheidungen aus grundlegend verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus.
Genau darin liegt ein zentraler Mechanismus von Polarisierung: Politische Unterschiede verlaufen nicht nur entlang von Meinungen, sondern entlang sozialer Zugehörigkeiten – und werden dadurch stabiler und schwerer überbrückbar.
In Deutschland ist der Effekt schwächer, aber erkennbar. Die CSU in Bayern ist das deutlichste Beispiel: Regionale Identität und Dialekt signalisieren Zugehörigkeit. Das schlägt sich im Wahlverhalten nieder. Studien deuten darauf hin, dass sich ähnliche Muster auch beim Erstarken der AfD zeigen könnten.
Bormann und sein Team arbeiten derzeit an einer europaweiten Studie. Sie soll genauer messen, welche sozialen Zugehörigkeiten in verschiedenen Ländern politisch ausschlaggebend sind – und wie sich diese Muster verändern.
Weitere Informationen:
Die Studie wurde Studie im American Political Science Review veröffentlicht. Die angesehenste Zeitschrift der Politikwissenschaften: https://doi.org/10.1017/S0003055426101579
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Politics, Social studies
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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