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06/26/2026 08:50

Luhmanns Theorie des Erziehungssystems aus Nachlass publiziert

Jörg Heeren Medien und News
Universität Bielefeld

    Nachlass-Manuskript erscheint als Buch und digital

    Das Niklas-Luhmann-Archiv der Universität Bielefeld hat ein bislang unveröffentlichtes Manuskript Niklas Luhmanns zur Soziologie der Erziehung erschlossen. Das Werk ist unter dem Titel „Erziehung. Funktion und System“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Ergänzend veröffentlicht das Archiv digital zentrale Materialien aus der Entstehungsgeschichte der Theorie. Die Edition dokumentiert damit zugleich eine außergewöhnliche Forschungskooperation mit dem Erziehungswissenschaftler Karl Eberhard Schorr.

    Die wichtigsten Fakten im Überblick:
    - Grundlage der Edition sind drei zwischen 1974 und 1977 entstandene Manuskriptfassungen.
    - Diese Fassungen sind zusammen mit Zettelkastenaufzeichnungen und einer Korrespondenz mit Forschungsnotizen digital über das Forschungsportal https://niklas-luhmann-archiv.de zugänglich.
    - Seit 2015 erschließt und digitalisiert das Niklas-Luhmann-Archiv den wissenschaftlichen Nachlass des Soziologen systematisch.

    Der Bielefelder Soziologie-Professor Dr. Niklas Luhmann sah den Unterricht so: „Vom lernenden Schüler her gesehen ist der Unterricht eine lehrerhaltige Umwelt, in der Lernen eine seiner Anpassungsstrategien ist.“

    1974 wandte Luhmann sich mit einem Vorschlag an den Hamburger Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Karl Eberhard Schorr, der schon einige Zeit an einer Systemtheorie der Schule gearbeitet hatte: „Vielleicht sollten wir uns einmal … zusammensetzen, um zu überlegen, ob wir nicht gemeinsam uns an einer etwas größeren Arbeit versuchen sollten.“

    Es war der Beginn einer Forschungs- und Publikationskooperation, die für den sonst als Einzelautor arbeitenden Luhmann ungewöhnlich war und bis in die 1990er-Jahre andauern sollte. 1979 wurde diese Zusammenarbeit durch das Buch „Reflexionsprobleme im Erziehungssystem“ bekannt, das in der Erziehungswissenschaft hohe Wellen schlug. Unbekannt geblieben ist dagegen bislang die Vorgeschichte: eine über drei Jahre laufende Arbeit an einer großen Theorie des Erziehungssystems der modernen Gesellschaft.

    Die Funktion der Erziehung

    Alle Menschen werden erzogen und jede Gesellschaft erzieht. Eine Soziologie der Erziehung muss deshalb fragen, welche besondere Funktion Erziehung in der modernen Gesellschaft erfüllt. Luhmanns Antwort lautet: Sie gewährleistet, dass Personen an gesellschaftlicher Kommunikation teilnehmen können. Daraus folgt die Unterscheidung von nichtintentionaler und intentionaler Erziehung – und nur die intentionale Erziehung ist der Träger der funktionalen Spezifikation.

    Bei allem theoretischen Abstraktionsgrad nimmt Luhmann auch die Schulorganisationen und das konkrete Unterrichtsgeschehen in den Blick. Luhmanns Erziehungssoziologie veranschaulicht, dass der funktional spezifische Lehr-Lern-Prozess die Unterrichtsstunde als ein besonderes Interaktionssystem erfordert und dessen organisatorische Bündelung in Form von Klassen. Die besondere Interaktionsabhängigkeit des Erziehens erfordert einen professionalisierten Lehrberuf und eine Organisation des Erziehungsprozesses durch Schulen.

    Der Nachlass Luhmanns enthält zu diesen Überlegungen eine Reihe an Manuskripten, die sich drei Anläufen zu einer solchen Theoriearbeit zuordnen lassen. Die jetzt publizierte Buchfassung macht im Wesentlichen die Kapitel der letzten Version von 1976/77 zugänglich. Parallel dazu erscheinen auf dem Forschungsportal die Manuskripte der beiden Vorgängerversionen von 1974 und 1975 in einer digitalen Edition.

    Unterlegt ist die in den verschiedenen Versionen dokumentierte Theoriearbeit nicht nur, wie bei Luhmann üblich, durch entsprechende handschriftliche Notizen in seinem berühmten Zettelkasten, die ebenfalls in einer edierten Fassung online gestellt werden. Hinzu kommt unter dem Titel „Notizen zum Erziehungssystem“ eine umfangreiche Sammlung von maschinenschriftlichen Aufzeichnungen, die Luhmann und Schorr bei der Arbeit an dem Buch ausgetauscht haben. Diese Dokumente einer außergewöhnlichen Forschungskooperation sind nun ebenfalls digital zugänglich.

    Das Forschungsprojekt

    Das Niklas-Luhmann-Archiv an der Universität Bielefeld ist ein Forschungsprojekt der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste im Akademienprogramm, das als größtes geistes- und sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm in Deutschland von Bund und Ländern gefördert wird. Ziel ist die systematische Erschließung, Digitalisierung und wissenschaftliche Aufbereitung des Nachlasses von Niklas Luhmann (1927–1998). Durch die Veröffentlichung von Manuskripten, Vorträgen und Arbeitsnotizen entsteht eine zentrale Ressource für die internationale Luhmann-Forschung. Geleitet wird das Projekt von Professor Dr. André Kieserling von der Fakultät für Soziologie. Die Projektkoordination liegt bei seinem Mitarbeiter Johannes Schmidt.


    Contact for scientific information:

    Johannes Schmidt, Universität Bielefeld
    Niklas Luhmann-Archiv
    Telefon: +49 521 106-12990
    E-Mail: johannes.schmidt@uni-bielefeld.de


    More information:

    https://niklas-luhmann-archiv.de/aktuelles#theorie-des-erziehungssystems Einstieg in die Online-Publikationen zur Theorie des Erziehungssystems
    https://niklas-luhmann-archiv.de/bestand/manuskripte/manuskript/MS_3979_0001 Manuskript „Theorie des Erziehungssystems“ (1974) in dem Archiv


    Images

    In seinen Notizen – hier Zettel 7/25g aus dem Zettelkasten II – arbeitet Luhmann heraus, dass Bildung erst entsteht, wenn Wissenschaft und Erziehung als eigenständige gesellschaftliche Bereiche voneinander getrennt sind.
    In seinen Notizen – hier Zettel 7/25g aus dem Zettelkasten II – arbeitet Luhmann heraus, dass Bildun ...

    Copyright: Niklas-Luhmann-Archiv

    Niklas Luhmann (1927–1998) hinterließ eine der komplexesten Gesellschaftstheorien des 20. Jahrhunderts. Aus seinem Nachlass ist jetzt eine Theorie des Erziehungssystems erschienen, an der er mehr als drei Jahre arbeitete.
    Niklas Luhmann (1927–1998) hinterließ eine der komplexesten Gesellschaftstheorien des 20. Jahrhunder ...

    Copyright: Universität Bielefeld


    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
    Media and communication sciences, Philosophy / ethics, Social studies, Teaching / education
    transregional, national
    Research projects, Scientific Publications
    German


     

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