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Dr. Michael Stolpe (https://www.kielinstitut.de/de/expertinnen-und-experten/michael-stolpe/), Leiter des Projektbereichs Globale Gesundheitsökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die Reformpläne der Bundesregierung bei der Krankschreibung:
„Der seit der Corona-Pandemie anhaltend stark erhöhte Krankenstand kostet die deutsche Volkswirtschaft jährlich rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Abhilfe ist dringend nötig. Bloße Verschärfungen bei Krankschreibungen – wie eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag bei gleichzeitigem Ende der telefonischen Krankschreibung – greifen jedoch zu kurz und könnten sogar kontraproduktiv sein, etwa durch mehr Ansteckungen am Arbeitsplatz oder in überfüllten Arztpraxen.
Stattdessen sollte die Politik eine Stärkung der Hausarztversorgung priorisieren: Telefonische oder telemedizinische Krankschreibungen sollten künftig ausschließlich durch registrierte Primärärzt*innen erfolgen, die ihre Patient*innen kennen. Das stärkt die Primärversorgung und reduziert Fehlanreize durch kommerzielle Anbieter von Video-Sprechstunden, die mit schneller Krankschreibung durch wahllos zugeteilte Ärzt*innen werben.
Ein zentraler Hebel ist zudem die Prävention viraler Atemwegserkrankungen – die Hauptursache des hohen Krankenstands. Die Impfquote gegen Grippe zum Beispiel ist in Deutschland mit zuletzt nur noch rund 34 Prozent bei über 60-Jährigen deutlich zu niedrig und muss dringend erhöht werden – ebenso wie die Impfbereitschaft insgesamt bei vulnerablen Gruppen und in der Breite der Bevölkerung. Impfprävention kann Krankheitslasten, oft auch Infektionsraten und Fehlzeiten, spürbar senken.
Die zweitwichtigste Krankheitskategorie, die in Deutschland seit Jahrzehnten immer weiter zunehmende Fehlzeiten verursacht, sind psychische Erkrankungen. Ebenso wichtig ist daher die Stärkung der psychischen Gesundheit durch eine weiter verbesserte Versorgung und gezielte Maßnahmen gegen Risikofaktoren wie soziale Isolation und problematische Social-Media-Nutzung.
Außerdem sollte die Politik die familiären Belastungen von Müttern mitdenken. Berufstätige Frauen übernehmen weiterhin überproportional häufig die Pflege erkrankter Kinder und tragen schon daher einen größeren Anteil an familiär bedingten Fehlzeiten als Männer. Hinzu kommen oft noch Unterstützung und Pflege von Eltern und Schwiegereltern. Eine moderne Arbeits- und Familienpolitik muss diese Mehrbelastung, die sich auch in einem höheren Krankenstand berufstätiger Frauen niederschlägt, berücksichtigen und durch bessere Unterstützungsangebote abfedern.
Ein dauerhaft so niedriger Krankenstand wie vor zwei Jahrzehnten ist angesichts einer alternden Erwerbsbevölkerung und der gewünschten höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen realistischerweise nicht mehr erreichbar. Statt auf Verschärfung und Kontrolle, sollte die Politik vor allem auf Gesundheitsförderung, eine gute medizinische Versorgung und wirksame Präventionsstrategien setzen.“
Medienkontakt:
Julia Wacket
Chief Communications Officer
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Kiel Institut für Weltwirtschaft
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www.kielinstitut.de
Dr. Michael Stolpe
Leiter Globale Gesundheitsökonomie
T +49 431 8814-246
michael.stolpe@kielinstitut.de
Criteria of this press release:
Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars
Economics / business administration, Politics, Social studies
transregional, national
Transfer of Science or Research
German

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