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Wissenschaft
Camilla Schinner ist neu in der Anatomie der Universität Würzburg. Sie forscht an genetischen Herzerkrankungen, die bei jungen, sportlichen Menschen zu plötzlichem Herztod führen können.
Das Herz schlägt unregelmäßig, zu schnell und pumpt nicht mehr genügend Blut in den Kreislauf. Die Betroffenen brechen plötzlich bewusstlos zusammen – oft mitten auf dem Fußballfeld oder beim Sport. Die arrhythmogene Kardiomyopathie ist eine genetische Herzerkrankung und eine der häufigsten Ursachen für den plötzlichen Herztod bei jungen, sportlichen Menschen. Genau diese Erkrankung steht im Zentrum der Forschung von Camilla Schinner.
Schinner ist neu an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU); am 1. Juli 2026 hat sie den Lehrstuhl für Anatomie II übernommen. Das heißt: So wirklich neu ist die Anatomin nicht an der JMU. Man könnte auch sagen: Mit der Rufannahme hat sich für sie ein Kreis geschlossen. Immerhin hat sie vor 16 Jahren hier ihr Medizinstudium begonnen. Und noch vor dem Physikum wurde hier bei ihr die Passion für Anatomie geweckt.
„Seit dem Präparierkurs war ich total begeistert. Den menschlichen Körper zu verstehen, buchstäblich zu begreifen, kombiniert mit der manuellen Präparation und mit der Lehrtätigkeit: Das war für mich perfekt. Mir war schnell klar: Das ist das, was ich beruflich machen will“, sagt die 36-Jährige.
Die Begeisterung im Präparierkurs hat Camilla Schinner auch zu dem Forschungsthema gebracht, mit dem sie sich heute noch beschäftigt. „Weil ich anatomische Forschung genauer kennenlernen wollte, habe ich Jens Waschke, meinen damaligen Anatomie-Professor, gefragt, ob ich bei ihm meine Doktorarbeit schreiben kann. Der war einverstanden und ich bin ihm dafür nach München gefolgt, wo er gerade an der LMU einen Ruf angenommen hatte.“ Und in Jens Waschkes Labor drehte sich alles um die Zell-Zell-Adhäsion, besonders um desmosomale Haftkontakte.
Neue Erkrankungsmechanismen identifiziert
Diese bilden seitdem einen Schwerpunkt in Camilla Schinners Forschung. Sie spielen auch bei der arrhythmogenen Kardiomyopathie eine wesentliche Rolle. „In diesen Fällen führen genetische Mutationen in den Haftmolekülen der Herzmuskelzellen dazu, dass die Zellen unter Belastung gewissermaßen auseinanderreißen. Dies stört die elektrischen Kontakte im Herzen und löst lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen aus“, sagt Schinner. In einer späteren Phase kommt es dann zu einer Verringerung der Herzmuskelzellen und einer Vernarbung des Organs.
In ihren Studien untersucht die Wissenschaftlerin die molekularen Mechanismen der Erkrankung und arbeitet an neuen Therapieansätzen, wie etwa die medikamentöse Stärkung der Zelladhäsion. Mit Hilfe von Mausmodellen, Patientenproben und stammzellbasierten Herzmuskelmodellen konnte die Arbeitsgruppe mehrere vielversprechende Wirkstoffkandidaten identifizieren. Nun erforscht sie deren genauen Wirkmechanismus, um die Therapie gezielter weiterzuentwickeln.
An der Universität Würzburg findet Schinner dafür ein optimales interdisziplinäres Umfeld. Hier arbeitet sie eng mit dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) zusammen und bringt ihre Expertise in zwei Sonderforschungsbereiche ein – den SFB „Kardio-immune Schnittstellen“ unter der Leitung von Professor Stefan Frantz, und den Transregio „Desmosomale Dysfunktion epithelialer Barrieren“ mit dem Würzburger Standortsprecher Professor Nicolas Schlegel. Allein wegen dieses wissenschaftlichen Umfelds sei es für sie klar gewesen, sich auf diese Stelle zu bewerben und schließlich das Angebot der Universität anzunehmen.
Verständnis vor Auswendiglernen
Anatomie gilt traditionell als ein Fach, in dem Studierende riesige Mengen an Begriffen auswendig lernen müssen. Schinner verfolgt in der Ausbildung der nächsten Generation von Ärztinnen und Ärzten einen anderen Ansatz. Für sie hat das funktionelle Verständnis klare Priorität. Anstatt auch noch den kleinsten Fußmuskel isoliert abzufragen, legt sie Wert darauf, dass die Studierenden das Zusammenspiel, die funktionelle Relevanz und die klinische Bedeutung für den späteren Beruf durchdringen. Dabei ist die Lehre für Schinner keine Pflicht, sondern eine Leidenschaft: „Forschung und Lehre sind die zwei zentralen Säulen meiner Tätigkeit. Ich würde das eine nicht für das andere aufgeben wollen.“
Als Frau auf einem Lehrstuhl ist sich Schinner auch ihrer Vorbildfunktion bewusst. In akademischen Führungspositionen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. „Während bis zum Postdoc-Level oft noch Parität herrscht, zögern Frauen danach häufiger, den nächsten Karriereschritt zu wagen“, sagt sie. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Frauen ein wenig mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben dürfen, um den nächsten Karriereschritt anzugehen.
Inspiration und Vorbild
Schinner möchte Mut machen: Selbstzweifel seien normal und könnten einen durch kritisches Hinterfragen besser machen. Man dürfe sich von ihnen nur nicht bremsen lassen. In solchen Momenten könne es helfen, wenn jemand anderes sagt: „Doch, klar, mach das! Du hast gute Chancen!“ Diese Erfahrung der Unterstützung habe sie selbst machen dürfen.
Und Vorbilder spielen dabei eine wichtige Rolle. Das habe sie schon jetzt deutlich gemerkt, seit sie den Ruf auf den Lehrstuhl angenommen hat. Die Resonanz vor allem von anderen Frauen zeige ihr, dass das eine Vorbildfunktion habe, wenn eine relativ junge Frau wie sie einen Lehrstuhl übernimmt.
Zur Person
Camilla Schinner (*1990) studierte von 2010 bis 2016 Humanmedizin an der Universität Würzburg, der LMU München sowie in den USA in Cincinnati und New York. Ihre Promotion schloss sie 2019 an der LMU München ab, nachdem sie von 2012 bis 2017 an ihrer Doktorarbeit über die Zell-Zell-Haftung im Herzen geforscht hatte.
Nach Stationen als Postdoc und Nachwuchsgruppenleiterin an der Universität Basel wurde sie Juniorprofessorin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zuletzt war sie als Assistant Professor an der Universität Bern sowie als Professorin und stellvertretende Institutsdirektorin am UKE Hamburg tätig. Seit 2023 ist sie zudem zertifizierte Fachanatomin.
Prof. Dr. med. Camilla Schinner, Institut für Anatomie und Zellbiologie, camilla.schinner@uni-wuerzburg.de
Vor 16 Jahren hat Camilla Schinner an der Uni Würzburg ihr Medizinstudium begonnen. Jetzt ist sie zu ...
Source: Daniel Peter
Copyright: Universität Würzburg
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, Students
Medicine
transregional, national
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German

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