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09/01/2026 09:14

Mainzer MS-Therapieansatz auf dem Weg in die klinische Anwendung

Kathrin Voigt Kommunikation und Medien
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

    Projektförderung über 1,1 Millionen Euro durch die ForTra gGmbH für Forschungstransfer der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (ForTra) ermöglicht Weiterentwicklung eines an der JGU entwickelten Wirkstoffpflasters, das die Regeneration geschädigter Myelinscheiden anregen soll

    Ein in Mainz entwickelter Therapieansatz zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) macht einen wichtigen Schritt in Richtung klinische Anwendung. Das Team um Prof. Dr. Claire Jacob von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) entwickelt dabei ein Wirkstoffpflaster weiter, das die Reparatur geschädigter Nervenhüllen anregen könnte. Die ForTra gGmbH für Forschungstransfer der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (ForTra) unterstützt das Vorhaben mit 1,1 Millionen Euro. Ziel ist es, das Pflaster für die Herstellung unter pharmazeutischen Qualitätsstandards weiterzuentwickeln und anschließend seine Sicherheit und Verträglichkeit in einer ersten klinischen Studie zu überprüfen.

    "Mit dieser Förderung kommen wir unserem Ziel, unsere Forschungsergebnisse in eine mögliche Behandlung für Menschen mit MS zu überführen, einen entscheidenden Schritt näher", erklärt Claire Jacob, Professorin für Zelluläre Neurobiologie an der JGU. Bei der chronisch-entzündlichen Autoimmunkrankheit MS wird die fettreiche Myelinschicht geschädigt, die die Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark schützt. Verfügbare Therapien zielen bislang vor allem darauf ab, Entzündungsprozesse zu hemmen und neue Krankheitsschübe zu verhindern. Eine zugelassene Therapie, die den Wiederaufbau von bereits geschädigtem Myelin, die sogenannte Remyelinisierung, gezielt fördert, gibt es bislang nicht.

    Claire Jacob erforscht seit mehr als 20 Jahren, welche molekularen Mechanismen es dem Körper ermöglichen, geschädigtes Myelin zu erneuern. Dabei identifizierte ihr Team das epigenetisch wirkende Enzym Histon-Deacetylase 2, kurz HDAC2, als wichtigen Faktor für diesen Reparaturprozess. Auf der Suche nach einem Wirkstoff, der dieses Enzym gezielt aktivieren kann, stießen die Forschenden auf das Medikament Theophyllin. Dieses wird bereits seit Jahrzehnten bei Asthma und anderen Atemwegserkrankungen eingesetzt, allerdings in hoher Dosierung. In Untersuchungen an Mäusen konnte das Mainzer Team zeigen, dass Theophyllin in niedriger Dosierung die Aktivität von HDAC2 erhöht und dadurch den Wiederaufbau von Myelin fördern kann. Damit nutzen die Forschenden einen seit Langem etablierten und gut untersuchten Wirkstoff für ein neues therapeutisches Einsatzgebiet in deutlich geringerer Dosierung.

    Kontinuierliche Abgabe per Wirkstoffpflaster

    Um die für die Remyelinisierung geeignete niedrige Wirkstoffkonzentration zu erreichen und über längere Zeit konstant zu halten, haben die Forschenden gemeinsam mit der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Peter Langguth aus der Biopharmazie der JGU ein spezielles transdermales Pflaster entwickelt. Dieses gibt über mehrere Tage hinweg kontinuierlich eine geringe Menge Theophyllin über die Haut ab. Die vorklinische Prüfung dieses Therapieansatzes sowie frühere Entwicklungsschritte wurden bereits von der Mainzer Wissenschaftsstiftung mit insgesamt rund 140.000 Euro unterstützt.

    Die nächste Entwicklungsstufe wird nun von der ForTra gefördert. Ziel der gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Else Kröner-Fresenius-Stiftung ist es, vielversprechende medizinische Forschungsprojekte beim Übergang in die klinische Anwendung zu unterstützen. Zunächst soll das Wirkstoffpflaster von einem spezialisierten deutschen Unternehmen für die Herstellung in größerem Maßstab weiterentwickelt und optimiert werden. Dabei muss es den Qualitätsstandards der sogenannten Good Manufacturing Practice (GMP) entsprechen, die Voraussetzung dafür sind, dass ein Arzneimittel in klinischen Studien am Menschen eingesetzt werden kann.

    Anschließend soll das Pflaster an der Universitätsmedizin Mainz im Rahmen einer Phase-I-Studie mit gesunden Freiwilligen untersucht werden. In dieser Phase stehen vor allem die Haftung des Pflasters, die Verträglichkeit sowie die Wirksamkeit der Wirkstoffabgabe über die Haut im Mittelpunkt. Ob die Behandlung tatsächlich die Regeneration geschädigter Myelinscheiden bei Menschen mit MS fördern kann, lässt sich daraus noch nicht ableiten.

    Als nächsten Schritt plant das Forschungsteam um Prof. Dr. Claire Jacob deshalb eine multizentrische Phase-II-Studie mit MS-Patientinnen und -Patienten in Deutschland. In dieser Studie könnte erstmals untersucht werden, ob der Ansatz bei Betroffenen die Remyelinisierung fördern kann. Dafür sucht das Team derzeit nach weiterer Finanzierung. "Unser langfristiges Ziel ist eine Therapie, die nicht nur das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt", so Claire Jacob, "sondern dem Nervensystem hilft, bereits entstandene Schäden zu reparieren."

    Bildmaterial:
    https://download.uni-mainz.de/presse/10_idn_MS_wirkstoffpflaster_prototypen_stud...
    Prototypen von transdermalen Wirkstoffpflastern im Labor (links) sowie Studiendaten (rechts) zum transdermalen Übergang des Arzneistoffs Aminophyllin, einer Verbindung aus Theophyllin und Ethylendiamin, über sechs verschiedene transdermale Pflaster, die den Wirkstoff über die Haut abgeben.
    Foto/©: Sophia Engel ; Abb./©: Engel et al., AAPS PharmSciTech, 2026, https://link.springer.com/article/10.1208/s12249-026-03377-8#Sec12

    https://download.uni-mainz.de/presse/10_idn_MS_wirkstoffpflaster_projektphasen.p...
    Roadmap der klinischen Entwicklung eines transdermalen Aminophyllin-/Theophyllin-Pflasters zur Anwendung bei Multipler Sklerose.
    Abb./©: KI-generiert mit Perplexity

    Weiterführende Links:
    https://cnb-idn.biologie.uni-mainz.de/research/ – Forschung der Arbeitsgruppe "Control of Nervous System Development, Maintenance and Regeneration by Chromatin Remodeling Enzymes" von Prof. Dr. Claire Jacob
    https://cnb-idn.biologie.uni-mainz.de/ein-transdermales-pflaster-zur-forderung-d... – Forschung zu transdermalem Pflaster zur Förderung der Remyelinisierung bei Patientinnen und Patienten mit MS in der AG von Prof. Dr. Claire Jacob
    https://www.ekfs.de/translatorik – ForTra gGmbH für Forschungstransfer der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (ForTra)

    Lesen Sie mehr:
    https://presse.uni-mainz.de/mainzer-wissenschaftsstiftung-foerdert-multiple-skle... – Pressemitteilung "Mainzer Wissenschaftsstiftung fördert Multiple-Sklerose-Forschung an der JGU" (11.11.2025)
    https://presse.uni-mainz.de/entfernung-von-hdac8-ermoeglicht-schnellere-regenera... – Pressemitteilung "Entfernung von HDAC8 ermöglicht schnellere Regeneration von Nervenzellen und Wiederherstellung der sensorischen Funktion" (04.02.2025)
    https://presse.uni-mainz.de/mechanismen-fuer-wiederaufbau-der-myelinhuelle-nach-... – Pressemitteilung "Mechanismen für Wiederaufbau der Myelinhülle nach Verletzung oder bei Multipler Sklerose entschlüsselt" (05.08.2020)
    https://presse.uni-mainz.de/erste-schritte-zur-selbstreparatur-im-zentralnervens... – Pressemitteilung "Erste Schritte zur Selbstreparatur im Zentralnervensystem" (27.06.2019)


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Claire Jacob
    Zelluläre Neurobiologie
    Institut für Entwicklungsbiologie und Neurobiologie (IDN)
    Johannes Gutenberg-Universität Mainz
    55099 Mainz
    E-Mail: cjacob@uni-mainz.de
    https://cnb-idn.biologie.uni-mainz.de/


    Images

    Prototypen von transdermalen Wirkstoffpflastern im Labor
    Prototypen von transdermalen Wirkstoffpflastern im Labor
    Source: Foto/©: Sophia Engel

    Roadmap der klinischen Entwicklung eines transdermalen Aminophyllin-/Theophyllin-Pflasters zur Anwendung bei Multipler Sklerose
    Roadmap der klinischen Entwicklung eines transdermalen Aminophyllin-/Theophyllin-Pflasters zur Anwen ...

    Copyright: Abb.: KI-generiert mit Perplexity


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, all interested persons
    Biology, Medicine
    transregional, national
    Research projects, Transfer of Science or Research
    German


     

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