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04/08/2020 14:23

„Schwarze Null der letzten Jahre kann uns jetzt wirklich helfen“

Oliver Klinke Kommunikation und Veranstaltungsmanagement
Frankfurt University of Applied Sciences

    Prof. Dr. Tobias Hagen und Prof Dr. Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt UAS beleuchten die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise

    Frankfurt am Main, 7. April 2020. Die Corona-Pandemie hat unmittelbare und drastische Auswirkungen auf alle Wirtschaftszweige – weltweit wie auch vor Ort in Deutschland. Auch die aktuellen Maßnahmen der Politik zur Eindämmung von Corona beeinflussen die Wirtschaft, im Negativen (z. B. durch das Verhängen von Ausgangssperren) wie im Positiven (beispielsweise durch die Hilfspakete von Bund und Ländern). Die Abhängigkeit von der globalen Ökonomie und die damit einhergehende Verletzlichkeit der Unternehmen vor Ort werden durch die Krise besonders deutlich. Der Logistik-Experte Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) äußert sich zu den Auswirkungen auf die Lieferketten, sein Kollege, Volkswirt Prof. Dr. Tobias Hagen, zu den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen und den Folgen für Unternehmen.

    „Es gibt vier grundlegende Faktoren als Folge der Corona-Krise, die sich auf die internationalen und deutschen Lieferketten auswirken: Zum einen stand die Produktion in Asien bis Mitte März mehr oder weniger still, was jetzt für fehlenden Nachschub in Europa sorgt – sowohl bei fertigen als auch bei weiterzuverarbeitenden Produkten“, erklärt Schocke. „Hinzu kommt der Stillstand vieler Produktionen in Europa. Zudem sorgen die Grenzschließungen in Europa für Verzögerungen, und schließlich werden die steigenden Erkrankungszahlen auch Logistiker/-innen treffen und dort die Kapazität senken. Insgesamt betrachtet senkt das den Absatz.“

    Die Lieferketten hält Schocke allerdings generell für flexibel: Er glaubt daran, dass die wirklich wichtigen Produkte immer geliefert werden können – wenn Produkte verfügbar sind und die Logistikleistung adäquat bezahlt wird. Aber wie kann man die Lieferketten widerstandsfähiger gegen das Virus machen? „Der Aufbau von Lagerbeständen kann helfen, den Druck aus der Lieferkette (dem Transport) zu nehmen. Gleichfalls gilt, dass der Preis die Leistung bestimmt: Je mehr bezahlt wird, desto widerstandsfähiger, da flexibler und kundenorientierter, sind die Lieferketten“, erläutert Schocke. In der Automobilindustrie und in der Nahrungsmittelbranche seien die Lieferketten besonders betroffen von der Corona-Pandemie. Bei erster fehle die Produktion, bei zweiter fehlten die Absatzkanäle. Zum Beispiel drohe dem Gemüsehandel wegen fehlender Absatzwege Kurzarbeit.

    Den Trend, wieder auf heimische bzw. europäische Produkte umzusteigen, sieht Schocke erst recht in Zeiten von Corona. „Stark vereinfacht gesprochen kommen Billigprodukte mit langen Lieferzeiten aus Asien; teure Produkte kommen mit kurzen Lieferzeiten aus der Nähe. Die lokal hergestellten Produkte sind variantenreicher und stark an die Kundenwünsche angepasst. So kommen die Standard-Sportschuhe eines deutschen Herstellers aus Asien, wohingegen individuell hergestellte Schuhe mit kundenbezogenen Merkmalen hier in Deutschland hergestellt werden.“ Der Konsument müsse aber auch bereit sein, dafür zu zahlen.

    Prof. Dr. Hagens Prognose für die Folgen der Corona-Krise auf deutsche Unternehmen ist pessimistisch. „Deutschland wird mit Sicherheit im Jahr 2020 eine schwere Rezession erleben, die sogar immer wahrscheinlicher über das hinausgehen wird, was wir im Zuge der Finanzkrise 2008/09 erlebt haben“, sagt Hagen. „Die Besonderheit der aktuellen Krise besteht darin, dass so viele Bereiche gleichzeitig betroffen sind: sowohl die Angebotsseite, also die Beschäftigten und Unternehmen, als auch die Nachfrageseite, also die Konsumierenden und die Investitionsgüter nachfragenden Unternehmen, sowohl das Inland als auch das Ausland, also die Handelspartner in aller Welt.“ Verstärkt werde die Krise durch die damit verbundene Unsicherheit über deren Dauer und über die zukünftige Entwicklung. Konsum- und Investitionsentscheidungen würden auf unbestimmte Zeit „nach der Krise“ aufgeschoben, was die Nachfrage im In- und Ausland zusätzlich reduziere. „Nur der Staat kann stabilisierend wirken, was er bereits mit einer Vielzahl von Maßnahmen tut. Ohne ausreichende wirtschaftspolitische Maßnahmen kommt es zu einer großen Anzahl von Insolvenzen und Entlassungen, die die Krise weiter verschärfen. Betroffen wäre im nächsten Schritt der Finanzsektor, der dann durch noch restriktivere Kreditvergabe die Krise der Unternehmen zusätzlich vertieft“, ergänzt Hagen. Letztlich könne es aufgrund der Belastungen der Staatshaushalte insbesondere südeuropäischer Länder wieder zu einem Aufflammen der Euro-Krise kommen. Allerdings seien alle Prognosen mit relativ hohen Unsicherheiten behaftet, da die Dauer des notwendigen „Shut-Down“ und das Ausmaß der Gesundheitskrise unbekannt seien. Das sei auch der Grund, warum Gesundheits- und Wirtschaftspolitik „auf Sicht“ fahren müssten.

    Fast alle Branchen dürften Hagen zufolge von der Krise besonders betroffen sein. „Vergleichsweise gering sind das Baugewerbe sowie der Lebensmittelhandel betroffen. Zudem sind Unternehmen, deren Geschäft überwiegend oder ganz online stattfindet, wenig betroffen, teilweise könnten diese sogar profitieren.“ Die längerfristigen Auswirkungen seien für die Branchen größer, deren Geschäfte sich nicht in dem nach der Krise zu erwartenden Aufschwung „nachholen“ lassen, beispielsweise das Hotel- und Gaststättengewerbe, Reiseveranstalter, aber auch der Textileinzelhandel, da die Frühjahrskollektionen kaum im Herbst verkäuflich seien.

    Den Staat lobt Hagen für die bisher getroffenen wirtschaftspolitischen Entscheidungen. „Bund und Länder haben eine ganze Reihe sehr sinnvoller Maßnahmen getroffen, die darauf abzielen, möglichst viele Unternehmen vor Insolvenzen zu bewahren und damit den Standort Deutschland zu sichern sowie die Einkommen der Beschäftigten und Unternehmerinnen und Unternehmer zu stabilisieren. Damit kann ein immer tieferes Abgleiten in die Rezession durch immer weiter zurückgehende Nachfrage verhindert werden“, so Hagen. Der Bund stehe auch aufgrund der schwarzen Null in den letzten Jahren vor der unglaublich günstigen Situation, dass er sich für seine Hilfsprogramme an den internationalen Anleihemärkten Geld zu negativen Zinsen leihen könne. Dies bedeute, dass er weniger Geld zurückzahlen müsse, als er geliehen habe.

    Aber auch der Staat könne noch mehr tun, um zu helfen. „Eine weitere Maßnahme, die bisher zu wenig diskutiert wird, ist die Stabilisierung der Einkommen von Studierenden, Auszubildenden und Schüler/-innen. Am Beispiel der Studierenden: Viele Studierende verlieren momentan ihre Jobs, beispielsweise in der Gastronomie oder im Handel. Dies zieht unter anderem eine weiter einbrechende Nachfrage und Mietrückstände mit Auswirkungen auf die Solvenz von Vermietern nach sich. Eine Maßnahme könnte darin bestehen, dass BaföG-Berechtigte ab sofort einen Zuschuss auf das BaföG erhalten, etwa in Höhe von monatlich 450 Euro, was einem Minijob entspricht“, ergänzt Hagen.

    Schließlich stellt sich die Frage: Was könnten die Unternehmen selbst tun, um sich zu helfen? „E-Commerce und Online-Angebote sowie Home-Office vorantreiben. Außerdem beim Export verstärkt auf ostasiatische Märkte setzen, weil diese offenbar etwas früher aus der Krise finden. Und Unternehmen sollten sehr genau die rasch entstehenden Förderprogramme beobachten. Zu beachten ist, dass es neben den Bundesprogrammen noch zusätzliche Länderprogramme gibt“, schließt Hagen. Schocke ergänzt: „Neue Geschäftsmodelle zu suchen ist auch wichtig – und dabei dahin gehen, wo die Konsumentinnen und Konsumenten sind. Ein gutes Beispiel ist ein Spargelbauer, der normalerweise 180 Erntehelferinnen und -helfer hat – dieses Jahr kommen nur 40. Seine normalen Abnehmer wie Restaurants oder Kantinen fallen weg. Jetzt fährt er nach einem Fahrplan zu bestimmten Zeiten bestimmte Orte an, zu denen die Konsumentinnen und Konsumenten noch kommen können. Außerdem beliefert er mehr Supermärkte und mehr Spargelbuden.“


    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    Economics / business administration
    transregional, national
    Miscellaneous scientific news/publications
    German


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