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12/11/1998 00:00

Kultstätten der Mithras-Mysterien

Brigitte Nussbaum Presse- und Informationsstelle
Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

    Wissenschaftler der Universität Münster entdeckten in Doliche in der heutigen Südost-Türkei zwei Kultstätten der Mithras-Mysterien in zwei benachbarten Höhlen. Sie sind der erste Fund dieser Art im kleinasiatischen Raum.

    Seit dem zweiten Jahrtausend vor Christus wurde der Gott Mithras in der östlichen Mittelmeerwelt verehrt. Zu ihm als Verkörperung des Lichtes, des Guten und der der Wahrheit suchten einzelne Herrscher schon früh die Nähe. Doch später entwickelte sich aus dem Sonnengott ein Gott der Finsternis, dem im Verborgenen gehuldigt wurde. Warum sich aus dem Mithras-Kult die Mithras-Mysterien entwickelten und wo deren Ursprung lag, ist bis heute unklar. Nachdem Dr. Engelbert Winter und Dr. Anke Schütte-Maischatz von der Forschungsstelle "Asia Minor" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im vergangenen Jahr bei Ausgrabungen in Doliche in der heutigen Südost-Türkei bereits das erste Mithräum im kleinasiatischen Raum fanden, entdeckten sie in diesem Jahr eine weitere Mithras geweihte Kultstätte, die einen direkten Zugang zur ersten Höhle hat. Sie ist mit einer Abmessung von 30 mal 15 Metern um einiges größer als die zuerst entdeckte Höhle, berichtet die neueste Ausgabe der "muz - Münsters Universitäts-Zeitung".

    Der Fund, der mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft möglich wurde, weist gleich mehrere Besonderheiten auf: Im gesamten Mittelmeerraum ist ein solches Nebeneinander zweier Mithräen mit gemeinsamem Zugang und jeweils eigenem Kultbild bisher nicht bekannt. Auch die Tatsache, daß die Kultstätten in Höhlen eingerichtet wurden, ist absolut "singulär", so Dr. Winter. Mit diesem Fund wird die wichtige Rolle, die die antike Kulturlandschaft Kommagene in der Religionsgeschichte spielte, nachdrücklich bestätigt. Die Stadt Doliche, ein Knotenpunkt im Straßennetz der südlichen Kommagene, gilt als Heimat von mehreren Göttern und Religionen, darunter eben auch des Mithras-Kultes, erläutert Dr. Schütte-Maischatz.

    Irgendwann zwischen 30 vor und 90 nach Christus, so die Schätzung der Wissenschaftler, kam der Mysterienkult auf, der in unterirdischen Räumen und Höhlen gefeiert wurde. "Warum und wo er sich entwickelte, ist nicht bekannt", so Dr. Schütte-Maischatz, "deshalb ist die Erforschung der Mithras-Mysterien auch so spannend."

    Die Rituale der Mithras-Mysterien wurden geheimgehalten, deshalb sind die einzigen Quellen archäologische Funde und Schriften christlicher Autoren. Die aber sind wenig zuverlässig, wurde in ihnen doch der Mithras-Kult in einem möglichst negativen Licht dargestellt. Mit der Legalisierung des Christentums durch Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert setzte eine Welle der Gewalt gegenüber allen heidnischen Kulten ein. Deren Anhänger wurden verfolgt, die Heiligtümer geschändet und zerstört.

    Die beiden Mithräen in Doliche legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Bei dem Kultbild, das 1997 entdeckt wurde, wurde der Kopf des auf dem Stier knieenden Mithras abgeschlagen und durch ein christliches Kreuz ersetzt, im zweiten Mithräum wurde gar der gesamte Körper des Mithras samt Stierkopf herausgeschlagen. Darüber hinaus wurden die Höhlen so stark verschüttet, daß ihre eigentliche Funktion über 1500 Jahre hinweg unentdeckt blieb.

    Daß trotz aller Zerstörungswut die Bestimmung als Kultstätte der Mithras-Mysterien eindeutig möglich ist, ist dem scharfen Auge der Wissenschaftler zu verdanken. Mehrere der aus den zahlreichen westlichen Mithräen bekannten Figuren und Tiere sind trotz der Beschädigungen deutlich erkennbar. So sind die Kultreliefs in Doliche in einen Halbbogen eingebunden, der links oben von Sol und rechts oben von Luna begrenzt wird. Bei dem in diesem Jahr entdeckten Bild ist der Sonnengott noch deutlich zu erkennen, die Mondgöttin allerdings nur noch in Ansätzen zu ahnen. Ebenfalls deutlich treten der Körper des Stiers, der nach der Legende von Mithras getötet wird, damit neues Leben entspringen kann, und die beiden Fackelträger zu Seiten des Stiers hervor.

    Die Datierung der beiden Höhlen, mit deren Vermessung in diesem Jahr begonnen wurde, ist schwierig. "Beide Räume werden aber zeitlich nicht allzuweit auseinanderliegen, dafür spricht die Ähnlichkeit der Kultreliefs", meint Dr. Schütte-Maischatz. Sie vermutet, daß die zweite Höhle ausgebaut wurde, als die erste zu klein wurde. Durch weitere Grabungen hoffen die beiden Münsteraner die Entstehungszeit der Höhle genauer bestimmen zu können. Keramiken oder andere Kleinfunde könnten bei der Datierung helfen. Das originale Bodenniveau verläuft in der 1997 entdeckten Höhle etwa 1,50 Meter unter dem heutigen, berichtet Dr. Winter. Die in diesem Jahr entdeckte Höhle war nur auf dem Bauch kriechend zu erreichen, danach öffnete sich der Raum bis zu einer Höhe von fünf Metern.

    Nächstes Jahr werden Schütte-Maischatz und Winter erneut in Doliche in enger Zusammenarbeit mit dem zuständigen Museum in Gaziantep und dessen Direktor, Dr. R. Ergee, graben. Durch eine genauere Datierung hoffen sie die These, daß die Mithras-Mysterien westlichen Ursprungs sein müssen, zu widerlegen.


    more information:

    http://www.uni-muenster.de/Dezernat2/muz/muz7064b.htm


    Criteria of this press release:
    History / archaeology
    transregional, national
    Research projects
    German


    Auf dem 1997 gefundenen Relief wurde der Kopf des Mithras abgeschlagen und durch ein christliches Kreuz ersetzt.


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