Botanischer Garten der HHU zu Frühlingsbeginn
Auch wenn es kalt ist und der Frühling erst Einzug hält, hat der Botanische Garten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) viel zu bieten. Gerade die kleinen Lebewesen, die dort zuhause sind und in wärmeren Jahreszeiten oft verdeckt werden, haben eine spannende Geschichte: wie die Flechten. Diese Symbioseorganismen wachsen an den verschiedensten Stellen und fallen aktuell besonders auf. Und beim zweiten Blick sind ihre Formen- und Farbenvielfalt zu erkennen. Jetzt Ende März lohnt es sich zudem, die aufblühende Natur auf sich wirken zu lassen. Der Garten ist im März täglich bis 18:00 Uhr geöffnet, ab April bis 19:00 Uhr.
Leicht werden sie übersehen oder sogar als Schmutz abgetan: Flechten, lateinisch Lichen. Dabei sind es faszinierende Lebewesen, die an den verschiedensten Orten der Erde anzutreffen sind: von der Antarktis bis hin zu den Wüsten. Und sie wachsen auf sehr unterschiedlichen Untergründen: auf Baumrinde, dem Erdboden, oft auch auf Steinen und sogar auf Beton.
Bei den Flechten handelt es sich um Symbioseorganismen zwischen einem Pilz (in der Regel einem Schlauchpilz (Ascomycota)) und einem Partner, der Photosynthese betreiben kann – dies können Grünalgen oder auch Cyanobakterien sein. Verwobene Pilzfäden (Hyphen) bilden dabei den Vegetationskörper, in den die Zellen des Photosynthesepartners quasi eingewoben sind. Über abgewandelte Hyphen, die sogenannten Appressorien, nehmen die Pilze Nährstoffe vom Algenpartner auf.
Dr. Sabine Etges, wissenschaftliche Leiterin den Botanischen Gartens der HHU: „Bei einigen Flechten dienen Cyanobakterien auch als Stickstofflieferant. Sie leben dann in besonderen Strukturen, den ‚Cyphellen‘, die ebenfalls vom Pilz geschaffen werden. Darüber hinaus sind Flechten noch mit anderen Mikroorganismen vergesellschaftet.“
Die einzelnen Flechtenarten sind sehr spezifisch in Bezug auf ihre Standortbedingungen und reagieren äußerst sensibel – daher eignen sie sich gut zum Monitoring von Klima- und Luftgüteveränderungen, auch in der Stadt Düsseldorf. „Flechten lassen sich kaum erfolgreich an andere Orte verpflanzen, in der Regel degenerieren sie dann nach einiger Zeit. Und ist es nicht möglich, Flechten zu züchten. Für wissenschaftliche Untersuchungen stellt dies ein Problem dar. Lediglich die isolierten Pilz- und Algenpartner sind kultivierbar“, erläutert Etges.
Im Botanischen Garten der HHU wachsen viele unterschiedliche Flechtenarten. Sie können nach ihrer Wuchsform unterteilt werden. Krustenflechten wachsen zum Beispiel dicht auf ihrem Untergrund und sind kaum davon abzulösen. Caperatflechten (Flavoparmelia caperata) gehören zu den Blattflechten, sie zeigen feine, blattähnliche Strukturen und finden sich an Bäumen, selten auch auf Steinen. Besonders häufig ist die Wand-Gelbflechte (Xanthoria parietina), die auf Ästen und anderen Substraten zu finden ist. An schattigen Standorten ist sie eher grünlich und an sonnigen Standorten durch das Pigment Parietin kräftig gelb gefärbt. In ihren scheibenförmigen Fruchtkörpern (Apothecien) werden Pilzsporen zur Verbreitung gebildet. Und schließlich gibt es strauchförmig wachsende Flechten. Die Becherflechten (Gattung Cladonia) bilden einen aufrechten Körper. Zu den Cladonien gehören auch die bekannten Rentierflechten, die aber nicht im Botanischen Garten vorkommen.
Häufig werden Flechten und Moose verwechselt, beziehungsweise werden die Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch synonym verwandt. Etges: „Tatsächlich sind beide aber nicht miteinander verwandt. Moose sind sehr ursprüngliche Pflanzen, die früh in der Evolution entstanden.“ Beim Moos lohnt es sich, es von nahe oder mit einer Lupe im Detail zu betrachten. So wachsen beim Laubmoos aus den beblätterten Pflänzchen zarte Stiele heraus. Sie sind die Träger der Sporenkapseln.
Jetzt im beginnenden Frühling verändert sich die Natur im Botanischen Garten fast täglich. Viele Frühblüher wie Christrose (Helleborus), Schneeglöckchen (Galanthus) und Krokus (Crocus) zeigen längst ihre Blüten. Hierzu zählt auch der Rosmarin (Rosmarinus officinalis).
Daneben knospen und blühen viele Bäume, etwa der Duftende Schneeball (Viburnum farreri) und zahlreiche Obstbäume. Im Botanischen Garten ist besonders die Tulpen-Magnolie (Magnolia x soulangeana ‚Lennei‘) eindrucksvoll. Die Sorte blüht später als die reine Art und steht Ende März und im April in voller Blüte. Und am Ufer der Gewässeranlage wachsen Schwarz-Erlen (Alnus glutinosa), die schon ihre länglichen, männlichen Blütenstände ausgebildet haben.
Beim Spaziergang durch den Botanischen Garten fallen in der Nutzpflanzenabteilung sicherlich die Kohlgewächse ins Auge. Besonders imposant ist jetzt der Rosenkohl (Brassica oleracea var. gemmifera), der Ende Februar einen erstaunlich großen Kohlkopf entwickelt hat. Nach zwei Wochen hat er sich geöffnet und einen frischen Spross entwickelt. „So etwas sieht man typischerweise nur in Botanischen Gärten“, so Sabine Etges, „denn nur an unseren Einrichtungen bleiben die Gemüsepflanzen auch über die Erntezeit stehen. Wir möchten den Besucherinnen und Besuchern die gesamte Entwicklung der Pflanzen bis zur Blüte, Frucht- und Samenbildung zeigen.“
Wer beim Besuch des Botanischen Gartens der HHU von einem Regenschauer überrascht wird, dem sei ein Blick ins Kuppelgewächshaus empfohlen. Denn auch dort beginnen die Pflanzen zu blühen, aktuell dominiert die Farbe Gelb, zu sehen am Kanaren-Ginster (Genista canariensis) und der Stengellosen Gänsedistel (Sonchus acaulis).
Der Botanische Garten der HHU
Der rund acht Hektar große Botanische Garten öffnete 1979 seine Tore. Er ist Teil des Frischluft- und Grüngürtels der Landeshauptstadt Düsseldorf und ein wichtiges Trittsteinbiotop zwischen Rheinauen und den Unterbacher Seen. Er leistet mit seiner Pflanzenvielfalt einen Beitrag, um bedrohte Arten zu erhalten und die Biodiversität zu sichern. Der Bevölkerung öffnet er sich ganzjährig als Stätte der Bildung und Erholung. An der HHU dient er der Pflanzenforschung und der Studierendenausbildung.
Das eindrucksvolle Kuppelgewächshaus, das 1975 fertiggestellt wurde, beherbergt Pflanzen aller Kontinente und wird ergänzt durch ein Südafrikahaus und eine große Orangerie, in der die Kübelpflanzen überwintern. Neben diesen betreibt der Botanische Garten ein nicht öffentliches großes Sammlungs- und Forschungshaus, Versuchsflächen und auch die hochmodernen Forschungsgewächshäuser auf den Institutsgebäuden der HHU.
Jährlich besuchen rund 100.000 Bürgerinnen und Bürger den Botanischen Garten. Er ist für die Öffentlichkeit im März und Oktober täglich bis 18:00 Uhr geöffnet, zwischen April und September täglich bis 19:00 Uhr. Den Besuchenden steht ein kostenfreier Audioguide auf Deutsch und Englisch zur Verfügung, der sie auf Rundgängen zu allen Besonderheiten führt.
Mit einem vielfältigen Vortrags- und Führungsprogramm werden Interessierte jeden Alters an die Geheimnisse, die im Garten zu finden sind, herangeführt und ihre Bedeutung für die menschliche Zivilisation verdeutlicht. Eine aktive Beteiligung ist im Rahmen eines Citizen Science-Projektes möglich: Die Vielfalt von Wildarten (Pflanzen, Tiere und andere Organismen) kann über eine App dokumentiert werden. Mit diesem Wissenstransfer ist der Botanische Garten in das Selbstverständnis der HHU als Bürgeruniversität eingebunden.
Unterstützt wird die Arbeit durch den Freundeskreis Botanischer Garten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf e.V., mit dessen Hilfe bereits viele Projekte realisiert werden konnten.
Ebenso ist der Botanische Garten eine Ausbildungsstätte für bis zu zehn zukünftige Gärtnerinnen und Gärtner in der Fachrichtung „Staudengärtnerei“. Dort lernen die Auszubildenden auch die Besonderheiten eines wissenschaftlich orientierten Gartens kennen.
Ausführliche Bildunterschrift zu Bild 2:
Verschiedene Flechtenarten (v.l.): 1.: Mauerflechte (Protoparmeliopsis muralis, graugrün) und Zierliche Gelbflechte (Rusavikia elegans); 2.: Becherflechte (Cladonia spec.); 3. und 4.: verschiedene Krustenflechte, teils mit schwarzen Apothecien (Mitte); 5.: Wand-Gelbflechte (Xanthoria parietina, gelb) und Zarte Schwielenflechte (Physcia tenella, grün) – die runden Scheiben sind die Apothecien von Xanthoria parietina. (Fotos: HHU / Arne Claussen)
https://www.hhu.de/news-einzelansicht/flechten-unscheinbar-und-faszinierend
https://www.botanischergarten.hhu.de
Leben auf der Mauer: Mauerflechte, Polster-Kissenmoos, Zierliche Gelbflechte
Copyright: HHU / Arne Claussen
Verschiedene Flechtenarten. Ausführliche Bildunterschrift am Ende des Meldungstextes.
Copyright: HHU / Arne Claussen
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
Biology, Environment / ecology, Nutrition / healthcare / nursing, Zoology / agricultural and forest sciences
transregional, national
Miscellaneous scientific news/publications
German

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