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03/10/2009 14:50

Darwins Zeitmaschine

Dr. Anne Hardy Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

    Welche Auswirkungen hatte die Überdüngung von Seen in den 1970/80er Jahren auf die dort lebende Fauna? Biologischer Archive geben die Antwort.

    FRANKFURT. Heute sind viele mitteleuropäische Seen sauberer als in den 1970/80er-Jahren, als sie durch phosphathaltige Waschmittel und die Auswaschung phosphathaltigen Düngers aus den Feldern unbeabsichtigt stark gedüngt (eutrophiert) wurden. Diese Seen verloren ihre natürliche Artenvielfalt. Die Algen, darunter auch toxische Cyanobakterien, vermehrten sich rapide. Aufgrund der entstehenden Sauerstoffarmut kam es wiederholt zu Fischsterben. Dank konsequenter Ringkanalisationen und Abwasserbehandlungen haben inzwischen viele dieser Seen wieder ähnlich niedrige Phosphatwerte wie Anfang der 1950er-Jahre. Allerdings hat sich die Zusammensetzung der Arten während dieser Zeit durch evolutionäre Anpassungsprozesse verändert. Das berichten Wissenschaftler der Goethe-Universität in der aktuellen Ausgabe der 'Proceedings of the National Academy of Sciences'. Ihr Fazit: Das Rad der Evolution lässt sich nicht zurückdrehen; menschliche Eingriffe in Ökosysteme hinterlassen ihre Spuren, auch nachdem belastende Faktoren beseitigt worden sind.
    Die Forscher machten sich in Zusammenarbeit mit Priv. Doz. Klaus Schwenk und Nora Brede für ihre Untersuchung 'biologische Archive' zunutze, nämlich die Dauereier einer Wasserfloh-Art der Gattung Daphnia. So wie Pflanzen Samen produzieren, können die zu den Krebsen zählenden Wasserflöhe Dauereier entwickeln. Sie ermöglichen es ihnen, in Trockenperioden oder Zeiten geringen Nahrungsangebots zu überleben. Ein Teil der Eier sinkt auf den Seegrund und bildet dort über Jahrzehnte ein biologisches Archiv. Gemeinsam mit Forschern der Universität Konstanz und des schweizerischen Wasserforschungs-Instituts Eawag gewannen die Frankfurter Forscher Bohrkerne vom Grund des Bodensees und des schweizerischen Greifensees. Sie entnahmen daraus bis zu 50 Jahre alte Dauereier, die sie im Labor wieder zum Leben erweckten. Mittels molekulargenetischer Analysen konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts in beiden Seen nur eine Wasserfloh-Art der Gattung Daphnia nennenswert vorkam (Daphnia hyalina). Im Laufe der Eutrophierungsphase wurde sie von einer zweiten Art (D. galeata) verdrängt. Während der 1970/80er-Jahre, der Phase stärkster Belastung, dominierte D. galeata sogar eindeutig. Während der Zeiten des Anstiegs (in den 1950/60er-Jahren) und des Rückgangs (in den 1980er-Jahren) traten zudem Mischlinge (interspezifische Hybriden) auf.
    "Diese Ergebnisse belegen, dass anthropogene Veränderungen wie die Eutrophierung eine massive und nicht wieder voll umkehrbare Auswirkung auf Tierarten haben können", erläutert Projektleiter Schwenk. Zusätzlich dokumentieren sie, mit welcher Geschwindigkeit Evolutionsprozesse im Tierreich vonstatten gehen können: "In weniger als 50 Jahren hat sich die Genomstruktur einer Art messbar verändert", sagt Schwenk über das verblüffende Ergebnis seiner Studie. Auch im Vergleich zur Zeitskala der Erdgeschichte kurzfristige Eingriffe von einigen Jahrzehnten hinterlassen also in Ökosystemen ihre evolutionären Spuren.
    Aufbauend auf dieser Erkenntnis werden Brede und das Frankfurter Team um Schwenk und Prof. Bruno Streit weiterführende Untersuchungen an biologischen Archiven nutzen, um die Reaktion von Organismen auf den globalen Klimawandel zu untersuchen. Ein Schwerpunkt der beginnenden Arbeiten im neu gegründeten LOEWE-Forschungszentrum Biodiversität und Klima (BiKF) in Frankfurt liegt darin, herauszufinden, wie und wie schnell sich Pflanzen und Tiere genetisch an die veränderten Temperaturbedingungen anpassen. Hierbei wird das Team auch auf andere, bislang unerforschte Archive zurückgreifen. Biologische Archive könnten somit einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die vor 150 Jahren von Darwin beschriebenen Prozesse der Veränderung der Arten durch natürliche Selektion mit modernen Methoden zu analysieren und besser zu verstehen.

    Brede, N., C. Sandrock, D. Straile, P. Spaak, T. Jankowski, B. Streit & K. Schwenk. 2009. The impact of human-made ecological changes on the genetic architecture of Daphnia species. Proceedings of the National Academy of Sciences USA.

    Web link: www.pnas.org/content/early/recent (Der Artikel kann ab heute täglich im Bereich 'Earyl Edition' online gehen; er ist bereits in einer Vorabversion im Bereich 'reporters-only' der PNAS-Homepage abrufbar)

    Informationen: Priv. Doz. Klaus Schwenk, Abteilung Ökologie & Evolution,
    Institut für Ökologie, Evolution und Diversität, Tel: (069) 798-24775, k.schwenk@bio.uni-frankfurt.de

    Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht derzeit für rund 600 Millionen Euro der schönste Campus Deutschlands. Mit über 50 seit 2000 eingeworbenen Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Universität den deutschen Spitzenplatz ein. In drei Forschungsrankings des CHE in Folge und in der Exzellenzinitiative zeigte sie sich als eine der forschungsstärksten Hochschulen.

    Herausgeber: Der Präsident
    Abteilung Marketing und Kommunikation, Postfach 11 19 32,
    60054 Frankfurt am Main
    Redaktion: Stephan M. Hübner, Pressereferent. Abteilung Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main,
    Telefon (069) 798 - 23753, Telefax (069) 798 - 28530,
    E-Mail huebner@pvw.uni-frankfurt.de
    Internet: www.uni-frankfurt.de


    More information:

    http://www.pnas.org/content/early/recent


    Images

    Daphnien produzieren in der Regel parthenogenetische (klonale) Eier. Unter widrigen Umweltbedingungen entstehen aber Dauereier (rasterelektronemikroskopische Aufnahme unten), die in datierbaren Seesedimentschichten (Bildhintergrund) abgelagert werden.
    Daphnien produzieren in der Regel parthenogenetische (klonale) Eier. Unter widrigen Umweltbedingunge ...


    Criteria of this press release:
    Biology, Environment / ecology
    transregional, national
    Research results
    German


     

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