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01/09/2026 16:32

Leipziger Tierärztekongress: Kompetenz durch Kurse? – Für und Wider zum Tierführerschein

Susann Sika Stabsstelle Universitätskommunikation / Medienredaktion
Universität Leipzig

    Nicht artgerecht gehaltene Tiere müssen oftmals großes Leid ertragen. Jedes Jahr werden in Deutschland mehrere tausend Verstöße gegen das Tierschutzgesetz registriert, sagt Prof. Dr. Rainer Cermak vom Veterinär-Physiologischen Institut der Universität Leipzig. Bei über 30 Millionen gehaltener Hunde, Katzen, Heimtieren und Ziervögeln sei die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher. Aufklärung und Sachkunde könnten hier ein wichtiges Instrument zum Gegensteuern sein, betont Dr. Lothar Hoffmann, der Präsident der Landestierärztekammer Thüringen, des Schirmherrenlandes des Leipziger Tierärztekongresses vom 15. bis 17. Januar 2026.

    Eine Brennpunktveranstaltung des Kongresses befasst sich mit dem Thema Tierführerschein. Die Experten Cermak und Hoffmann haben sich zu Für und Wider eines solchen Sachkundenachweises ausgetauscht.„Viele Personen schaffen sich aufgrund fehlenden Wissens Tiere an, deren Haltung sie überfordert. Dies zeigt sich dann unter anderem in überfüllten Tierheimen“, erklärt Cermak. Ein sogenannter Tierführerschein könne Besitzer:innen über die richtige Haltung der gewünschten Tierart und die damit zusammenhängenden rechtlichen und finanziellen Folgen aufklären sowie die unüberlegte Anschaffung von Tieren vermeiden. Das verhindere Tierleid, mit dem Tierärzt:innen immer wieder konfrontiert werden. In den vergangenen Jahren habe sich – auch bedingt durch die Pandemie – die Zahl der Haustiere erhöht und damit diese Problematik weiter verschärft.

    Auch für Hoffmann ist dies ein „sehr relevantes Thema“. Fundiertes Wissen über die Haltungsbedürfnisse eines Tieres, über Ernährung und Gesundheitsrisiken, könne in jedem Fall zur Verbesserung des Tierwohls führen. Allerdings wäre eine staatliche Verpflichtung, also ein „Führerscheinzwang“, ohne den man kein Tier anschaffen und halten dürfte, aus seiner Sicht ein Eingriff in einen sehr persönlichen Lebensbereich und in die individuellen Freiheitsrechte der Menschen.

    „Hier einen weiteren Regulierungstatbestand mit einem enormen und auch kostentreibendem Verwaltungsaufwand einzuführen, ist politisch auch für eine ‚gute Sache‘ schwer vermittelbar“, sagt Hoffmann, der ebenso wie Cermak auch selbst Vorträge beim Leipziger Tierärztekongress hält. Kosten entstünden weniger durch den einzelnen Sachkundekurs selbst. Teuer werde die Infrastruktur für eine verpflichtende Prüfung, die Kontrolle und Sanktionierung, so der Experte. Laut einer Studie des Zentralverbandes der Heimtierbranche müssten dafür über 10.000 Anschaffungen pro Tag erfasst und die Sachkunde der Halter geprüft beziehungsweise kontrolliert werden.

    Sachkundenachweis könnte Qualzuchten eindämmen

    Im Rahmen der 2015 gestarteten EXOPET-Studie wurden Cermak zufolge unter Beteiligung der Universität Leipzig bis 2022 Daten zum Handel und über die Haltung von exotischen Säugetieren, Zierfischen, Amphibien, Reptilien und Ziervögeln gewonnen. Diese Studie habe erhebliche Tierschutzprobleme in diesem Bereich aufgezeigt. Eine von mehreren Forderungen der Autor:innen dieser Studie war, dass ein verpflichtender Sachkundenachweis für die Halter solcher Tiere eingeführt werden müsse. „Aber nicht nur bei exotischen, sondern auch bei klassischen Haustieren wie Hunden und Katzen kommen tierschutzwidrige Haltungen aus Unkenntnis vor. Dies fängt schon beim Kauf von Tieren an, seien es Qualzuchten oder durch Erwerb aus illegalem Welpenhandel“, berichtet Cermak. Hier könne ein Sachkundenachweis bereits helfen, die Nachfrage nach solchen Tieren zu verringern.

    Auch Hoffmann sieht bei der Haltung von exotischen Tieren ein größeres Erfordernis, eine Sachkunde vorauszusetzen. Bei klassischen Haus- und Heimtieren wie Hund, Katze oder Kaninchen sollte aber seiner Ansicht nach weiter auf Freiwilligkeit gesetzt werden. „Wir sehen, dass sich bei diesen Haustieren die Mensch-Tier-Beziehung spürbar verändert. Studien zeigen, dass insbesondere Hund und Katze mehr und mehr zu vollwertigen Familienmitgliedern werden. Die Bereitschaft, sie gesund zu erhalten und gut für sie zu sorgen, ist deutlich erkennbar – auch in der Inanspruchnahme tierärztlicher Leistungen“, weiß Hoffmann.

    Er plädiert deshalb für ein niederschwelliges, qualifiziertes Angebot, über das Tierhalterwissen vermittelt werden kann. Die Kosten für ein freiwilliges Kursangebot spielten im Vergleich zu den Lifetime-Kosten eines Tieres keine herausragende Rolle. Der Präsident der Thüringer Tierärztekammer spricht sich zudem für kreative, freiwillige Initiativen aus, um frühzeitig die Sensibilität für die artgerechte Haltung von Tieren zu erhöhen. Das könne die Aufklärung durch Tierärzt:innen, in Schulen, Vereinen, Verbände, und anderen Organisationen sein. Partner können dabei die Tiergesundheitsindustrie oder auch Tierkrankenversicherer sein.

    Hohe Kosten für Tierhaltung häufig unterschätzt

    Die Kosten für die Haltung von Tieren werden vielfach unterschätzt. So kostet nach Berechnungen des Deutschen Tierschutzbundes ein mittelgroßer nicht gelisteter Hund im Laufe seines Lebens über 20.000, eine Katze über 13.000 Euro, die Tierarztkosten für eine notwendige Behandlung von Verletzungen, Operationen und sonstige Therapien nicht mit eingerechnet. „Die Kosten für einen Sachkundekurs würden im Vergleich dazu kaum ins Gewicht fallen. Bei dem einen oder der anderen aber vielleicht dazu führen, sich die Anschaffung eines Tieres nochmals zu überlegen“, argumentiert Cermak. Mit finanzschwachen Halter:innen könnten besondere Vereinbarungen getroffen werden, etwa zu Übergangsbestimmungen.

    Bei einem weiteren Fakt sind sich die beiden Experten einig: Die gesetzlichen Grundlagen für die bundesweite Etablierung von Sachkundekursen sowie deren Überwachung zu schaffen, wäre sehr aufwändig. Sinnvolle und effiziente Verfahren müssten gefunden werden. Auch Erfahrungen aus dem Ausland, zum Beispiel Österreich, können als Orientierung dienen. Welche Verfahren überhaupt sinnvoll, finanzierbar und praktisch umsetzbar sind, darüber werden Expert:innen im Brennpunkt auf dem Leipziger Tierärztekongress diskutieren.

    Der Leipziger Tierärztekongress

    Der 13. Leipziger Tierärztekongress vom 15. bis 17. Januar 2026 ist die größte Fortbildungsveranstaltung für Tierärzt:innen im deutschsprachigen Raum. Der Kongress und die begleitende Fachmesse vetexpo europe bieten Veterinärmediziner:innen aller Bereiche und Vertreter:innen anderer Berufsgruppen des Veterinärwesens ein umfassendes Angebot, bei dem tierartspezifische sowie fachübergreifende Themen im Fokus stehen.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Rainer Cermak
    Veterinär-Physiologie
    Telefon: +49 341 9738062
    cermak@vetmed.uni-leipzig.de

    Dr. Lothar Hoffmann
    Präsident der Landestierärztekammer Thüringen
    Telefon: +49 361 64 4387-93
    lothar.hoffmann@ltkt.de


    More information:

    https://www.tieraerztekongress.de
    https://exopet-studie.de


    Images

    Tierführerschein einführen oder nicht? Die Meinungen dazu variieren.
    Tierführerschein einführen oder nicht? Die Meinungen dazu variieren.

    Copyright: Colourbox


    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    Zoology / agricultural and forest sciences
    transregional, national
    Scientific conferences, Transfer of Science or Research
    German


     

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