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01/13/2026 09:51

Neue Studie: Leipziger Forschungsteam entdeckt mögliches Pestmassengrab bei Erfurt

Susann Sika Stabsstelle Universitätskommunikation / Medienredaktion
Universität Leipzig

    Ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Leipzig hat deutliche Hinweise auf ein Massengrab der Pestzeit im Umfeld der mittelalterlichen Dorfwüstung Neuses bei Erfurt entdeckt. Es handelt sich dabei um den ersten durch systematische Suche gefundenen Begräbnisort der Opfer des „Schwarzen Todes“ in Europa. Die Studie unter Federführung der Universität Leipzig, des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ ist gerade in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „PLOS One“ erschienen.

    Das wissenschaftliche Team hat historische Quellen, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen miteinander kombiniert, um ein Massengrab zu identifizieren, das den schriftlich überlieferten Pestgruben aus dem 14. Jahrhundert entspricht.

    Ein neues Fenster in die verheerendste Pandemie Europas

    Der Pestpandemie von 1346 bis 1353, bekannt als „Schwarzer Tod“, fiel je nach europäischer Region bis zur Hälfte der mittelalterlichen Bevölkerung zum Opfer. In Mitteleuropa gehört Thüringen zu den östlichsten Regionen, die von der Pest betroffen waren. Zeitgenössische Chroniken berichten, dass während des Ausbruchs von 1350 rund 12.000 Tote in elf großen Gruben außerhalb der Stadt Erfurt bestattet wurden. Deren genaue Lage war jedoch bislang unbekannt. Mit elektrischen Widerstandskartierungen des Untergrundes und Sedimentbohrungen konnte das Team die Oberfläche der mittelalterlichen Landschaft rekonstruieren und eine großflächige Untergrundstruktur (etwa 10 Meter mal 15 Meter x 3,5 Meter) mit stark durchmischtem Sediment sowie menschlichen Knochenfragmenten nachweisen. Radiokohlenstoffanalysen datieren die in den Bohrungen gefundenen menschlichen Überreste eindeutig ins 14. Jahrhundert. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben. Endgültige Klarheit kann allerdings erst im Zuge einer geplanten archäologischen Grabung dieses Befundes erlangt werden“, erklärt Dr. Michael Hein, Hauptautor und Geograph an der Universität Leipzig. „Eine große Errungenschaft der Studie besteht jedoch darin, dass dieser Fund nicht zufällig während einer Baumaßnahme, sondern im Rahmen einer interdisziplinären Prospektion gemacht wurde, die naturwissenschaftliche Methoden mit historischen Quellen verknüpft“, ergänzt Dr. Ulrike Werban vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

    Die Landschaft als Geschichtsarchiv

    Die Forschenden zeigen, dass die natürlichen Bodenverhältnisse – fruchtbare Schwarzerde-Böden und feuchte Auenböden – die Siedlungs- und Begräbnispraxis im Mittelalter prägten. Das rekonstruierte Siedlungsareal des ehemaligen Dorfes Neuses sowie auch das identifizierte mögliche Pestgrab liegen am Talrand des Flusses Gera im trockeneren Schwarzerde-Bereich. Der feuchte Auenboden wurde offenbar als ungeeignet für die Beisetzung empfunden, da Zersetzungsprozesse auf nassen Standorten langsamer ablaufen. „Das entspricht nicht nur modernen Erkenntnissen, sondern auch der mittelalterlichen ‚Miasma-Theorie‘, die besagt, dass Krankheiten von ‚schlechter Luft‘ oder Dämpfen verbreitet werden, welche von verrottendem organischem Material ausgehen“, betont Dr. Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO).

    Auf den feuchten Standorten wäre die Seuche nach damaligen Vorstellungen also weniger gut einzudämmen gewesen. Dies erklärt auch, in Kombination mit rechtlichen und politischen Faktoren, die Wahl eines Standorts weit außerhalb der Stadtmauern. „Durch die Verknüpfung historischer, geophysikalischer und bodenkundlicher Methoden konnten wir die Landschaft als Archiv lesen“, fügt Michael Hein an. „Dieses Vorgehen könnte künftig helfen, auch andere Epidemie- oder Konfliktgräber gezielt zu identifizieren und zu schützen.“

    Wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung

    Bestätigte und präzise datierte Pestmassengräber aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ sind europaweit äußerst selten – weniger als zehn sind bisher bekannt. Der Fund bei Erfurt ergänzt einerseits einen wichtigen Aspekt zur mittelalterlichen Geschichte Erfurts, die durch die Verleihung des UNESCO-Weltkulturerbe-Titels 2023 auch ein touristischer Faktor ersten Ranges geworden ist.

    Das lokalisierte Pestgrab eröffnet nun aber auch die Gelegenheit für zukünftige genetische und anthropologische Analysen, um mehr über die Evolution des Erregers Yersinia pestis, die Gründe für die hohe Sterblichkeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen zu erfahren. Darüber hinaus liefert das Projekt ein Modell für schonende archäologische Prospektion, das auch für Denkmalpflege und forensische Forschung von großer Bedeutung ist.

    In Zusammenarbeit mit dem Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologiesind nun weiterführende Ausgrabungen geplant, die auch Material für genetische Untersuchungen am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (MPI EVA, Leipzig) liefern sollen. „Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam“, sagt Prof. Dr. Christoph Zielhofer, Leiter der Arbeitsgruppe „Historische Anthroposphären“ am LeipzigLab der Universität Leipzig. „Er hilft uns zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen und wie moderne, interdisziplinäre Forschung helfen kann, die Standorte von Massengräbern zu lokalisieren – Themen, die leider bis ins 21. Jahrhundert aktuell bleiben.“ Neben der Universität Leipzig, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung -UFZ und dem GWZO waren an der Studie Forschende der Eberhard Karls Universität Tübingen, des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologieund Archäologie sowie der Leuphana Universität Lüneburg beteiligt.


    Contact for scientific information:

    Dr. Michael Hein
    Universität Leipzig – LeipzigLab-Arbeitsgruppe „Historische Anthroposphären“
    E-Mail: m.hein@uni-leipzig.de


    Original publication:

    https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0337410
    "What the landscape can tell: An integrative stratigraphic prospection approach to localize a Black Death mass grave in Erfurt/Central Germany“, DOI: 10.1371/journal.pone.0337410


    Images

    Die Co-Autoren der Studie Nik Usmar (links) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen durch, um ein mittelalterliches Pest-Massengrab bei Erfurt zu lokalisieren.
    Die Co-Autoren der Studie Nik Usmar (links) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen d ...
    Source: Miriam Posselt
    Copyright: Miriam Posselt


    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars
    Geosciences, History / archaeology, Social studies
    transregional, national
    Scientific Publications, Transfer of Science or Research
    German


     

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