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Wissenschaft
Studie liefert wichtige Erkenntnisse für den Naturschutz
Wenn Arten Veränderungen in ihrer Umwelt ausgesetzt sind, können sie in ihrem aktuellen Lebensraum überleben, indem sie sich genetisch an die neuen Bedingungen anpassen. Diese Fähigkeit ist jedoch nicht unbegrenzt. In einer in PNAS veröffentlichten Studie zeigt die Biomathematikerin Jitka Polechová von der Universität Wien, dass es selbst bei nur allmählich voranschreitenden Umweltänderungen einen Kipppunkt gibt, an dem die Anpassung plötzlich scheitern kann. Wenn dies geschieht, können die Verbreitungsgebiete von Arten schrumpfen oder Populationen in separate Teilpopulationen zerfallen.
Die Faktoren zu verstehen, die die Grenzen der Anpassung bestimmen, ist unerlässlich, um vorherzusagen, wie Arten auf den Klimawandel und andere Umweltbelastungen reagieren werden. Bislang haben theoretische Ansätze ökologische und evolutionäre Prozesse weitgehend getrennt betrachtet. In der Natur werden Populationen jedoch durch das Zusammenspiel beider Prozesse geprägt. Die neue Studie untersucht, unter welchen Bedingungen Populationen in der Lage sind, ausreichend genetische Variation aufrechtzuerhalten, um sich an Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen, und wann die Anpassungsfähigkeit an ihre Grenzen stößt.
Ein Kipppunkt bei der Anpassung
Die Studie entwickelt quantitative, überprüfbare Vorhersagen dafür, unter welchen Bedingungen sich Populationen anpassen können und wo die Grenzen dieser Anpassungsfähigkeit liegen. Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem drei messbare Faktoren bestimmen, ob Arten sich an Umweltänderungen anpassen können und ob sich ihre Verbreitungsgebiete ausdehnen oder zusammenbrechen: die Geschwindigkeit der Umweltänderung, das Ausmaß räumlicher Variation in der Umwelt und die Stärke sogenannter genetischer Drift – der zufälligen Schwankungen in der Häufigkeit genetischer Varianten in kleinen Populationen.
Die Studie zeigt, wie Anpassung plötzlich scheitern kann. Wenn sich die Umweltbedingungen ändern, passt die genetische Zusammensetzung einer Population immer weniger zu ihrer Umgebung. Die Größe einer lokalen Population kann dann abnehmen und sie dadurch anfälliger für genetische Drift machen. Wenn Drift im Verhältnis zu Selektion stärker wird, gehen Varianten, die für die Anpassung wichtig sind, leichter verloren. Dies führt zu einem Rückgang der genetischen Vielfalt und erschwert dadurch wiederum die Anpassung, wodurch eine Abwärtsspirale entsteht. Wenn die genetische Varianz schwindet und Populationen sich nicht mehr an veränderte Bedingungen anpassen können, zieht sich das Verbreitungsgebiet immer weiter zusammen oder die Population zerfällt plötzlich in räumlich getrennte Teilpopulationen.
Warum genetische Drift wichtig ist
Ein entscheidender Faktor ist hierbei die sogenannte "Nachbarschaftsgröße" – die Anzahl der Individuen in einem lokalen Gebiet, die miteinander Gene austauschen. Ist der lokale Genpool klein, haben zufällige Verschiebungen in der Häufigkeit genetischer Varianten – genetische Drift – einen starken Einfluss. Ein stärkerer Austausch von Genen zwischen Subpopulationen kann dem entgegenwirken, indem er mehr Varianten einbringt und die Stärke der genetischen Drift verringert, wodurch die genetische Variation erhalten bleibt. Eine größere Nachbarschaftsgröße kann daher Populationen helfen, sich unter voranschreitenden Umweltveränderungen weiter anzupassen und zu überleben.
Implikationen für die Erhaltung von Arten
Die Studie liefert einen theoretischen Rahmen für den Naturschutz, der konkrete, überprüfbare Vorhersagen macht. Sie zeigt, dass selbst allmähliche Umweltveränderungen Populationen an einen Kipppunkt bringen können, jenseits dessen sie plötzlich zusammenbrechen. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, den Austausch genetischer Varianten zwischen Populationen aufrechtzuerhalten. Sie identifiziert, wann Maßnahmen zur Verbesserung der Konnektivität zwischen Populationen besonders vorteilhaft sein können, um Populationen über einer kritischen Schwelle zu halten und ihr Anpassungspotenzial zu erhalten.
Über die Studie
Die Studie entwickelt einen Rahmen, der ökologische Prozesse wie Populationswachstum und räumliche Bewegungen von Individuen und evolutionäre Mechanismen wie Selektion und genetische Drift (die zufälligen Veränderungen in der Häufigkeit genetischer Varianten) zusammenführt. Mithilfe analytischer Ansätze und individuenbasierter Simulationen untersucht sie, wie Populationen räumlich und zeitlich auf Umweltveränderungen reagieren, und leitet quantitative, überprüfbare Vorhersagen über die Grenzen der Anpassung her. Sie zeigt, dass Vorhersagen grundlegend anders sein können, wenn die Wechselwirkungen zwischen ökologischen und evolutionären Prozessen berücksichtigt werden, als wenn diese jeweils unabhängig betrachtet werden.
Zusammenfassung
• Wechselwirkungen zwischen ökologischen und evolutionären Prozessen können zu einem Kipppunkt führen, an dem die Anpassungsfähigkeit einer Population zusammenbricht.
• Eine kritische Schwelle entscheidet darüber, ob sich Populationen anpassen, fortbestehen oder zusammenbrechen.
• Ein größerer Genaustausch zwischen benachbarten Populationen kann deren Anpassungsfähigkeit stärken.
• Selbst allmähliche Umweltänderungen können zu einer plötzlichen Fragmentierung der Verbreitungsgebiete von Arten führen.
• Die Studie liefert Erkenntnisse zu Vorhersagen, die für den Naturschutz von unmittelbarer Bedeutung sind.
Über die Universität Wien:
Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt. Mit über 180 Studien und mehr als 10.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.
Jitka Polechová, PhD
Institut für Mathematik
Universität Wien
1090 Wien, Oskar-Morgenstern-Platz 1
jitka.polechova@univie.ac.at
T +43-664-374-1607
Polechová J. (2026) Evolution of Species' Range and Niche in Changing Environments. In PNAS.
DOI: 10.1073/pnas.2604510123
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2604510123
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars
Biology, Environment / ecology, Mathematics
transregional, national
Research results, Transfer of Science or Research
German

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