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14.04.1999 20:08

100 Jahre Frauenstudium - Baden lag an der Spitze

Dr. Michael Schwarz Kommunikation und Marketing
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

    Zum Studium der Medizin geeignet! - Vor 100 Jahren beschloß der Bundesrat, "weibliche Aerzte" ausbilden zu lassen - 1906 wurde Anna Martha Kannegiesser als erste Frau an der Medizinischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg promoviert - 763 Ärztinnen sind an der Medizinischen Fakultät zwischen 1906 und 1945 promoviert worden

    "Der Bundesrath hat in seiner Sitzung am 20. ds. Mts. den Beschluss gefasst, dass auch Frauen zu den medizinischen Prüfungen, sowie zu den Prüfungen der Zahnärzte und Apotheker im Deutschen Reiche zugelassen werden sollen." - Wollte man eine Geschichte scheinbar lapidarer Meldungen von allergrößter Bedeutung schreiben, so müßte diese knappe Nachricht vom 22. April 1899 sicherlich berücksichtigt werden. Wie sperrig ihr Inhalt den Redakteuren der Zeitschrift "Medicinische Reform" in jenen Tagen noch war, zeigt schon deren Überschrift "Weibliche Aerzte" - den Begriff 'Ärztin' gab es noch garnicht! Allein die Vorstellung weiblicher Hochschul(aus)bildung und Intellektualität muß wohl für viele, wenn nicht für die meisten Männer jener wilhelminischen
    maskulin-autoritären Epoche, ein extremes kulturhistorisches Trauma gewesen sein.
    Die generelle Forderung nach Zulassung von Frauen zum Studium an deutschen Universitäten im Gewande einer Reichstagspetition hatte dort am 11. März 1891 noch "ungeheure Heiterkeit" ausgelöst. So berichtet die erste deutsche Ärztin der neueren Zeit, Franziska Tiburtius (1843-1927) in ihren Lebenserinnerungen. Dr. Tiburtius war zwar 1876 in Zürich medizinisch promoviert worden, hatte in Deutschland zunächst allerdings lediglich als Heilpraktikerin arbeiten dürfen. Tatsächlich sollte es noch 9 Jahre dauern, bis 1900 im Großherzogtum Baden Frauen rückwirkend zum Wintersemester 1899/1900 die Immatrikulation an den beiden Universitäten des Landes, in Freiburg und Heidelberg, gestattet wurde. Damit war Baden Vorbild für die Zulassung von Frauen zum Studium in Deutschland, was für das wissenschaftsfreundliche Klima des kleinen Bundesstaates durchaus spricht. Bayern und Württemberg folgten 1903/4, Preussen erst zum Wintersemester 1908/1909; Schlußlicht war Mecklenburg im Sommersemester 1909. Frauen studierten nun an allen deutschen Universitäten und standen damit deutlich gegen das alte männliche Vorurteil weiblicher Bildungsunfähigkeit.

    "Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frau oder Jungfrauen übeler anstehet, als wenn sie klug sein will", so hatte bereits der Reformator Martin Luther seiner intellektuellen Misogynie Ausdruck verliehen. Und sein Vorurteil lebte durchaus fort. "Gelehrte Weiber" waren noch um 1800 dem 'aufgeklärten' Gelehrten Christoph Meiners so "unerträglich", daß er hoffte, baldmöglichst "das ganze Gezüchte ausgerottet" zu sehen. Und während sich im 19. Jahrhundert die übrigen Kulturnationen der Welt anschickten, Frauen zum Universitätsstudium endlich zuzulassen (USA 1833, Frankreich 1863, Schweiz 1864, England 1869, Holland 1878), pflegten deutsche Gelehrte die alten Vorurteile selbstgefällig weiter. Man(n) war sich einig: "Frauen sind nicht zur Pflege der Wissenschaften berufen" und der "wahre Geist der exakten Naturwissenschaften" werde "dem Weibe stets verschlossen bleiben". Gerade Ärzte bildeten noch um 1900 die Spitze dieser Phalanx gegen das Frauenstudium. Und sie begründeten ihre Vorurteile meist physiologisch. So meinte kein geringerer als der Straßburger Internist Ernst von Leyden, "den Satz aufstellen" zu dürfen, "daß die physischen Kräfte der Frau geringer [seien], als die des Mannes, ebenso wie die geistige Begabung der Frau im Durchschnitt geringer [sei] als die des Mannes". Auch der Berliner Chirurg Ernst von Bergmann hielt "die Frauen zum akademischen Studium und zur Ausübung der durch dieses Studium bedingten Berufszweige, für in körperlicher wie geistiger Beziehung für völlig ungeeignet". Und für den Straßburger Gynäkologen Wilhelm Alexander Freund war die intellektuelle Unfruchtbarkeit der Frau deshalb vollkommen einleuchtend: "Noch niemals hat sich eine Frau eine große wissenschaftliche Aufgabe gestellt; niemals ist ihr die Lösung einer selbst leichten Aufgabe in origineller Weise geglückt." Nimmt es vor diesem Hintergrund Wunder, daß sich 1900 der Arzt Paul J. Möbius "Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes" zu veröffentlichen für berechtigt hielt und noch 1910 Max Funke in einer Druckschrift zu fragen wagte, "Sind Weiber Menschen?" - Natürlich waren sie es nicht! "Mulieres homines non sunt!", so der Darlegungsversuch des Autors "auf Grund wissenschaftlicher Quellen".

    Im Jahre 1910 jedoch war Funke längst nicht mehr auf der Höhe der Entwicklung, denn alle deutschen Länderregierungen hatten inzwischen Frauen an ihren Universitäten uneingeschränkte Immatrikulationsmöglichkeiten gewährt. Von Gleichberechtigung mit ihren männlichen Kommilitonen konnte freilich keine Rede sein. Besonders in Preußen, das seinen Professoren bis 1918 Sonderrechte bei der Auswahl von Studenten zusicherte, blieb die Diskriminierung von Studentinnen an der Tagesordnung. Der Weg der Frauen in die Medizin war außerordentlich beschwerlich und vielfach nur unter Inkaufnahme hämischer Kommentare und bösartiger Angriffe möglich. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts kam die Vorstellung, daß eine Frau eine männliche Leiche seziert, für viele deutsche Universitätsmediziner einer entsetzlichen Vision gleich. So weigerte sich etwa der Berliner Anatom Wilhelm Waldeyer standhaft, Studentinnen und Studenten gemeinsam zu unterrichten. Er ließ statt dessen Medizinstudentinnen in einer Dachkammer des Instituts separat unterrichten. Nicht immer waren es moralische Argumente, die der medizinischen Koedukation entgegenstanden. Bisweilen gaben die Professoren auch schlicht vor, die monatlichen Unpäßlichkeiten der Studentinnen nicht akzeptieren zu können. Sie fürchteten mögliche Gerüche und verbannten deren vermeintliche Produzentinnen in die hinteren Reihen der Hörsäle. Aber auch Verdrängungsängste lehrten Männer um 1900 das Fürchten. "Die in Aussicht stehende weibliche Konkurrenz" drohe, das akademische "Proletariat" weiter zu "vergrößern", fürchtete Prof. Friedrich Albrecht Weber. Immerhin, am 30. März 1901 legte Ida Democh als erste deutsche Frau in Halle ein medizinisches Staatsexamen ab, die medizinische Promotion einer Frau zuzulassen, entschloß sich 1905 die Berliner Fakultät. Aber es sollten noch 13 weitere Jahre und ein mörderischer Weltkrieg ins Land gehen, bis sich Dr. med. Adele Hartman 1918 als erste deutsche Frau in Berlin - für das Fach Anatomie - habilitieren durfte. Das generelle Habilitationsrecht für Frauen war erst 1920 in der Weimarer Republik erstritten. Bis zu diesem Jahr war seit 1907 der Anteil der Studentinnen an deutschen Universitäten von 0,5% (306) auf 7,5% (8.676) gestiegen. Durchschnittlich 25% von ihnen studierten Medizin. Das "Bedürfnis nach weiblichen Aerzten", so die Deutsche Medizinische Wochenschrift am 20. November 1919, sei nun "dringend und lebhaft" geworden. Frauen hatten im Medizinstudium auch längst ihre wissenschaftlichen Qualifikationen durch Promotionen unter Beweis gestellt. So in Heidelberg.

    Als am 26. Februar 1906 Anna Martha Kannegiesser als erste Frau an der medizinischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität mit einer pädiatrischen Dissertation "Über intermittierende und cyklisch orthotische Albuminurie" promoviert wurde, konnte die Barmer Großkaufmannstochter wohl kaum ahnen, daß noch mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen sollte, bis auch im medizinischen Frauenstudium de jure die volle Gleichberechtigung durchgesetzt und daß ein Gleichstand von Ärztinnen und Ärzten hinsichtlich des Promotionsverhaltens an der Heidelberger Fakultät bis zum Ende des Jahrhunderts immer noch nicht erreicht sein würde. Anna Martha Kannegießer war in mancher Hinsicht eine typische Repräsentantin der ersten deutschen Medizinerinnengeneration. Sie entstammte dem gehobenen Bürgertum und hatte nach der Maturitätsprüfung in Zürich (1900) dort auch, wie viele ihrer deutschen Kommilitoninnen, die ersten zwei Semester Medizin studiert. Zum dritten Studiensemester wechselte sie 1901 zunächst ins Großherzogtum Baden. Nach drei Semestern in Freiburg bestand sie dort 1902 ihr Physikum, wechselte dann nach Leipzig, Berlin und Heidelberg, wo ihr nach dem bestandenen Staatsexamen 1904 Approbation erteilt wurde.

    Daß Herkunft, Bildung und medizinischer Werdegang der ersten in Heidelberg promovierten Ärztin und der meisten übrigen ihrer Heidelberger Kommilitoninnen nunmehr zumindest bis zur Promotion rekonstruiert werden können, ist das wesentliche Verdienst einer neuerdings von Ulrike Englert vorgelegten Studie. Englerts Aufgabe war es, unter Auswertung des Deutschen Hochschulschriftenverzeichnisses Heidelberger Ärztinnenpromotionen zwischen 1906 und 1945 bibliographisch zu erfassen, die entsprechenden Dissertationen zu sichten und unter Zuhilfenahme der den Arbeiten meist angefügten Biographien eine erste einfache Übersicht über Herkunft, Bildung und ärztliche Ausbildung Heidelberger Promovendinnen im Fach Medizin bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reichs 1945 zu erstellen. Unter Heranziehung des verfügbaren hochschulstatistischen Materials sollte sie zugleich Rahmendaten zu den geschlechtsspezifischen Studierenden- und Promovendenzahlen zusammenstellen, was bis zum Abbrechen der allgemeinen deutschen Hochschulstatistik nach dem Sommersemester 1938 möglich war.

    Wenn bedacht wird, daß wir bislang so gut wie keine Details über das frühe medizinische Frauenstudium in Heidelberg kennen, so hat die neue medizinhistorische Studie nicht nur Neuland betreten, sondern auch einen wichtigen ersten Beitrag zu diesem Aspekt der neueren Fakultätsgeschichte geleistet. Ihre Ergebnisse bestehen zunächst aus den mühsam ermittelten Zahlen; hier nur wenige Beispiele: 763 Ärztinnen sind an der Medizinischen Fakultät der Ruperto Carola zwischen 1906 und 1945 promoviert worden. Verglichen mit ihren männlichen Kommilitonen ist ihr Promotionsanteil immer extrem geringer, aber er steigt nahezu kontinuierlich. Ende 1910 kommen in Heidelberg auf 10 Frauendissertationen noch 115 Männerdissertationen, Ende 1915 wohl auch kriegsbedingt nur noch 10 auf 75, Ende 1920 aufgrund des starken Zurückdrängens der bis 1918 kriegsgebundenen Kommilitonen ins unterbrochene oder promotionslos beendete Medizinstudium wieder 10 auf 108. Im Jahre 1925 sinkt die Proportion dann wieder auf 10 zu 65, um Ende 1945, trotz der durchaus frauenfeindlichen Hochschulpolitik der Nationalsozialisten, vor allem aber wegen der kriegsbedingten Studienunterbrechungen ihrer Kollegen auf ein immer noch bestehendes Mißverhältnis von 10 gegen 38 zu fallen. - Interessant ist auch die Veränderung des Herkunftsspektrums der Promovendinnen, besonders wenn Baden mit Preußen verglichen wird. Lagen die prozentualen Verhältnisse Baden/Preußen im Zeitraum von 1906 bis 1918 noch bei 14.5:50 (In Preußen waren Frauen erst seit WS 1908/9 immatrikuliert!), so veränderten sich die Verhältnisse in der Weimarer Republik auf 21:23 und weiter unter der NS-Diktatur auf 36:26.

    Inhaltlich unterschieden sich die Dissertationsthemen der Ärztinnen kaum von denen der Ärzte des untersuchten Zeitraums. Auffällig ist jedoch der mit 18,6% dominante Anteil gynäkologischer Dissertationsthemen, gefolgt von Pathologie (10,2%), Chirurgie (9,6%), Zahn- (9,0%) und Kinderheilkunde (6,6%). Sehr selten hat man jedoch den Eindruck, daß die wohl in den meisten Fällen männlichen Betreuer der Arbeiten ihren Doktorandinnen mit dem Thema besondere "Härten" auferlegt hätten, sieht man einmal von Brigitte Ottos Arbeit "Über die hygienischen Verhältnisse der Abortanlagen in Gaststätten einer südwestdeutschen Universitätsstadt" (1942), von Karola Eibels "Beiträge(n) zur Hygiene des Schlafzimmers und des Bettes" (1933), von Susanna Hupfers Untersuchungen "Über Schwangerschaftsgelüste" (1929) oder Meta Rheinboldts "Kohabitationstermin und Geschlecht des Kindes" (1919) ab.

    Häufig liegen die Ärztinnen mit ihren Dissertationsthemen hart an der jeweils aktuellen Forschungsfront ihres Fachgebietes, so etwa Toni von Langsdorf mit ihrer Untersuchung "Über das Verhalten der Erythrozytenzahlen und der Blutviskosität nach Bluttransfusionen" (1911) oder Ida Goldmann mit ihrem "Beitrag zur Behandlung der Leukämie mit Röntgenstrahlen" (1919) oder Leni Alberts durch ihre Untersuchung über die "Einwirkungen des Mescalins auf komplizierte psychische Vorgänge" (1921). In der NS-Zeit ist keine auffällige Häufung "zeittypischer" Themen festzustellen, sieht man einmal von drei Arbeiten zur Sterilisationsgesetzgebung (1938, 1939, 1940) und zwei Untersuchungen zu Inzuchtfragen (1938, 1940) ab.

    Wolfgang U. Eckart

    Rückfragen bitte an:
    Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart
    Universität Heidelberg
    Institut für Geschichte der Medizin
    Tel. 06221 548212, Fax 545457
    wolfgang.eckart@urz.uni-heidelberg.de

    oder: Dr. Michael Schwarz
    Pressesprecher der Universität Heidelberg
    Tel. 06221 542310, Fax 542317
    michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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