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11.05.1999 00:00

Jede zweite Röntgenuntersuchung wäre vermeidbar

Dipl. Biol. Barbara Ritzert Pressearbeit
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

    SPERRFRIST: 11. Mai 1999, 11.00 Uhr

    (Wiesbaden) In Deutschland könnte schätzungsweise auf die Hälfte der jährlich 100 Millionen Röntgenuntersuchungen verzichtet werden, ohne die Qualität ärztlichen Handelns einzuschränken. Kosteneinsparung: 800 Millionen Mark. Da jedoch im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern in Deutschland jeder Arzt "nebenbei" röntgen dürfe, sei ohne einschneidende gesetzliche Maßnahmen eine rasche Änderung kaum zu erzielen, kritisiert die Deutsche Röntgengesellschaft anläßlich ihres Jahreskongresses in Wiesbaden.

    In Deutschland wird zuviel geröntgt. Nach einer Erhebung des Bundesamtes für Strahlenschutz wurden in deutschen Kliniken und Praxen im Jahr 1994 jährlich mehr als 100 Millionen Röntgenuntersuchungen durchgeführt. Hinzu kamen weitere 23 Millionen Untersuchungen durch Zahnärzte. Die Zahl lag damit um etwa sechs Prozent höher als im Erhebungszeitraum 1992. Rund 70 Prozent der nicht-zahnärztlichen Röntgenuntersuchungen werden derzeit von niedergelassenen Ärzten erbracht.
    Obwohl in sämtlichen Staaten der Europäischen Union nur dafür ausgebildete Fachärzte röntgen dürfen, kann in Deutschland jeder approbierte Arzt die Methode einsetzen, wenn er eine kurze Zusatzausbildung absolviert hat. Er muß lediglich "eingehende Kenntnisse mit bildgebenden Verfahren" vorweisen. "Eine fest verankerte und struktuierte radiologische Weiterbildung ist nicht erforderlich", kritisiert Professor Günter Kauffmann, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG). Da sie vergleichsweise einfach zu erlangen ist, haben nach Meinung der DRG daher zu viele Internisten, Chirurgen und Orthopäden die Möglichkeit zum Röntgen.
    Die Folge dieser "Teilgebietsradiologie" genannten deutschen Besonderheit: Nur jede fünfte Röntgenuntersuchung in der Arztpraxis wird von einem Radiologen vorgenommen: Von den insgesamt 77 Millionen Untersuchungen in Praxen, die das Bundesamt für Strahlenschutz 1994 ermittelt hat, stammen nur 16 Millionen von Radiologen.

    Die drei A der Selbstüberweisung: anordnen, ausführen, abrechnen

    Der Grund für dieses Ungleichgewicht ist das Phänomen der "Selbstüberweisung". Während der Radiologe nur dann tätig wird, wenn ein anderer Arzt die Untersuchung anordnet und ihm den Patienten dazu überweist, ordnen Teilgebiets-Radiologen die Untersuchung nicht nur an, sondern führen sie auch durch und rechnen entsprechend ab. So bleibt es nicht aus, daß - mit Ausnahme von Belgien - in keinem Land der Welt so viel geröntgt wird wie in Deutschland: statistisch werden jährlich pro Einwohner 1,24 Röntgenuntersuchungen angeordnet, insgesamt 100 Millionen.
    Die häufigste Röntgenuntersuchung in der Praxis, die der Gliedmaßen, wird zur Hälfte von Orthopäden durchgeführt. Die Radiologen kommen auf ganze vier Prozent. Von den 6,7 Millionen jährlichen ambulanten Röntgenuntersuchungen der Wirbelsäule werden 4,6 Millionen beim Orthopäden angefertigt. Und bei der Untersuchung des Brustkorbes, der zweithäufigsten ambulanten Röntgenaufnahme, werden 70 Prozent von Internisten, aber nur zehn Prozent von Radiologen erbracht.

    US Studie belegt: Eine "Lizenz zum Röntgen" verführt zur Verordnung

    Eine Studie aus den USA belegt: Ein internistischer Teilradiologe ordnet eine Röntgenuntersuchung beispielsweise vier bis fünfmal häufiger an als ein Internist, der mangels eigener Geräte seine Patienten zum Radiologen schickt. Das gilt im gleichen Ausmaß auch für das Röntgen bei Urologen und für Röntgenaufnahmen der Lendenwirbelsäule bei Orthopäden.
    Fazit von Radiologen-Präsident Günter Kauffmann: "Auch in Deutschland werden offensichtlich erheblich mehr Röntgenuntersuchungen durchgeführt als erforderlich und medizinisch vertretbar sind." Probleme sieht die Deutsche Röntgengesellschaft auch in der Qualität teilgebietsradiologischer Arbeit. Etliche Ärzte haben relativ wenig individuelle Erfahrung in der Röntgendiagnostik, was sich unweigerlich in der Qualität niederschlägt.
    Experten halten darum eine Verringerung der Röntgenuntersuchungen beim Teilgebietsradiologen um 35, wenn nicht sogar um 50 Prozent für möglich, ohne daß es zu einer "entscheidenden Informationsminderung ärztlichen Handelns" kommen würde. Überträgt man die Ergebnisse der US-Studie auf Deutschland bedeutet dies: Von den rund 12 Millionen jährlichen Röntgenuntersuchungen des Brustkorbes, die nicht von Fachradiologen stammen, sind schätzungsweise acht Millionen nicht unbedingt erforderlich. Und unter den 30 Millionen ambulanten Röntgenaufnahmen am Skelett dürften rund 23 Millionen entbehrlich sein. Jährliche Kostenersparnis allein beim Skelett-Röntgen: 520 Millionen Mark. Würde auf alle überflüssigen Untersuchungen verzichtet, ließen sich rund 800 Millionen Mark einsparen.

    Die nächste Bastion: Magnetresonanztomographie

    Inzwischen gibt es Bestrebungen, daß auch Untersuchungen mit der Magnet-resonanztomographie (MRT) von Ärzten verschiedener Fachrichtungen und nicht mehr nur von Radiologen erbracht werden dürfen. "Bislang wird nur ein kleiner Teil der jährlich etwa zwei Millionen Untersuchungen mit dieser Methode von Nichtradiologen selbständig durchgeführt", stellt Kauffmann fest. Bei einer Öffnung der MRT für nicht-radiologische Fachgebiete befürchtet die Deutsche Röntgen-gesellschaft daher "durch Selbstzuweisung eine Fehlentwicklung, die mit der Situation in der Ultraschall- und Röntgendiagnostik vergleichbar ist."

    Rückfragen an:
    Prof. Dr. med. Günter Kauffmann
    Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft
    Radiologische Universitätsklinik Heidelberg,
    Neuheimerfeld 110, 69120 Heidelberg,
    Tel. 06221-56-6410 oder- 6411, Fax: 06221-56-5730

    Pressestelle:
    Barbara Ritzert; ProScientia GmbH,
    Andechser Weg 17, 82343 Pöcking;
    Tel.: 08157-93 97-0; Fax: 08157-93 97-97
    e-mail: 100676.2433@compuserve.com

    Während des Kongresses:
    Rhein-Main-Hallen, Wiesbaden,
    Büro Nr. 3, I. OG,
    Rheinstraße 26, 65185 Wiesbaden;
    Tel: 0611-144-203; Fax: 0611-144-405;
    Ansprechpartner: Sabine Steimle


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


     

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