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27.07.1999 16:12

Enzyklopädie aus der Zeit des Niedergangs der Ming-Dynastie

Robert Emmerich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Mit einer naturwissenschaftlich-technischen Enzyklopädie aus dem China des 17. Jahrhunderts, die in der westlichen Welt bislang kaum beachtet wurde, setzt sich ein Projekt an der Universität Würzburg auseinander. Das Werk liefert den Wissenschaftlern auch aufschlussreiche Informationen über die damaligen politischen Verhältnisse.

    Die Enzyklopädie "Tiangong kaiwu" (Die Nutzung der natürlichen Vorkommen) aus der Feder des Beamtengelehrten Song Yingxing stammt aus dem Jahr 1637. Sie dokumentiert in 18 Kapiteln das technische und industrielle Wissen und die Erfahrungen Chinas bis zum frühen 17. Jahrhundert. Behandelt werden unter anderem die Bereiche Nahrungsmittel und Kleidung, Keramiken, Boots- und Wagenbau, Metallurgie, Papier, aber auch die Herstellung von Waffen, Wein und Schmuck.

    Bislang wurden nur wenige Kapitel separat bearbeitet. Kaum erforscht sind die Lebensumstände des Autors, die Entstehungsgeschichte der Enzyklopädie und die Bedeutung, die Songs Beschäftigung mit technischen und naturwissenschaftlichen Fragen für die damalige Gesellschaft und die Neubewertung der Wissensbereiche hatte. Diesen Bereich untersuchen Prof. Dr. Dieter Kuhn und Dr. Dagmar Schäfer vom Institut für Kulturwissenschaften Ost- und Südasiens der Universität Würzburg. Die Arbeit von Dr. Schäfer wird mit einem Habilitationsstipendium aus dem bayerischen Hochschulsonderprogramm III gefördert.

    Der Beamtengelehrte Song lebte in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs: Er erlebte den Niedergang der Ming-Dynastie und den Beginn der mandschurischen Fremdherrschaft. Seine Familie war gebildet, aber arm. Ohne Geld und Beziehungen blieb den rechtschaffenen Beamten in dieser Zeit des Zusammenbruchs die Tür zu einflußreichen Positionen verschlossen. Ähnlich wie er, zog sich ein Großteil der intellektuellen Elite ins Privatleben zurück.

    Auf diese Weise entwickelte sich, isoliert und ignoriert von den Machthabenden, ein reges geistiges Treiben. Die damalige Zeit kann durchaus als Zeitalter der Information und Neubewertung von Information betrachtet werden: Der in hohem Maße kommerzialisierte Buchdruck ermöglichte die schnelle Verbreitung neuer Ideen und neuen Wissens. Das Interesse an den materiellen, "unpolitischen" Aspekten des Lebens flammte wieder auf, was sich in der Veröffentlichung zahlreicher Arbeiten mit technischer und sachlicher Ausrichtung äußerte.

    Im chinesischen Verständnis sind Enzyklopädien nach Sachgebieten geordnete Sammelwerke des Wissens einer Gesellschaft. Eine große Bedeutung kam ihnen in der offiziellen konfuzianischen Beamtenausbildung als Lehrmaterial und Nachschlagewerk zu. Song leitet in seinem Werk jeden Themenbereich mit einer Bewertung des zivilisatorischen Nutzens des Produktes ein. Es folgt ein Abriss der benötigten Rohstoffe, der Werkzeuge und ihrer Verwendung sowie der notwendigen Verarbeitungsprozesse. Die Rohstoffe werden ebenso wie die Produkte nach Typus und Region klassifiziert. Die Angaben werden durch Erfahrungswerte untermauert, technische Entwicklungen chronologisch erläutert.

    Eine solch methodische Vorgehensweise ist bis dahin beispiellos. Damit erhebt sich für die Würzburger Forscher die Frage nach Songs Informationsquellen und nach seiner Intention: Wollte er vielleicht viel mehr schaffen als eine technische Enzyklopädie? Vielleicht ein neues Bild und eine neue Vorstellung von der Weltordnung? War Song Yingxing nur ein Enzyklopädist und Empiriker oder gar ein Aufklärer? Dr. Schäfer jedenfalls ist sich nach den bisherigen Forschungen an der Universität Würzburg sicher: "Der Inhalt des Tiangong kaiwu hat nicht nur eine technisch-informative Dimension, sondern ist politische Aussage!"

    Weitere Informationen: Prof. Dr. Dieter Kuhn und Dr. Dagmar Schäfer, T (0931) 888-5571, Fax (0931) 888-4617, E-Mail:
    dieter.kuhn@mail.uni-wuerzburg.de
    dagmar.schaefer@mail.uni-wuerzburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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