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28.11.2005 17:06

Sprache und Identität einer postkolonialen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung

Klaus P. Prem Presse - Öffentlichkeitsarbeit - Information
Universität Augsburg

    Die Augsburger Romanistin Ursula Reutner wurde für ihre Studie über die sprachliche und gesellschaftliche Entwicklung auf den Antillen seit der Anerkennung des Kreolischen mit dem Elise-Richter-Preis des Deutschen Romanistenverbandes ausgezeichnet.
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    Für ihre Dissertation über "Sprache und Identität einer postkolonialen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung. Eine Studie zu den französischen Antillen Guadeloupe und Martinique" ist die Augsburger Romanistin Dr. Ursula Reutner mit dem Elise-Richter-Preis 2005 ausgezeichnet worden. Dieser im zweijährigen Turnus vom Deutschen Romanistenverband verliehene Preis würdigt jeweils die beste sprachwissenschaftliche Dissertation der letzten beiden Jahre.

    Im Jahr 2000 wurde das Kreolische von Paris als Regionalsprache auf den französischen Antillen anerkannt, ein Jahr später folgte die Einführung eines entsprechenden Sekundarlehrerdiploms. "Mir ist es darum gegangen", fasst Reutner die Zielsetzung ihrer Studie zusammen, "die Vorgeschichte und die Auswirkungen dieser Entwicklung im Sprachverhalten und -bewusstsein auf den französischen Antillen aufzuzeigen. Auf der Grundlage von Gesprächen mit Personen des öffentlichen Lebens und Vertretern unterschiedlicher Schichten sowie einer systematischen Enquete mit 60 Studentinnen und Studenten habe ich versucht, die derzeitige Verwendung von Französisch und Kreolisch im Detail zu charakterisieren. Mein Ziel war es darüber hinaus, das heutige Sprachdenken zwischen regionalem Identitätsverständnis und globaler Verflechtung festzuhalten und zu analysieren."

    SPRACHPRESTIGE UND SOZIALPRESTIGE HAND IN HAND

    Die sprachliche Situation der beiden bis heute zu Frankreich gehörenden Karibikinseln Guadeloupe und Martinique ist durch die Koexistenz von Französisch und Kreolisch gekennzeichnet. Da auf den französischen Antillen ebenso wie im französischen Mutterland Sozialprestige und Sprachprestige Hand in Hand gehen, war Französisch traditionellerweise die Sprache der Herrschenden und des sozialen Aufstiegs, Kreolisch hingegen die der Sklaven und - nach Abschaffung der Sklaverei - der Erfolglosen schlechthin. Erst die Regionalismusbewegung hat mit dem Stellenwert der Sprache als wertvollem Kriterium lokaler kultureller Identität die traditionelle französische Haltung zumindest offiziell modifiziert. Das führte schließlich im Jahre 2000 zur Anerkennung des Kreolischen als Regionalsprache und 2001 zum Sekundarlehrerdiplom CAPES de créole. Reutners Studie gibt einen Überblick über die aktuelle Sprachsituation, zu der diese Entwicklung bislang geführt hat, und über entsprechende Veränderungen im Sprachdenken, die eingetreten sind.

    INZWISCHEN FAKTISCH ZWEI MUTTERSPRACHEN

    Unter anderem kommt die Augsburger Sprachwissenschaftlerin zu dem Ergebnis, dass der Begriff der Muttersprache bei der jungen Generation insgesamt in der Regel doppelt belegt ist. Zwar sprechen viele Eltern mit ihren jüngeren Kindern - außer, wenn sie erregt sind - vorwiegend Französisch. Im Zusammensein mit Gleichaltrigen wird jedes Kind aber auch bald mit dem Kreolischen konfrontiert. Als "Sprache der Erwachsenen" sind das Kreolische und seine Beherrschung für die Kinder von besonderem Reiz. Von der Hälfte der Befragten wird es heute auch mit den Eltern gesprochen. Im Elternhaus eines guten Drittels der Studentinnen und Studenten wurden auch schon während der Kindheit beide Sprachen gleichberechtigt gepflegt. Auf die Frage nach dem eigenen sprachlich-kulturellen Standpunkt entgegnen mehr als die Hälfte der Befragten, sich ebenso Frankreich wie auch den Antillen zugehörig zu fühlen. Und selbst unter denen, die einer der beiden Sprachen bzw. Kulturen den Vorrang geben, findet sich kaum jemand, der nicht auch mit der jeweils anderen eine größere Affinität verbindet. Ähnliches gilt für diejenigen, die sich bei der direkten Frage nach der Muttersprache für eine der beiden Sprachen entscheiden. Doch mehrheitlich wird sogar explizit Französisch und Kreolisch angegeben.

    "KREOLISIERTE" IDENTITÄTEN

    "Die Zeiten jedenfalls, in denen angestrebt wurde, die schwarze Haut und damit die schwarze Identität unter weißen Masken zu verstecken - wie es von Frantz Fanon 1952 in seinem Essay "Peau noir, masques blancs" beschrieben wurde -, gehören unter verschiedenen Perspektiven immer mehr der Vergangenheit an", stellt Reutner fest. Dem Antillais, der durch die Bewegungen der Négritude, Antillanité und Créolité und auch durch die zumindest oberflächlich modifizierte Haltung des Mutterlandes von vielen Minderwertigkeitskomplexen befreit wurde, sei es heute auch möglich, auf die kreolischen Merkmale der eigenen Persönlichkeit stolz zu sein; er könne diese Merkmale als identitätsstiftend anerkennen, ohne dabei zugleich die französischen Wesenszüge zu negieren. Damit verweist Reutners Untersuchung auf eine mehrfach konstituierte Identitätsstruktur, wie sie sich als Folge des Aufbrechens nationalstaatlich geprägter Ideologien inzwischen auch anderswo abzeichnet. Auf den beiden von ihr untersuchten Antilleninseln sei aus der kollektiven Katastrophe der Sklaverei eine gesellschaftliche Situation entstanden, die zur Avantgarde der global zu beobachtenden Verbreitung und Vervielfachung "kreolisierter" - also aus unterschiedlichen Elementen sich formender - Identitäten zu zählen sei, resümiert Reutner.

    WAS IST ZWEISPRACHIGKEIT, WAS IST SPRACHBEWUSSTSEIN?

    Neben diesen Erträgen liefert Ursula Reutners Studie angesichts der besonderen Verhältnisse, die sie auf den Antillen vorfindet und analysiert, auch wichtige Beiträge für die Allgemeine Sprachwissenschaft - darunter solche zu einer differenzierten Betrachtung der Begriffe Zweisprachigkeit und Sprachbewusstseins.
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    URSULA REUTNER: SPRACHE UND IDENTITÄT EINER POSTKOLONIALEN GESELLSCHAFT IM ZEITALTER DER GLOBALISIERUNG. EINE STUDIE ZU DEN FRANZÖSISCHEN ANTILLEN GUADELOUPE UND MARTINIQUE (= KREOLISCHE BIBLIOTHEK, BD. 20), HAMBURG, BUSKE 2005, ISBN 3-87548-423-1.
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    KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
    Dr. Ursula Reutner
    Universität Augsburg
    Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft
    86135 Augsburg
    telefon 0821/598-5741
    ursula.reutner@phil.uni-augsburg.de
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    ANHANG I: ZUR AUTORIN
    Die Verfasserin ist Assistentin am Augsburger Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft bei Prof. Dr. Sabine Schwarze. Deren Vorgänger auf diesem Lehrstuhl, Prof. em. Dr. Dr. h. c. Lothar Wolf, hat Reutners Dissertation betreut und war ihr Erstgutachter, Zweitgutachterin war Prof. Dr. Annegret Bollée (Universität Bamberg).Ursula Reutner hat nach Aufnahme in die Studienförderung für besonders Begabte des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst an den Universitäten Bamberg und Paris IV-Sorbonne Anglistik, Galloromanistik, Hispanistik, Italianistik und Kunstgeschichte studiert. Sie war Lehrbeauftragte an den Universitäten Bayreuth und Bamberg und absolvierte Praktika u. a. bei der deutschen Botschaft in Quito, Ecuador, und dem Goethe-Institut in Chennai, Indien. Für Studien- und Forschungsaufenthalte in Brasilien, Frankreich, Italien, Kanada und den USA wurden ihr Stipendien unterschiedlicher Organisationen zuerkannt.

    ANHANG II: ZUM ELISE-RICHTER-PREIS
    Mit dem alle zwei Jahre anlässlich des Romanistentages verliehenen Elise-Richter-Preis zeichnet der Deutsche Romanistenverband herausragende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der Romanischen Philologie aus. Die fünfköpfige Jury besteht aus zwei DFG-Fachgutachtern, einem Herausgeber einer der romanistischen Fachzeitschriften sowie zwei Mitgliedern des Deutschen Romanistenverbandes. Der Preis trägt den Namen der Wiener Romanistin Elise Richter (1865-1943), die auf Grund ihrer innovativen wissenschaftlichen Leistungen als Namensgeberin gewählt wurde. 1907 erhielt sie als erste Frau in Österreich die Lehrberechtigung für romanische Philologie, 1922 als erste Frau den Titel Universitätsprofessor. Sie leitete das Phonetische Institut der Universität Wien und erforschte die physiologischen und psychologischen Grundlagen der Sprache.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Gesellschaft, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Die Augsburger Sprachwissenschaftlerin Dr. Ursula Reutner: Trägerin des Elise-Richter-Preises 2005


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