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26.01.2006 16:07

Kein erhöhtes Hirntumor-Risiko bei Nutzung von Mobil- und Schnurlostelefonen

Ingo Lohuis Medien und News
Universität Bielefeld

Deutscher Teil der Interphone-Studie veröffentlicht, die unter anderem
an der Universität Bielefeld durchgeführt wurde

Handys sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Deshalb ist es wichtig, genau zu überprüfen, ob ihr Gebrauch gesundheitsschädlich ist. Einen Beitrag dazu liefert die Interphone-Studie*, die unter anderen von der Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie und International Public Health der Universität Bielefeld durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Insgesamt gesehen wurde in Deutschland bei Nutzern von Handys und Schnurlostelefonen kein erhöhtes Risiko beobachtet, an einem Hirntumor (Gliom oder Meningeom) zu erkranken. Für Personen, die seit zehn Jahren Handys nutzen, wurde ein leicht erhöhtes Risiko für Gliome gefunden. Allerdings kann dieser Befund erst nach Abschluss der internationalen Auswertung bewertet werden, da dieses Ergebnis aufgrund der kleinen Fallzahl auch ein Zufallsbefund sein könnte.

Hintergrund für die Durchführung der Interphone-Studie

Mobiltelefone (Handys) und Schnurlostelefone emittieren - im Gegensatz zu "klassischen" Telefonen mit Schnur - hochfrequente elektromagnetische Felder. Zum Schutz der Bevölkerung gibt es Grenzwerte. Elektromagnetische Felder unterhalb dieser Grenzwerte verursachen nach derzeitigem Wissen keine Gesundheitsschäden. Da Handys und Schnurlostelefone direkt an den Kopf gehalten werden, kommt die Strahlenbelastung insbesondere durch die Handys den Grenzwerten aber relativ nahe.

Trotz fehlender konkreter Hinweise auf eine mögliche Gesundheitsschädigung entschloss sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) frühzeitig, wegen der starken Verbreitung der Mobilfunk-Technologie epidemiologische Studien durchzuführen. Insbesondere wollte die WHO untersuchen, ob die Nutzung von Handys ein höheres Risiko für Hirntumoren (Gliome, Meningeome und Akustikusneurinome) darstellt. Zu diesem Zweck wurde im Herbst 2000 eine internationale Studie in 13 Ländern begonnen, die von der "International Agency for Research on Cancer (IARC)" in Lyon koordiniert wird (Interphone-Studie).

In Deutschland wurde die Interphone-Studie gemeinsam von der AG Epidemiologie und International Public Health der Universität Bielefeld, vom Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universität Mainz (Studienleitung) und der AG Umweltepidemiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg durchgeführt.

Das Design der deutschen Teilstudie von Interphone

Die Studienregion in Deutschland umfasst die Zentren Bielefeld, Heidelberg, Mannheim und Mainz. Zwischen Oktober 2000 und November 2003 wurden alle in diesen Regionen wohnenden und neu an einem Hirntumor erkrankten Personen im Alter zwischen 30 und 69 Jahren zur Teilnahme an der Studie eingeladen. Insgesamt nahmen 366 Patientinnen und Patienten mit einem Gliom, 381 mit einem Meningeom und 97 mit einem Akustikusneurinom teil. Dies entspricht einer Teilnahmerate von mehr als 85 Prozent. Die Kontrollgruppe waren 1535 Personen zufällig aus der Bevölkerung der Studienregion ausgewählte Personen (Teilnahmerate 63 Prozent). Mit Patienten und Kontrollpersonen wurde ein systematisches Interview durchgeführt.

Ergebnisse des deutschen Teils der Interphone-Studie

Eine regelmäßige Nutzung eines Handys (d.h. mindestens einmal pro Woche) war nicht mit einem höheren Risiko verbunden, an einem Gliom oder Meningeom zu erkranken. Es wurde kein höheres Risiko mit ansteigender Nutzungsintensität beobachtet. Auch unter intensiven Mobiltelefon-Nutzern, d.h. mindestens 30 Minuten pro Tag, zeigte sich kein höheres Hirntumorrisiko. Nur wenige Studienteilnehmer benutzten ein Mobiltelefon zehn Jahre und länger. Hierunter befinden sich vor allem Nutzer analoger C-Netz-Telefone. Für diese Langzeitnutzer wurde eine Verdopplung des Risikos beobachtet, an einem Gliom zu erkranken. Da das Ergebnis auf einer sehr kleinen Fallzahl beruht, kann dieses Ergebnis auch statistischer Zufall sein oder unbekannte Störfaktoren können eine Rolle spielen. Das Ergebnis erfordert aber Beachtung, weil in der Gruppe mit der längsten Nutzungsdauer ein Risiko auch am plausibelsten wäre.

In denjenigen Gehirnregionen (seitlich: temporal und parietal), die am stärksten durch die Strahlung der Mobiltelefone belastet werden, traten Tumore nicht häufiger auf als erwartet. Dies wiederum stützt nicht die Hypothese eines ursächlichen Zusammenhangs.

Auch für die Nutzer von Schnurlostelefonen wurde kein erhöhtes Risiko beobachtet. Zwar arbeiten Schnurlostelefone mit deutlich weniger Sendeleistung als Handys, dafür ist die Nutzungsdauer oft sehr viel länger. Bei den schnurlosen Telefonen sendet in der Regel die zugehörige Basisstation andauernd hochfrequente Funksignale zu den Handgeräten (Hörern). Die höchste Belastung durch solche Basisstation ergibt sich durch eine Aufstellung in Bettnähe, da hier von der längsten konstanten Bestrahlungsdauer ausgegangen wird. Personen, die die Basisstation ihres Schnurlostelefons in Bettnähe aufgestellt haben, hatten kein höheres Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken.

Bewertung der Ergebnisse im internationalen Kontext

Insgesamt gesehen wurde unter Nutzern von Mobiltelefonen kein höheres Risiko beobachtet, an einem Gliom oder Meningeom zu erkranken. Dieses Ergebnis des deutschen Teils der Interphone-Studie entspricht weitgehend den bereits veröffentlichten Ergebnissen der Interphone-Studie aus Schweden und Dänemark. Entgegen dieser beiden Teilstudien zeigte sich im deutschen Teil jedoch ein tendenziell erhöhtes Gliomrisiko unter Langzeitanwendern von Mobiltelefonen (zehn Jahre oder mehr). Ein wissenschaftlich belastbares Urteil über diese Nutzergruppe wird aufgrund der kleinen Fallzahlen in diesen nationalen Teilstudien allerdings erst nach Abschluss der internationalen, zusammengefassten Auswertung der Interphone-Studie aller 13 Länder möglich sein. Bei Nutzern von Schnurlostelefonen zeigte sich keine Risikoerhöhung, weder bei der Exposition durch das Handgerät noch durch die Basisstation.

Förderer: Interphone-Deutschland wurde gefördert durch die Europäische Union, durch die "International Union against Cancer (UICC)", das Deutsche Mobilfunkforschungsprogramm der Bundesregierung, das Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg, das Ministerium für Umwelt Nordrhein-Westfalen und das MAIFOR Forschungsprogramm des Fachbereichs Medizin der Universität Mainz. Die UICC erhielt zum Zweck der Studienförderung Mittel vom "Mobile Manufacturers' Forum" und der "GSM Association". Über die UICC konnte die Mobilfunk-Industrie ihrer Verantwortung zur Forschungsförderung bei gleichzeitiger Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Forschungsnehmer nachkommen.

Ansprechpartner:
PD Dr. Joachim Schüz (Studienleitung), Institute of Cancer Epidemiology, Kopenhagen, +45 3525 7655
Prof. Dr. Maria Blettner (Mainz), 06131/173252
Dr. Brigitte Schlehofer (Heidelberg), 06221/422383
Juniorprofessorin Dr. Gabriele Berg (Bielefeld), 0521/1062554

* Joachim Schüz, Eva Böhler, Gabriele Berg, Brigitte Schlehofer, Klaus Schlaefer, Iris Hettinger, Jürgen Wahrendorf, Katharina Kunna-Grass, Maria Blettner: Cellular phones, cordless phones, and the risk of glioma and meningioma (Interphone study group, Germany). American Journal of Epidemiology, 2006.

Pressemitteilung Nr. 22/2006
Universität Bielefeld
Informations- und Pressestelle
Ingo Lohuis - Pressesprecher
Telefon: 0521/106-4145 (Sekretariat: 4146)
Fax: 0521/106-2964
E-Mail: ingo.lohuis@uni-bielefeld.de
Internet: www.uni-bielefeld.de


Ergänzung vom 26.01.2006

BITTE VERWERFEN Sie untenstehende Pressemitteilung Nr. 22/2006. Sie enthält leider fehlerhafte Angaben. Morgen folgt von der Univeristät Mainz eine aktualisiert Mitteilung.

Ingo Lohuis, Pressesprecher Universität Bielefeld
Telefon: 0521/106-4145 (Sekretariat: 4146)
Fax: 0521/106-2964
E-Mail: ingo.lohuis@uni-bielefeld.de
Internet: www.uni-bielefeld.de


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Informationstechnik, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


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